THEO VAN GOGH: NICHT EINMAL DAS KLAPPT MEHR / Die Hitze war nur im Computermodell extrem – wieder einmal wurde die Unsicherheit von Wetterprognosen unterschätzt
Um Temperaturen vorherzusagen, genügt es nicht, die Simulationen anzuschauen. Die Werte müssen auch interpretiert werden, und dazu gehört Fachkenntnis.
Sven Titz 14.07.2022, NEUE ZÜRCHER ZEITUNG – Noch vor wenigen Tagen machten Vorhersagen extremer Hitze in Europa die Runde.
Nicht nur in Spanien und Südfrankreich – nein, auch in der Schweiz und Deutschland müsse man Mitte Juli mit Temperaturen um 40 Grad Celsius rechnen, vielleicht auch darüber, hiess es in manchen Medien.
So heiss wird es in Mitteleuropa wohl doch nicht werden. Die 40 Grad werden vorerst nicht erreicht. Um eine wirklich fehlerhafte Prognose handelt es sich dabei allerdings nicht. Vielmehr ist in manchen Ankündigungen der grossen Hitze verlorengegangen, wie unsicher Vorhersagen sind – vor allem solche, die sich auf einen Zeitraum beziehen, der eine Woche und mehr in der Zukunft liegt. Ausserdem basierten manche Aussagen auf Modellsimulationen, die unsachgemäss interpretiert wurden.
Bezogen auf die Hitze in Deutschland könne man fast von einem Hype sprechen, sagt Marco Stoll von Meteo Schweiz. Nach seiner Darstellung wird der erste Schwall Heissluft aus Spanien, der in der Schweiz und in Süddeutschland ein Temperaturmaximum am heutigen Donnerstag hervorruft, danach wieder von maritimer Luft abgedrängt. Der Norden Deutschlands werde von dieser ersten Hitzewelle voraussichtlich verschont.
Anschliessend werde es in der Schweiz eine Reihe von Nächten mit relativ tiefen Temperaturminima geben, zwischen 12 und 17 Grad, sagt der Meteorologe Stoll. Dann könne man gut lüften, die Menschen könnten sich erholen. Nur auf der Alpensüdseite machen die hohen Temperaturen keine Pause.
In der kommenden Woche nimmt die Hitze dann einen neuen Anlauf. Nach gegenwärtigen Prognosen muss man in der Schweiz am Mittwoch stellenweise mit Höchsttemperaturen um 35 Grad Celsius rechnen, in Deutschland um 37 Grad. Auch die Trockenheit geht in der Schweiz in die Verlängerung. In allen Seen würden die Pegelstände sinken, gab das Bundesamt für Umwelt am Montag bekannt. Nur in die von Gletschern gespeisten Flüsse strömt mehr Wasser.
Die Rohdaten müssen nachträglich ausgewertet werden
Generell hätten die Prognosemodelle ihre Stärke nicht an der Erdoberfläche, erläutert Stoll. Sie seien vielmehr gut darin, grossräumige Luftströmungen wiederzugeben. Hinzu komme die Komplexität der Landschaft. Selbst räumlich hoch aufgelöste Prognosemodelle könnten die Wetterverhältnisse in einem Land wie der Schweiz mit vielen Hügeln und Bergen nicht bis in die geografischen Details hinein darstellen.
Darum machen Meteorologen für die eigentliche Vorhersage der lokalen Temperaturwerte nachträgliche Anpassungen. Sie beruhen auf statistischen Auswertungen früherer Vorhersagen. «Postprocessing» heisst der Fachbegriff dafür. Laut Stoll gilt das zum Beispiel auch für die Werte, die in der App von Meteo Schweiz gezeigt würden.
Doch heutzutage können Laien auf diversen Webseiten auch die rohen, noch nicht angepassten Resultate von Wetterprognosemodellen erhalten. Dann kommt es leicht zu Fehlinterpretationen, nicht nur was die lokalen Besonderheiten betrifft.
Trocknet der Boden im Computermodell aus, wird es heiss
Ein Teil der Vorhersagekarten, die in den sozialen Netzwerken kursieren, stammt zum Beispiel von dem Prognosemodell GFS der National Centers for Environmental Prediction in den USA. Doch dieses Modell hat eine Schwäche, die versierten Meteorologen längst bekannt ist: Vielerorts sinkt im Sommer die Feuchtigkeit in der obersten Bodenschicht stärker ab als in der Realität.
Die Folge ist, dass in diesem Modell weniger Energie der Sonnenstrahlung in die Verdunstung von Wasser umgesetzt wird; diese Energie geht stattdessen vermehrt in die Aufheizung des Bodens und der Luft. Darum können die simulierten Temperaturwerte im Sommer auf phantastisch hohe Werte steigen, die in der Wirklichkeit nicht eintreffen.
In einer der GFS-Simulationen, die vor ein paar Tagen auf Twitter geteilt wurden, erreichte zum Beispiel die Temperatur im Westen Deutschlands sage und schreibe 45 Grad Celsius. Dieser Wert liegt weit über dem deutschen Rekordmaximum von 41, 2 Grad und erscheint unter den gegenwärtigen Bedingungen kaum erreichbar, selbst wenn der Klimawandel das Niveau bereits angehoben hat.
Doch bei dieser Hitzeperiode ist es nicht nur zu Fehlinterpretationen gekommen. Die Vorhersagen mussten durchaus auch ein wenig nach unten korrigiert werden. Einer der Kandidaten für die Unsicherheitsquelle ist das kleine Tiefdruckgebiet westlich der Iberischen Halbinsel, welches die Hitze aus Spanien Richtung Mitteleuropa befördert. Derartige Tiefs bringen die Vorhersagen oft durcheinander.
Ob das auch diesmal so war, das weiss auch Stoll nicht. Selbst im Nachhinein sei oft nicht leicht zu sagen, wodurch im Einzelfall eine ungenaue Vorhersage hervorgerufen werde.