THEO VAN GOGH SOCIETY: THE RKI PARTY IS OVER / UNGEHEUERLICHES!
Das Robert-Koch-Institut (RKI) kapituliert. Es könne „nicht mehr jeder Einzelfall im Meldesystem erfasst” werden, heißt es im neuen Corona-Wochenbericht, der am Donnerstagabend veröffentlicht wurde. Das ist logische Folge der PCR-Test-Rationierung, aber nach Auffassung der Behörde auch gar nicht so schlimm, weil es ja noch andere Erfassungssysteme wie das „GrippeWeb” gebe
, die Erkrankungswellen abbilden können. Außerdem, so schreiben die RKI-Fachleute nonchalant weiter, stehe „für die Lagebewertung in der aktuellen Situation der Pandemie nicht die Erfassung aller Infektionen durch SARS-CoV-2, sondern die Entwicklung der Anzahl und Schwere der Erkrankungen im Vordergrund”.
Dies freilich ändert nichts an der Tatsache, dass mit dem unerhörten RKI-Bekenntnis eine präzise, zeitnahe, möglichst tagesaktuelle und regional bis auf Kreisebene ausdifferenzierte Darstellung des Infektionsgeschehens aufgegeben wird. Fallzahlen und Inzidenzen sind praktisch ab sofort und für ungewisse Zeit nur noch als Untergrenzen zu begreifen.
Nach dem vielerorts betriebenen Schmu mit den Impfstatistiken verliert nun auch die noch wichtigere Fallzahlstatistik Glaubwürdigkeit. Und mehr noch: Der Bürger, der einen Eindruck gewinnen will, um sich eine politische Meinung zu bilden, muss sich mit Ungefährem begnügen; der Bürger, der seine persönliche Vorsicht an die epidemiologische Lage anpassen will, wird sich auf die Bewertungen Dritter verlassen müssen.
Frohlocken können, wenn der Staat nicht einmal mehr Strichlisten fehlerfrei zu führen imstande ist, nur die „Querdenker”. In deren Szene ist aus der richtigen Beobachtung, dass es problematisch ist, politische Maßnahmen allein an die Inzidenzen zu knüpfen, dieser falsche Schluss gezogen worden: Dass es unerheblich sei, wie hoch die Inzidenz ist.
Wer sagt, dass die Inzidenz egal ist, der sagt – und das wird zuweilen übersehen – implizit auch, dass es egal ist, wie viele Menschen sich mit dem Coronavirus infizieren. Und genau das ist es eben nicht.
Nun ist zwar richtig: Die Korrelation zwischen den Fallzahlen bei den Über-35-Jährigen und der Belegung der Intensivstation mit Covid-19-Patienten war in der Alpha- und der Delta-Welle hoch und unzweideutig, in der Omikron-Welle dagegen ist sie zumindest stark abgeschwächt. Sich aber darauf zu verlassen, dass es eine komplette, fortdauernde Entkopplung geben wird zwischen Fallzahlen und Intensivbetten-Belastung, ganz gleich, wie hoch die Inzidenz noch steigen, ist ein Spiel mit dem Feuer.
Und deshalb sind und bleiben Fallzahlen und Inzidenz etwas, was man wissen wollen sollte. Vage Ahnungen sind da nur ein schlechter Ersatz.
28-1-2022 DIE WELT