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Alternative zu Russland : Riesiger Gasfund vor Zypern weckt Hoffnungen – Von Andreas Mihm, FAZ – 25.08.2022
Neue Funde bestätigen, dass vor Zypern eine riesige Gas-Bonanza im Meer liegt. Kann sie helfen, dem Gasmangel in Europa abzuhelfen?
Es ist nicht so, als sei die EU sich erst mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine ihrer russischen Gasabhängigkeit bewusst geworden. Schon im Frühjahr 2014 hatte Brüssel eine Strategie aufgelegt, um die im östlichen Mittelmeer vorhandenen Gasvorkommen anzuzapfen. Geworden ist daraus nichts, auch wegen der Streitigkeiten mit der Türkei um die Wirtschaftszone vor Zypern, über Erkundungs- und Bohrrechte, das Verlegen von Leitungen. Zeitweise stand die Erkundung still. Aber jetzt, wo die Gaspreise nie gekannte Höhen erreichen und die Not der Verbraucher groß ist, lässt ein ungewöhnlich großer Erdgasfund vor Zypern aufmerken.
Die Regierung in Nikosia hat im Meeresgebiet südlich der Insel 13 Gebiete zur Erkundung vorgesehen. In Block 6 waren der französische Energiekonzern Total und die italienische Eni schon 2018 auf Gas gestoßen. Eine neue Bohrung hat sie jetzt überrascht. Das Resultat der Cronos-1-Bohrung in 2287 Metern Tiefe sei „signifikant“. Nach ersten Schätzungen lagerten dort 2,5 Billionen Kubikfuß Gas. Das sind umgerechnet 70 Milliarden Kubikmeter – beinahe genug, um Deutschland ein Jahr lang zu versorgen.
Hunderte Milliarden Kubikmeter Gas im Mittelmeer
Womöglich liegt im Cronos-Feld, 160 Kilometer südlich der Küste in Block 6, noch mehr Gas. Total-Energies vermutet ein „erhebliches zusätzliches Aufwärtspotenzial“, das durch eine weitere Bohrung untersucht werde.
Zyperns Energieministerin Natasa Pilides wurde in lokalen Medien damit zitiert, das Bohrschiff Tungsten Explorer habe eine 260 Meter tiefe Blase „reinen Erdgases mit guten bis ausgezeichneten Qualitätsmerkmalen entdeckt“. Zypern und die Unternehmen täten alles dafür, die Nutzung des neuen Feldes zu beschleunigen und so dazu beizutragen, Europas Energiesicherheit zu erhöhen. Pilides hoffe, dass der Fund auch die Ausbeutung anderer Gasvorkommen wie im Aphrodite-Feld einfacher machen werde. Eni und Total-Energies sprachen von „zusätzlichem Potential“ für Europas Energiesicherheit.
Die beiden Konzerne sind dort nicht allein unterwegs. Auch Chevron, Exxon und Qatar Petroleum bohren im östlichen Mittelmeer nach Gas. Alles in allem vermuten die Energiekonzerne in den vier bisher untersuchten Feldern Aphrodite, Calypso, Glaucus und Cronos Vorkommen in einer Größenordnung von 600 Milliarden Kubikmeter. Weiter südlich werden schon große Felder angezapft. Israel nutzt Gas aus dem Feld Leviathan, Ägypten führt die im Feld Zohr geborgene Energie verflüssigt als LNG aus.
Doch dürfte es noch Jahre dauern, bis Gas aus Zypern, so es gefördert werden sollte, bei den europäischen Verbrauchern ankommt. Moritz Rau, Energiefachmann der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin, ist skeptisch: Zyprisches Gas stehe kurzfristig nicht zur Verfügung, und der Export auf internationale Märkte würde wohl Konflikte mit der Türkei schüren. Sein Fazit: „Die Unwägbarkeiten überwiegen.“
Vor dem Krieg noch unwirtschaftlich
Denn noch fehlt die Infrastruktur für ein Geschäftsmodell. Zwar hatten Zypern und Ägypten im Februar eine Absichtserklärung unterzeichnet, die den Gasexport mittels Unterwasserleitung zu ägyptischen LNG-Häfen ermöglichen soll. Die EU hatte im Juni mit Israel und Ägypten zusätzliche LNG-Importe verabredet. Doch das Anbinden zyprischer Gasfelder an die ägyptischen LNG-Terminals Idku und Damietta werde Jahre dauern, sagt Rau. Investoren dafür dürften „nur schwer zu finden sein, solange die EU-Nachfrage nicht langfristig gesichert ist und nicht absehbar ist, dass sich das Projekt rentiert“. Aber die EU will bald schon ganz ohne Gas auskommen.
Das Konkurrenzprojekt der „EastMed“-Gasleitung von Israel über Zypern nach Griechenland war Anfang des Jahres – vor dem Überfall Russlands auf die Ukraine – für tot erklärt worden, nachdem Washington es als unwirtschaftlich gebrandmarkt hatte. Auch die Klimapolitik mit der Abkehr von Gas und Kohle und der Hinwendung zu erneuerbaren Energien war ein Grund dafür.
Politische Hürden für die Gasförderung
Rau nennt neben wirtschaftlichen gravierende politische Hemmnisse für die Ausbeutung der zyprischen Gasfelder. Die Insel ist seit 1974 geteilt, nachdem die Türkei den Nordteil in Reaktion auf einen griechisch inspirierten Putsch besetzt hatte – und bis heute besetzt hält.
Der Konflikt und das türkische Vormachtstreben in der Region hätten viele Unwägbarkeiten. Bevor zyprisches Gas international gehandelt werde, müsse die türkische Seite an den Gewinnen beteiligt werden. Ankara habe mit dem Abdrängen von Forschungsschiffen und rechtswidrigen Erkundungen immer wieder deutlich gemacht, „dass eine internationale Vermarktung zyprischer Gasreserven nur mit türkischem Einverständnis durchzusetzen ist“, sagt Rau.
Die Türkei ist bei Öl und Gas weitgehend von Importen abhängig und leidet unter hohen Preisen. Seit Jahren versucht das Land deshalb, sich unabhängiger zu machen. So wurden im Schwarzen Meer Gasvorkommen entdeckt, die nun erschlossen werden. Nächstes Frühjahr soll das erste Gas fließen. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hat immer wieder auch Forschungs- und Erkundungsschiffe in Gewässer entsandt, die Zypern oder Griechenland für sich reklamieren. Neue türkische Grenzziehungen, die die Wirtschaftszone der Türkei bis nach Kreta ausdehnten, waren auf den Protest der EU gestoßen.
Erst Mitte August hatte die Regierung ein neues Bohrschiff ins Mittelmeer entsandt. Die „Abdülhamid Han“ soll 55 Kilometer vor der Küste bei Antalya nach Gas suchen. Das Gebiet nordwestlich Zyperns liege außerhalb der von der griechisch-zyprischen Verwaltung beanspruchten Gewässer, hieß es in Ankara, wo man offenbar bemüht ist, neue Spannungen zu vermeiden.
Vor dem Hintergrund der angespannten Wirtschaftslage der Türkei ist die Regierung zu vielen Ländern, mit denen die Beziehungen zuletzt kritisch waren, auf Annäherungskurs. Mit Israel wurden soeben die diplomatischen Beziehungen wieder aufgenommen. Auch hier spielt Erdgas eine Rolle. Erdogan möchte, dass Israel seine Exporte künftig auch über die Türkei abwickelt und das Land so seine Rolle als Gasdrehscheibe zwischen Russland, dem Kaspischen Meer sowie dem Nahen und Mittleren Osten mit Europa ausbauen kann.