THEO VAN GOGH NEWS: DIE FORTSCHREITENDE SPALTUNG DER US GESELLSCHAFT

«Software kann als Waffe eingesetzt werden»: Der Palantir-CEO legt die Basis für eine nüchterne Debatte über den militärischen Einsatz von neuen Technologien

Alex Karp, Mitgründer und CEO der Datenanalysefirma Palantir, kritisiert in einem offenen Brief die «Monokultur» im Silicon Valley und stellt sich hinter die Armee.

Gioia da Silva, San Francisco15.02.2022, NZZ  –

Fühlt sich nicht mehr wohl im Silicon Valley: Alex Karp, Mitgründer und CEO von Palantir

Alex Karp tritt selten an die Öffentlichkeit. Es haben ihn nur eine Handvoll Medien interviewt, normalerweise spricht er nicht einmal an den Investorenkonferenzen seines Unternehmens. Nun hat die Datenanalysefirma Palantir am Montag aber einen offenen Brief zum Jahr 2021 von ihrem CEO publiziert – ohne dass es dafür einen konkreten Anlass gegeben hätte.

Karp philosophiert darin primär über sein Weltbild und die Mission seiner Firma. «Wir werden nicht aufgeben, jene zu verteidigen, die uns schützen», schreibt er und lässt damit durchblicken, dass er stolz ist auf seine Firma, die mit ihrer Software zur Analyse von grossen Datenmengen die amerikanische Armee, Strafverfolgungsbehörden und Geheimdienste versorgt. Schliesslich bekämpfen die Behörden damit Terrorismus und Kriminalität.

Auf der anderen Seite kritisiert Karp jene Silicon-Valley-Firmen, die sich einer Zusammenarbeit mit Militär und Strafverfolgungsbehörden verweigern oder sie gar erschweren. Karp nennt in seinem Brief keine konkreten Beispiele, hat sich aber zuvor mehrfach öffentlich beschwert über die armeekritische «Monokultur» im Silicon Valley. Auch deswegen hatte Palantir vor rund zwei Jahren den Hauptsitz nach Denver (Colorado) verlegt.

Militärischer Nutzen von neuen Technologien wird verschleiert

Die meisten Silicon-Valley-Firmen würden die Güterabwägung vom legitimen Einsatz von neuen Technologien zu militärischen Zwecken verschleiern oder totschweigen, schreibt Karp nun in seinem Brief. Dabei sei jede neue Technologie potenziell gefährlich, «inklusive unserer». Software könne als Waffe eingesetzt werden, schreibt Karp. «Leben wurden gerettet und genommen als Resultat unserer Softwareprodukte.»

Tatsächlich wird vermutet, dass Datenanalysen von Palantir unter anderem dazu verwendet wurden, Terroristen, unter ihnen auch Usama bin Ladin, der Gründer der Terrororganisation al-Kaida, an ihren geheimen Aufenthaltsorten aufzuspüren. Bin Ladin wurde im Anschluss von einem Sonderkommando der amerikanischen Armee getötet, zehn Jahre nach dem Anschlag auf das World Trade Center.

Dass Karp die potenziellen Auswirkungen der Software von Palantir auf das politische und auch geheimdienstliche Geschehen nun aktiv thematisiert, könnte ein Anstoss dafür sein, die Anwendung von Technologien im militärischen Kontext neu zu diskutieren – gerade auch im Hinblick auf die gegenwärtige Krise um die Ukraine. Allerdings hat bisher keine Partei und keine Interessenvertretung auf den Brief Karps reagiert.

Gegengewicht zu Peter Thiel

Die Stellungnahme Karps kommt, nur wenige Tage nachdem ein anderer Mitgründer von Palantir, Peter Thiel, von sich reden gemacht hatte. Thiel hatte sich Anfang Februar unerwartet aus dem Verwaltungsrat des Facebook-Konzerns Meta zurückgezogen. Der Investor und Mehrfachunternehmer – unter anderem hatte er zusammen mit Elon Musk den Bezahldienst Paypal gegründet – will sich nach eigenen Angaben auf die Politik konzentrieren. Es scheint, als würden sowohl Thiel wie auch Karp im gegenwärtigen politischen Klima der USA eine Chance und die Notwendigkeit sehen, ihre Standpunkte in der Öffentlichkeit einzubringen.

Allerdings ordnen sich Thiel und Karp politisch gegensätzlichen Lagern zu. Thiel sagt, er sei libertär und unterstütze die Republikaner, insbesondere den ehemaligen Präsidenten Donald Trump und seine Gefolgschaft. Karp hingegen bezeichnet sich in einem Interview mit dem amerikanischen Fernsehsender CNBC als progressiv und spendete für den Wahlkampf von Joe Biden 50 000 Dollar.

Ähnlich wie Thiel in seinen Stellungnahmen warnt Karp in seinem Brief vor Spaltungen innerhalb der amerikanischen Gesellschaft. Karp sieht nicht nur einen wachsenden Graben zwischen Tech-Unternehmen und dem Militär, sondern auch zunehmendes Missverständnis zwischen dem Verteidigungsdepartement und der politischen Elite in den USA.

Die Interessen der «regierenden Klasse» divergierten immer mehr von jenen der Öffentlichkeit, schreibt Karp. «Die Regierungselite trägt die Kosten für die Verteidigung unseres Landes nicht.» Dann ergänzt er, dass Palantir entschieden für die Interessen der Armee einstehe.

Palantir: Jeder sieht, was er sehen möchte

Palantir wird seit Jahren immer wieder kritisiert, weil das Unternehmen in politisch aufgeladenen Feldern agiert. In der Strafverfolgung soll Palantir-Software für «predictive policing» verwendet werden – also für eine Polizeiarbeit, die Daten aus früheren Straftaten dazu verwendet, künftige Delikte vorherzusagen. Dies ist besonders in den USA umstritten, weil die Polizei dort dafür kritisiert wird, afroamerikanische Personen häufiger wegen Straftaten zu verfolgen als Weisse. Weil die Daten aus der Vergangenheit also eine Schlagseite hätten, werde das Resultat der Prognose auch eine solche haben, befürchten Opponenten. Damit könnten mehr Unschuldige auf Verdächtigenlisten landen als nötig.

Weiter soll eine Palantir-Software dafür eingesetzt worden sein, illegale Immigranten zu identifizieren und sie auszuweisen. Dies löste vor zwei Jahren in New York, in Palo Alto und an mehreren Universitäten Demonstrationen gegen die Firma aus. Schliesslich sind illegale Immigranten in den USA längst Teil der Gesellschaft und aus gewissen Wirtschaftssektoren wie dem Gastgewerbe oder der Landwirtschaft kaum wegzudenken.

Im Kontrast dazu gewinnt Palantir derzeit viele neue Kunden aus dem Unternehmensbereich. Airbus, Morgan Stanley, Fiat Chrysler und rund 150 weitere Firmen arbeiten mit Palantir. Sie nutzen die Software, um grosse Datenmengen zu visualisieren und damit ihre Effizienz zu steigern.

Je nachdem, wen man fragt, was Palantir ausmache, erhält man also sehr unterschiedliche Antworten. Für Karp ist Palantir ein patriotischer Zulieferer, der die Regierung beim Schutz der Bevölkerung unterstützt. Für Menschenrechtsaktivisten profitiert die Firma von Kriminalität und Konflikten. Für Privatunternehmen ist sie eine einfache Zulieferfirma.