THEO VAN GOGH: DIE WOMÖGLICHE NÄCHSTE NEUE GROSSKATASTROPHE – Notenbanken : Gefahr von Krisen im Bankensystem
- Von Christian Siedenbiedel FAZ – 6.09.2022-16:18 – Die Normalisierung der Geldpolitik ist dringend geboten – bringt aber auch neue Risiken mit sich. Ein Ökonom warnt: Die anstehende Normalisierung der Geldpolitik der Notenbanken sei nicht ohne Risiken für das Bankensystem. Die Gefahr einer Liquiditätskrise werde unterschätzt.
Die großen Notenbanken der Welt schicken sich an, ihre Geldpolitik wieder zu normalisieren: So wichtig dieser Schritt ist, so ist er doch auch nicht ohne Risiken für das Finanzsystem, die es aufmerksam zu verfolgen gilt. Darauf weist eine ökonomische Untersuchung hin, die der Finanzprofessor Sascha Steffen von der Frankfurt School of Finance & Management zusammen mit Kollegen vorgelegt hat und die auf der internationalen Notenbanker-Tagung im amerikanischen Jackson Hole für einige Aufmerksamkeit gesorgt hat.
Das Papier heißt „Why Shrinking Central Bank Balance Sheets is an Uphill Task“ – „Warum die Schrumpfung der Zentralbankbilanzen eine schwierige Aufgabe ist“. Unter anderem der amerikanische Notenbankchef Jerome Powell verfolgte in Jackson Hole die Analyse gespannt – und will Konsequenzen ausloten.
Neue Phase der Geldpolitik
Im Gespräch mit der F.A.Z. erläuterte Finanzprofessor Steffen seine Warnungen. Es geht um Folgendes: Die amerikanische Notenbank Federal Reserve und die Europäische Zentralbank haben ihre Bilanzen in den vergangenen Jahren durch Anleihekäufe erheblich ausgeweitet.
Jetzt stehen sie vor der gewaltigen Aufgabe, die Bilanzen um Hunderte von Milliarden Dollar und Euro zu reduzieren. Die amerikanische Notenbank schreite dabei voran, die Europäische Zentralbank werde voraussichtlich mit etwas Zeitverzögerung folgen, sagt Steffen. „Das ist nicht so leicht, wie viele der Verantwortlichen meinen“, sagt der Finanzprofessor: „Das Zurückfahren der Zentralbankbilanzen ist mit Risiken verbunden, die noch nicht ausreichend gesehen werden.“
Die Gefahr: Banken würden von der Zentralbankliquidität abhängig und diese hätten im Zweifel keine Wahl, als die Banken mit immer mehr Geld zu unterstützen.
Mit den Anleihekäufen hätten die Notenbanken Liquidität, also Geld, in das Finanzsystem gepumpt. „Man hätte erwarten können, dass mit dieser Zunahme von Liquidität im Gegenzug die Einlagen bei den Banken steigen, die dann beim Entzug von Liquidität durch die Notenbank einfach wieder verringert werden können“, sagt Steffen. „Unsere Untersuchungen zeigen aber, dass dieser Vorgang nicht so passiert ist, wie man das hätte erwarten können.“
Auffällig zugenommen hätten hingegen sogenannte Kreditlinien – das sind gleichsam Versprechen von Banken an Unternehmen, dass diese bei Bedarf zu einem vorher vereinbarten Zinssatz ohne weitere Prüfung einen Kredit erhalten. „Mit diesen Kreditlinien nun sind aus unserer Beobachtung Risiken für die Phase verbunden, in denen die Zentralbanken den Märkten Liquidität entziehen“, sagt Steffen.
Gefahr von Liquiditätskrisen
Die Phase um das Coronajahr 2020 habe gezeigt, dass es passieren könne, dass in Krisen viele Unternehmen gleichzeitig solche Kreditlinien zögen, also die versprochenen Kredite tatsächlich in Anspruch nehmen wollten, berichtet der Finanzfachmann. Dieser Vorgang setze sogar dann verstärkt ein, wenn die einzelnen Unternehmen wüssten, dass jetzt viele andere Unternehmen ihre Kreditlinien ziehen wollten – und Liquidität deshalb knapp werden könnte. „Aus unserer Sicht ist es zumindest wichtig, zu berücksichtigen, dass es aus solchen Gründen zu Liquiditätskrisen im Bankensystem kommen kann, wenn die Notenbanken ihre Bilanzen verkürzen“, warnt der Wissenschaftler. Im Euroraum seien dabei die Banken der südeuropäischen Länder im Zusammenhang mit den Kreditlinien möglicherweise stärkeren Risiken ausgesetzt als die nordeuropäischen.
Die Konsequenz könne nicht sein, dass die Notenbanken auf eine Normalisierung ihrer Bilanzen verzichten, meint Steffen. „Es scheint aber wichtig, diese Risiken zu monitoren, gegebenenfalls über die Bankenregulierung zu reagieren und beim Zurückfahren der Notenbankbilanzen vorsichtig vorzugehen.“
Insbesondere aber meint der Finanzfachmann, wenn man „Quantitative Easing“, also solche Anleihenkäufe, in Zukunft wieder einsetzen wolle, sollte man möglichst schon bei der Ausweitung der Notenbankbilanz Vorkehrungen treffen, um das Finanzsystem abzusichern – etwa die Inanspruchnahme von Notenbankliquidität durch Banken an bestimmte Bedingungen knüpfen.