THEO VAN GOGH VON DER OSTEN BIS WESTEN ! – Ukraine: “An der Front gibt es keine Atheisten”
MESOP NEU 22.8.22 – Saladin im Kampf gegen Guido von Lusignam in der Schlacht von Hattin
Der als Generalvikar am Ordinariat für die katholischen Ostkirchen in Wien tätige Yuriy Kolasa berichtet in einem aktuellen Beitrag über religiöse Phänomene, die im Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg zu beobachten seien. Eine Militärärztin habe diese mit den Worten zusammengefasst: “An der Front gibt es keine Atheisten”.1
Hintergrund und Bewertung
Kolasa führt seine Beobachtungen nicht weiter aus, aber es gibt Hinweise darauf, dass die leistungsfähigsten militärischen Verbände auf beiden Seiten des Konflikts über ein ausgeprägt religiöses Selbstverständnis verfügen, wenn auch kein christliches:
- Die Söldner der russischen „Gruppe Wagner“ praktizieren laut Medienberichten häufig eine in den 1980er Jahren in der damaligen Sowjetunion entstandene, als „Rodismus“ oder „Rodnovery“ bezeichnete Strömung des slawischen Neuheidentums. Diese stehe dem Christentum feindselig gegenüber und strebe eine Wiederbelebung vermeintlich vorchristlicher slawischer Traditionen an, stütze sich dabei aber auf eine mutmaßlich erst in den 1950er Jahren entstandene Schrift, deren Autor eine längere Überlieferungstradition vorgetäuscht habe.2
- Die Freiwilligen des ukrainischen Asow-Regiments hingegen würden häufig einer Form von Neuheidentum anhängen, die slawische und germanische Elemente miteinander verbinde. Journalisten berichten, sie hätten beobachtet, dass die Soldaten häufig Tätowierungen mit germanische Runen tragen und zugleich Rituale durchführen, bei denen “die Männer den slawischen Kriegsgott Perun ehren”. Sie “bitten Perun um Segen für ihre Waffen und schwören, ihm keine Schande zu machen: nicht in der Schlacht und nicht im Leben”.3
Die vorherrschenden Strömungen der Geistes- und Sozialwissenschaften erklären die verstärkte Hinwendung zu Religionen in Krisensituationen vorwiegend mit einem Trostbedürfnis des Menschen. Die Beobachtung, dass gerade die Menschen, die freiwillig als Soldaten am Ukraine-Krieg teilnehmen, ausgeprägt religiös sind, widerspricht dieser Annahme jedoch. Offenbar suchen zumindest Männer in diesen Fällen nicht Trost, sondern nehmen den Krieg als ein transzendentes Ereignis wahr, das eine über das individuelle Leben hinausreichende Bedeutung besitzt, und an dem sie durch ihre jeweilige Form der religiösen Praxis möglichst vollständig teilhaben möchten. Man kann zumindest annehmen, dass dies auch für die mutmaßlich christlichen Soldaten gilt, auf die sich die von Kolasa zitierte Militärärztin bezieht.
Falls dies zutrifft, würde dies bedeuten, dass die marxistisch inspirierte Annahme, dass Religion vor allem eine Trostfunktion (“Opium des Volkes”) hat, falsch oder zumindest sehr mangelhaft ist. Diese Annahme liegt auch einem aktuellen Beitrag im Nachrichtenmagazin “Der Spiegel” zugrunde, der die in Deutschland seit längerer Zeit zu beobachtende Entchristianisierung darauf zurückführt, dass “die Menschen sich früher stärker existenziellen Bedrohungen wie Hungersnöten, Kriegen oder Naturkatastrophen ausgeliefert fühlten und dann Trost in der Religion suchten”.4
Das verbreitete Unvermögen dazu, das eigene Leben als Teil transzendenter Zusammenhänge zu verstehen und die eigene Berufung darin zu entdecken, könnte jedoch zumindest bei Männern eine relevantere Ursache von Irreligiosität sein. Wie die Beispiele aus dem Ukraine-Krieg zeigen, werden Männer nicht religiös wenn sie Trost suchen, sondern wenn sie über ihr eigenes Leben hinausreichende große Aufgaben erkennen. Sie wenden sich tendenziell den Religionen zu, die ihnen einen Weg zeigen, eine aktive Rolle im entsprechenden Geschehen spielen zu können.
Der Krieg stellt in diesem Zusammenhang offenbar eine Quelle äußerst starker religiöser Symbole dar. Der Grund dafür ist nicht, dass der Krieg etwas Gutes ist, sondern dass die mit ihm verbundenen, u. a. von Karl Marlantes beschriebenen extremen Erfahrungen symbolhaft auf das Transzendente verweisen und Fragen aufwerfen, auf die nur Religionen eine Antwort geben können.
Kardinal Henri de Lubac hatte bereits vor einigen Jahrzehnten gewarnt, dass die Kirchen solche Antworten oft nicht mehr geben könnten, weil das von ihnen vertretene Christentum eine „schwächliche, wirkungslose Religion […] ohne wahren Ernst” geworden sei. In ihm trete verstärkt der Typus des „falschen Christen“ in Erscheinung, der nur eine „Kümmerform“ und eine unmännliche Karikatur des christlichen Glaubens darstelle. Dieser Typus sei dafür verantwortlich, dass viele Männer, die mit existenziellen Fragen konfrontiert seien, Antworten nicht im Christentum, sondern im Neuheidentum oder in atheistischen Weltanschauungen suchten. (sw)
Quellen
- “Ukraine: ‘An der Front gibt es keinen Atheisten’”, Katholische Kirche Österreich, 19.08.2022, URL: https://www.katholisch.at/aktuelles/139759/ukraine-an-der-front-gibt-es-keinen-atheisten, Zugriff: 21.08.2022.
- Artur Weigandt: “Riten, Opfer und ein heiliges Buch. Daran glauben Putins Söldner”, Welt Online, 13.07.2022, URL: https://www.welt.de/kultur/plus239788037/Slawisches-Heidentum-Riten-Opfer-und-ein-heiliges-Buch-Daran-glauben-Putins-Soeldner.html, Zugriff: 21.08.2022.
- Andrea Jeska: „‚Die Russen sind Zombies‘“, Die Zeit, 04.08.2022, S. 6.
- Hilmar Schmundt: “Land der Gottlosen”, Der Spiegel, 20.08.2022, S. 94-96.