THEO VAN GOGH SOCIETY:Die Deutschen sorgen sich um die Inflation und um Russland – und halten wenig von Annalena Baerbock

Meinungsforschungsinstitut Allensbach

Der «Sicherheitsreport 2022» misst den Bundesbürgern den Puls. Wirtschaftliche Ängste dominieren, während die gesundheitlichen Risiken ihren Schrecken verlieren. Gestiegen ist der Anteil derer, die sich einen freiheitlicheren Umgang mit der Corona-Krise wünschen.

Alexander Kissler, Berlin NZZ 1.02.2022,

Während dem deutschen Gesundheitsminister Lauterbach grosses Vertrauen entgegengebracht wird, muss sich Aussenministerin Baerbock – hier mit ihrem russischen Amtskollegen Lawrow – mit tiefen Zustimmungswerten begnügen.

Der deutsche Bundeskanzler Olaf Scholz vermag seine Leidenschaft zu zügeln. Mehrfach aber hat er sich in seiner bisher noch recht kurzen Amtszeit als passionierter Redner entpuppt – immer dann, wenn er der Auffassung entgegentrat, Deutschland sei zerrissen. «Dazu», sagte er im Bundestag, «stelle ich fest: Unsere Gesellschaft ist nicht gespalten.»

Der an diesem Dienstag veröffentlichte «Sicherheitsreport 2022» könnte Scholz ins Grübeln bringen. Immerhin 56 Prozent aller Deutschen und damit 4 Prozentpunkte mehr als im Vorjahr machen sich «grosse Sorgen», dass die Gesellschaft sich «immer mehr» spalten könnte. Hohe 70 Prozent wünschen sich mehr Einsatz vom Staat gegen diese Spaltungstendenzen. Und das ist nicht die einzige aufschlussreiche Erkenntnis, die der Report bereithält.

Seit 2011 erstellt das Meinungsforschungsinstitut Allensbach im Auftrag des Hamburger Centrums für Strategie und Höhere Führung jährlich den «Sicherheitsreport». Er soll ermessen, welche Befürchtungen und Risiken die Bundesbürger umtreiben. Für die jüngste Ausgabe wurden zwischen dem 6. und 20. Januar insgesamt 1090 Personen persönlich und mündlich befragt, «repräsentativ für die deutsche Bevölkerung ab 16 Jahren».

Sorge um Inflation dominiert

Die häufigsten Antworten in einer repräsentativen Umfrage zu den grössten Sorgen der Deutschen, in Prozent

InflationWirtschaftliche Folgen von CoronaInstabile Lage in Europa und der WeltCorona-LageUnterschiede zwischen Arm und ReichZunahme von Gewalt und KriminalitätSpaltung der GesellschaftKlimawandel7766626059595654

Befragt wurden insgesamt 1090 Menschen ab 16 Jahren zwischen dem 6. und 20. Januar 2022.

Quelle: Allensbach

NZZ / kis.

Neben der wachsenden Sorge um eine gesellschaftliche Spaltung fällt eine weitere Kategorie wenig schmeichelhaft für die «Ampel» aus. Die Zahl derer, die befürchten, «unsere Regierung» könnte sich angesichts mannigfacher Probleme als zu schwach erweisen, schnellte binnen Jahresfrist von 24 auf 35 Prozent empor. Andererseits schwand die Sorge, die politische Stabilität insgesamt könnte abnehmen, von 44 auf 33 Prozent. Deutet sich so im dritten Corona-Jahr eine Entkoppelung von gesellschaftlichem Empfinden und Vertrauen in die Leistungsfähigkeit der Exekutive an? Entpolitisiert sich Deutschland zum Wohle der Politik?

Zumindest wird das Vertrauenskapital unterschiedlich verzinst. Auf dem Stand von Mitte Januar trauen 62 Prozent der Befragten dem Gesundheitsminister Karl Lauterbach «gute Arbeit» zu, aber nur 23 Prozent der Aussenministerin Annalena Baerbock. Katastrophal sind mit 15 und 13 Prozent die Zustimmungswerte für die neue Bundesinnenministerin Nancy Faeser und die neue Verteidigungsministerin Christine Lambrecht, die beide der SPD angehören.

Deutsche Paradoxien

Baerbock mag ihren schlechten Rang umso weniger goutieren, als ihr grüner Kabinettskollege Robert Habeck bemerkenswerte 43 Prozent erhält. Daraus liesse sich der nicht minder auffällige Schluss ziehen, dass Habeck weit eher als Klimaschutzminister wahrgenommen wird denn als Bundeswirtschaftsminister, der er ebenfalls ist. Gleichzeitig mit seiner relativ guten persönlichen Wertschätzung gaben die befragten Deutschen nämlich zu Protokoll, dass die Inflation sie momentan am meisten bekümmere.

Gegen die Entwicklung, «dass das Geld immer weniger wert ist», wünschen 84 Prozent ein stärkeres Engagement vom Staat, 70 Prozent benennen eine Inflation als ihre grösste Sorge. In seiner ersten Regierungserklärung als Wirtschaftsminister bekannte Habeck, eine hohe Inflation sei «gerade für Haushalte mit niedrigem Einkommen eine besondere Belastung».

Vor einem Jahr hatten sich die Deutschen vor allem um die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Krise gesorgt. Diese Befürchtung rutschte auf den zweiten Rang, ist mit 66 statt 70 Prozent aber immer noch ein erheblicher Spannungsfaktor. Unverändert 62 Prozent bekümmert eine geopolitisch unberechenbare Lage und 54 Prozent – auf gleichfalls stabilem Niveau – der Klimawandel.

Generell büsst die Corona-Krise in der allgemeinen Wahrnehmung an Schrecken ein. Durch neue weltweite Pandemien fühlen sich 31 statt zuvor 43 Prozent bedroht, durch eine Ansteckung mit dem Coronavirus 30 statt 34 Prozent. Auch darin drückt sich eine Paradoxie aus: Den Regierungen wird weniger zugetraut, aber die Resultate ihres Wirkens verlieren an Belang.

Das Prinzip des Bären

Sicherheit hat auch eine aussenpolitische Komponente, und da haben sich die Gewichte gewaltig verschoben. Vor einem Jahr wurden Nordkorea vor Iran, China, der Türkei und der mit 32 Prozent weit abgeschlagenen Russischen Konföderation als grösste Bedrohung für den Weltfrieden eingeschätzt. Nun rangiert Russland mit 66 Prozent auf dem ersten Rang, China behielt den zweiten, Nordkorea fiel auf den dritten, Iran auf den fünften Platz. Dazwischen schob sich Afghanistan.

Bei aller realpolitischen Neigung scheinen die Deutschen weiterhin dem Prinzip des Bären zu folgen, der sich seinen Pelz waschen lassen möchte, ohne nass zu werden. 72 Prozent insgesamt statt zuvor 58 Prozent – aber nur 54 Prozent im Osten der Republik – halten die Mitgliedschaft in der Nato «für die Sicherheit unseres Landes» für wichtig. Gleichzeitig fordern nur 44 Prozent, dass Deutschland seine Mitgliedspflichten erfüllen und sich militärisch an der Verteidigung eines angegriffenen Nato-Staates beteiligen solle.

So ringen die Deutschen auch zu Beginn dieses Jahres mit sich und ihren Prinzipien. Mal schauen sie entspannt auf Probleme, deren Lösung sie kaum jemandem zutrauen, mal sorgen sie sich sehr. Stabil ist nur die Sehnsucht nach Stabilität – wenn auch mit leichten tektonischen Verschiebungen.

Stimmten anno 2021 noch 77 Prozent der These zu, in Corona-Zeiten sei möglichst grosse Sicherheit am wichtigsten und die Freiheit des Einzelnen müsse beim Schutz vor Ansteckung hintanstehen, sind es jetzt nur noch 66 Prozent. Und immerhin 25 statt 17 Prozent bekennen sich zur ziemlich undeutschen Aussage, Freiheit gehe vor Sicherheit. Jeder, sagt einer von vier Deutschen, jeder möge selbst entscheiden, welche Schutzmassnahmen er ergreife und welche nicht.