THEO VAN GOGH EMPFEHLUNG !: Wokeness – Die Erweckten & die Verstockten
Wokeness ist zum Generalschimpfwort gegen politisch korrekte Linke geworden. Dabei sehen diejenigen, die gegen Wokies mobilmachen, ihren Gegnern oft sehr ähnlich.
Ein Kommentar von Magnus Klaue 17. Juli 2022, DIE ZEIT – Der Psychologe Jordan Peterson in Sydney, Australien, 2019
Wie taktisch in Zeiten von Political Correctness und anderen Formen der Moralisierung von Politik und Ökonomie inzwischen der Vorwurf der Wokeness verwendet wird, ließ sich in den vergangenen Monaten am Fall des Influencers und YouTubers Fynn Kliemann studieren. Kliemann ließ im Zuge der Corona-Pandemie ab Frühjahr 2020 durch die Textilmanufaktur Global Tactics Alltagsmasken herstellen, die er online vermarktete und verkaufte. Im Mai 2022 warf Jan Böhmermann Kliemann in einem Betrag des ZDF Magazin Royale unter anderem vor, die Masken seien unter ausbeuterischen Bedingungen in Asien produziert, aber als Fair-Trade-Produkte beworben worden. Belegt wurden die Vorwürfe durch Chatverläufe und Lieferscheine. Kliemann entschuldigte sich, wies aber den Vorwurf des Betrugs zurück. In der Folge beklagte Kliemann, sein berufliches und privates Leben seien durch den von Böhmermann ausgelösten Skandal zerstört worden, und erhob den Vorwurf, “ein Teil der linken, woken Szene” würde eine “mediale Hetzjagd” auf ihn veranstalten.
Der Fall verdeutlicht, dass der seit Monaten öffentlichkeitswirksam ausgetragene Streit zwischen Wokies und Wokeness-Kritikern, zwischen Snowflakes, die bei jeder Infragestellung diskursmoralischer Normen vor Verletztheit zerfließen, und beinhart-unkorrekten Kritikern des neuen Puritanismus, in vieler Hinsicht eine Spiegelfechterei ist. Als flexibler Freiberufler, kreativer Self-Promoter, Profiteur der Corona-Ökonomie und Experte in moralpolitischem Produkt-Branding ist Kliemann selbst ein Musterexemplar des woken Sozialcharakters: grundlos von sich selbst überzeugt, trotzdem immer respektvoll und auf Augenhöhe unterwegs, wie es jüngst Carl Rhodes in seinem Buch Woke Capitalism: How Corporate Morality is Sabotaging Democracy als charakteristisch für die Vertreter der postmodernen Unternehmenskultur beschrieben hat, die nicht Produkte, sondern Gesinnungen vermarktet. Entsprechend handelt es sich bei Kliemanns Schmähung der “woken Szene” nicht um Polemik, sondern um die Klage eines Gekränkten, der sich ärgert, weil er von den Angehörigen seiner Glaubensgemeinschaft verstoßen worden ist. Die Schemata seines Denkens und Fühlens sind die gleichen wie die der Wokies: Es geht nicht um den Wettstreit der Argumente, sondern um Vertrauen und Vertrauensmissbrauch, um Glaubensbekenntnis und Verrat.
Dass die politische Ökonomie des woken Kapitalismus sich am ehesten anhand der Ähnlichkeiten darstellen lässt, die eine woke Unternehmenskultur mit Sekten verbindet, verdeutlicht ein Wokeness-Kritiker, der professioneller, intellektuell versierter und erfolgreicher als Kliemann agiert: der kanadische Psychologe Jordan Peterson. Als dieser im Januar 2022 in einem Gastbeitrag für die National Post bekannt gab, dass er sich von seinem Posten als Professor für Psychologie an der Universität Toronto zurückziehen wolle, weil er sich wegen seiner Kritik an der Cancel Culture als Persona non grata fühle und besorgt sei, seinen “heterosexuellen, weißen männlichen Studenten” würde die akademische Karriere verwehrt bleiben, war dieser beleidigte Rückzug symptomatisch für viele Kritiker der Wokeness im Kultur- und im Hochschulbetrieb. Symptomatisch war der betroffenheitspolitische Gestus, mit dem Peterson medienwirksam beklagte, ins berufliche Aus manövriert worden zu sein. Symptomatisch war die Klage über Sprech- und Denkverbote seitens eines Bestsellerautors, der seit Erscheinen seines 2018 veröffentlichten Lebenshilfe-Ratgebers 12 Rules Of Life: An Antidote of Chaos ein Massenpublikum, bestehend aus gefühlten Opfern politischer Korrektheit, Verächtern von Gender-Sprache sowie enttäuschten Liberalen und Konservativen, um sich versammelt hat, das sich keinen Beitrag auf seinem YouTube-Kanal entgehen lässt.
Symptomatisch und von anderer Qualität als Kliemanns eher anfängerhafte Performance war aber vor allem die Vehemenz, mit der Peterson, der sich mit Recht als Polit- und Psychoguru bezeichnen ließe, den Zerfall der Öffentlichkeit in Gesinnungsgemeinschaften beklagte. Erfolgreichen Gurus ähnelt Peterson, der von den Wokies, die er attackiert, habituell mindestens ebenso viel gelernt hat wie Kliemann, nicht nur in der Mischung aus Selbstviktimisierung und missionarischem Eifer, sondern auch in der Vielzahl öffentlich ausgebreiteter Macken, die den meisten weniger Prominenten im bürgerlichen Leben übel genommen würden, bei ihm aber als Zeichen von Charisma durchgehen. Nach eigenen Angaben ernährt Peterson sich – wie ein kanadischer Anti-Lauterbach – ausschließlich von Rindfleisch mit Salz, wodurch er zum Idol maskulinistischer Antiveganer wurde. Über gesundheitliche Probleme, sei es infolge einer Depression, sei es nach dem Absetzen von Medikamenten, berichtet er ebenso regelmäßig wie über Konflikte mit Arbeitgebern, Kollegen und Konkurrenten. Bekanntheit erlangte er 2017 durch seinen Protest gegen die Bill C-16, die für Kanada die Verwendung alternativer Pronomen (“ze, zher”) in amtlichen Dokumenten verankerte.
Seitdem verfolgt Peterson obsessiv das Thema der Gendersprache, ohne dass er jemals den Versuch unternommen hätte, politisch oktroyierte Sprach-Genderungen als Symptom gesellschaftlicher Veränderungen zu deuten. Stattdessen verharrt er in leerer Klage über einen irgendwie männerfeindlichen Kulturverfall. Als “liberal” oder auch “libertär” bezeichnet er sich, weil er gegenüber moralpolitischen Zugriffen des Staates auf die Staatsbürger den Verdacht hegt, sie seien wahlweise “marxistisch”, “kulturmarxistisch” oder “faschistisch” motiviert, was für ihn und seine Jünger austauschbare Schimpfwörter für eine im weitesten Sinn antiliberale Politik sind. Die Kultivierung privater Eigenheiten, die Exponierung seiner selbst als Außenseiter, die Ausrufung gemeinschaftsstiftender Feindbilder durch Indienstnahme massenpsychologisch wirksamer Stereotypien – in all dem ist Peterson den Propagandisten der Wokeness nahe, die kaum zufällig nicht einfach seine Feinde, sondern seine Lieblingsfeinde sind.
Das Phänomen postbürgerlicher Sektenbildung
Dass Gegner der Wokeness denjenigen, die sie kritisieren, im Pochen auf das eigene Ausgegrenztsein, in der Verwechslung von politischer Urteilsfähigkeit mit moralischen Glaubensbekenntnissen und in der Fixierung auf vorentschiedene Freund-Feind-Schemata ähneln, bedeutet nicht, dass es nicht möglich wäre, für eine von beiden Seiten begründet Partei zu ergreifen. Es verweist jedoch darauf, dass sowohl die Wokies wie ihre Verächter Symptom ein und derselben gesellschaftlichen Konstellation sind, die aus ihnen, obwohl sie Widersacher sind, Wahlverwandte macht. Diese Konstellation, die Rhodes in Woke Capitalism präzise, aber nicht zum ersten Mal beschrieben hat, ist gekennzeichnet durch das Fortbestehen der kapitalistischen Vergesellschaftungsform bei gleichzeitiger Entgrenzung ihrer historischen Bedingungen. Die Doppelgesichtigkeit des Kapitalismus – sich durch Umsturz der eigenen Bedingungen zu reproduzieren – ist ein Charakteristikum der kapitalistischen Ökonomie insgesamt, bringt aber mit dem Moment der Umwälzung veränderte Subjektformen und Sozialcharaktere hervor.
Biografische Berechenbarkeit, die Entwicklung stabiler beruflicher Fähigkeiten, Kalkulierbarkeit der Zukunft, all das schwindet zugunsten von totalisierter Flexibilität und einer im Zuge des Zerfalls von Klassen und Schichten sich vollziehenden Delegierung beruflicher und privater Erfolge und Misserfolge an die atomisierten Einzelnen, die sich an ihnen in wachsendem Maße “schuldig” und für sie “verantwortlich” fühlen müssen. Die Moralisierung fast sämtlicher Facetten des Erwerbs- und Alltagslebens, die im Terminus der Wokeness angesprochen ist, ist der Niederschlag solcher Veränderungen.
Indessen erfasst der Begriff der Wokeness ebenso wie der polemische der Snowflake Generation an diesem Wandel nur einseitig das Moment der Verflüssigung sozialer Rollen mitsamt berufssoziologischen Veränderungen (wachsende Bedeutung von Kommunikation, Digitalisierung, emotionale Arbeit anstelle der Dichotomie von körperlicher und geistiger Arbeit). Die im Zuge dieser Veränderungen forcierte Selbstabdichtung der Subjekte gegen jede unreglementierte Erfahrung wird von den Begriffen nicht getroffen. Die Borniertheit, das dem woken Selbstverständnis anhaftet, ist nicht einfach Symptom für Verfall eines “empowernden” Begriffs. Vielmehr hatte die Aufforderung, “wachsam” gegenüber unsichtbar gemachter Alltagsdiskriminierung zu sein, schon Mitte des 20. Jahrhunderts, als Wokeness als affirmative Selbstbeschreibung in Teilen der schwarzen US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung aufkam, einen tendenziell doktrinären Appellcharakter.
Dass der Terminus von Black-Live-Matters-Aktivistinnen, Queer-Feministinnen und anderen identitätspolitischen Bewegungen aufgegriffen wird, ist insofern konsequent. Die “Wachheit”, zu der der Wokeness-Appell auffordert, ist das Gegenteil von Ansprechbarkeit und Erfahrungsoffenheit. Sie zielt darauf, jeden Aspekt des privaten und beruflichen Lebens an einem rigiden politmoralischen Raster zu messen und alles, was durch dieses Raster fällt, zu dokumentieren, zu melden und zu sanktionieren. Moral wird nicht als ideologischer Niederschlag einer bestimmten Gesellschaftsformation verstanden, sondern als Grundlage einer puritanisch geläuterten Zukunft, der auf allen Gebieten des Lebens entgegengekommen werden muss.
Insofern strebt Wokeness nicht die Erweiterung sozialer Erfahrung, sondern ihre Selbstbeschränkung an. Dieser alles andere als “weiche” Aspekt der Wokeness wird von ihren Kritikern übersehen, wenn sie darin allein einen Angriff auf das bürgerlich-männlich-westliche Zivilisationsprojekt sehen und seine Exponenten als “Schneeflöckchen” ebenso verspotten wie verharmlosen. Der Identitätszwang, auf den die Wokeness die Menschen verpflichten will, ist, gerade weil er Fragmentierung und Atomisierung der Subjekte voraussetzt, härter und unerbittlicher, als es das bürgerliche Realitätsprinzip je gewesen ist. Wer Wokeness als Synonym für Wertezerfall und Verweichlichung versteht, hat von dieser Ambivalenz nichts begriffen.
Wo die bürgerlichen Institutionen als Vermittlungsformen zwischen Individuum und Gesellschaft versagen, während der Zwangscharakter der Vergesellschaftung fortbesteht, treten irrationale, auf Glauben, bedingungslosem Vertrauen und Ja-Sagen beruhende Gemeinschaften an deren Stelle. In diesem Sinne haben 1997 Wolfgang Pohrt (in seinem Buch Brothers in Crime: Die Menschen im Zeitalter ihrer Überflüssigkeit) und 2019 Christoph Türcke (in seiner Studie Digitale Gefolgschaft: Auf dem Weg in eine neue Stammesgesellschaft) das Phänomen postbürgerlicher Sektenbildung im Anschluss an die Kritische Theorie Theodor W. Adornos und Max Horkheimers als Zerfall bürgerlicher Sozialität in Banden und Ersetzung von Vergesellschaftung durch digitale “Vernetzung” beschrieben. Sekten, Banden und Cliquen sind ihnen zufolge keine Abfallprodukte der bürgerlichen Gesellschaft, sondern entsprechen einem massenpsychologischen Bedürfnis, das umso dringlicher wird, desto offenkundiger das Scheitern dieser Gesellschaft ist.
An die Stelle des Realitätsprinzips, des Konkurrenzprinzips, des Primats des besseren Arguments und des aufgeklärten Eigeninteresses setzen sektenförmige Gemeinschaften den ungeglaubten, aber umso blindwütigeren Glauben: Sie beruhen nicht auf der Logik von Überzeugung und Kritik, sondern von Konversion und Häresie. Wer bedingungslos mitmacht, gilt als Erweckter, wer nicht mitmachen will, als Verstockter, wer sich abwendet, als Abgefallener. Diese Sektenförmigkeit klingt nicht nur in der Selbstbeschreibung der Wokies mit, sondern wird im Habitus vieler Kritiker reproduziert, die das Etikett Wokeness reflexhaft und ohne Prüfung der eigenen Beziehung zum Gegenstand verwenden. Sie reagieren mit der gleichen Gekränktheit auf Gefolgschaftsverweigerung wie ihre Gegner, und betreiben statt Kritik, die immer Zerstörung verfestigter Überzeugungen, Widerspruch statt vorgefertigter Antworten bedeutet, die Produktion nachgefragter Meinungen.
Aus dem Zirkel von Wokeness und Antiwokeness herauszutreten, ist nur möglich durch Zurückweisung der falschen Alternative, die das Spiegelgefecht zwischen den “Erwachten” und den Verächtern einer verweichlichten Zivilisation nahezulegen scheint. Verweigerung von Parteinahme ist nicht das Gleiche wie Äquidistanz. Sie erfordert Deutlichkeit der Kritik gerade an jenen, denen man der Meinung nach zustimmt, ohne der Sache nach mit ihnen einig zu sein. Karl Kraus’ Maxime, es zähle nicht die Meinung, sondern die Frage, wer sie hat, gilt beim Streit um Wokeness, in dem Urteile flächendeckend durch Meinungen ersetzt werden, erst recht. Wo Verstockte miteinander streiten, die sich für erweckt halten, bedeutet Wachheit, aus der Verstockung herauszutreten, auch wenn viele, mit denen man sich einig glaubte, einen danach für einen Verräter halten.