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Genting Werften : Lim bringt sich +seine Milliarden in Sicherheit, Singapur FAZ –  24.01.2022

Seine Gläubiger lässt er im Regen stehen, seine Milliarden bringt er in Sicherheit: Der Malaysier Lim Kok Thay lässt seinen Reederei-Konzern untergehen.

Lim Kok Thay ist als Chef der insolventen Reederei Genting Hongkong zurückgetreten. Wo der malaysische Milliardär kann, taucht er weg. Und investiert an anderer Stelle kräftig. Gläubiger und Werftarbeiter haben das Nachsehen.

Wie ein Kartenhaus bricht das Reich nun zusammen: Wer am Wochenende in Singapur eine „Reise ins Nirgendwo“ über die Internetseite der Hongkonger Genting-Reederei Dream Cruises buchen wollte, wurde vertröstet: „Keine Ergebnisse“. Unterdessen trat der Vorsitzende des Verwaltungsrates von Genting Hong Kong am Montag zurück. Der malaysische Milliardär Lim Kok Thay nahm seinen Hut, während sein Kreuzfahrt- Unternehmen in die Insolvenz geschickt wird. In Amerika bemühen sich Staatsanwälte schon, eines der Flaggschiffe an die Kette zu legen. Und in Singapur bleibt ein Lieferant auf seinen Rechnungen sitzen.

Während sich die Superreichen in Hongkong zurückziehen, bangen in Deutschland knapp 2000 Menschen im MV Werftenverbund weiter um ihre Arbeitsplätze. Die „Global One“, auch „Global Dream“ genannt, haben sie für die Reederei von Genting Hong Kong zu drei Viertel fertig gebaut. Wer aber will das Riesenschiff für rund zehntausend Kreuzfahrer jetzt? Obwohl es extra für den asiatischen Bedarf von Dream Cruises ausgelegt wurde, sollen sich erste Interessenten gemeldet haben, sagte Christoph Morgen, der Insolvenzverwalter der MV-Werften, Mitte vergangener Woche.

In der staatlichen Presse Singapurs, wo Lim massiv investiert ist, werden derweil Bankmanager zitiert, die deutschen Politikern die Schuld an der Krise geben: „Der Grund für das Scheitern war, dass die Deutschen von (Lim) Kok Thay eine persönliche Bürgschaft für die Darlehen verlangten, was nicht Teil des ursprünglichen Plans war“, wird ein „hochrangiger Private-Equity-Manager, der mit der Situation vertraut ist“ am Montag in der Singapurer The Straits Times zitiert.

Folgeschäden in Milliardenhöhe

Obwohl hier ein Lebenswerk schmilzt, klingt die Mitteilung an die Börse in Hongkong, wo die Aktie von Genting weiter ausgesetzt bleibt, kühl – die Sprecher des Familienoberhaupts nutzen für seinen Rückzug denselben Satz, den sie schon für den Rückzug seines Sohnes Lim Keong Hui Ende August 2020 verwendeten: „Es gibt keine Meinungsverschiedenheiten mit dem Verwaltungsrat.“

Zeitgleich zieht sich auch Lims rechte Hand Au Fook Yew von seiner Rolle als Stellvertretender Vorstandschef von Genting Hong Kong zurück. Mit einem Anteil von 76 Prozent ist Lim Kok Thay der größte Aktionär des Reederei-Unternehmens, zu dem die Linien Dream Cruises, Star Cruises und die in Miami beheimatete Crystal Cruises zählen. Durch den Zusammenbruch der Hongkonger Dachgesellschaft sollen 2,7 Milliarden Dollar Folgeschäden drohen, ließ Lim schon warnen. Insgesamt soll Genting Hong Kong derzeit einen Schuldenberg von 3,4 Milliarden Dollar aufgetürmt haben – Geld, das anderen Firmen fehlt, um ihr eigenes Überleben in schweren Zeiten zu sichern.

Deshalb wollen die Amerikaner die schneeweiße Crystal Symphony an die Kette legen, sobald sie am Kreuzfahrt-Kai in Miami festmacht. So wollen sie Treibstoffrechnungen in Höhe von 1,2 Millionen Dollar allein gegen dieses Schiff sichern. Der 27 Jahre alte Luxuskreuzer wurde für Samstagabend zurück in Florida erwartet; Schiffstracker allerdings zeigen, dass das Luxusschiff mit 1040 Gästen an Bord rechtzeitig Bimini auf den Bahamas vor der Küste ansteuerte, wo die amerikanische Justiz keinen Zugriff hat.

Passagiere berichteten von Bord, ihnen sei gesagt worden, sie würden nun per Fähre von Bimini nach Florida gebracht werden; augenscheinlich wollen die Manager ihre Schuld nicht begleichen, das Schiff aber schützen. Bimini ist für Genting vertrautes Gelände: Denn Lims Mutterkonzern, Genting Malaysia Berhad, betreibt dort das Glücksspielhotel Resorts World Bimini Bahamas – „ein Ziel jenseits der Grenzen eines Paradieses“, wie der Konzern wirbt.

Forderungen reichen bis ins Jahr 2017

Der in Singapurs Geschäftsviertel Suntec City ansässige Bunkerlieferant Peninsula Petroleum Far East sieht die Welt nüchterner. Denn er gehört zu jenen, die sich von den Malaysiern um ihr Geld betrogen fühlen. Peninsula Petroleum verlangt von Genting das Begleichen offener Rechnungen in Höhe von insgesamt 4,6 Millionen Dollar. Darunter sind sogar noch offene Forderungen aus dem Jahr 2017 für das Betanken der Superstar Libra im malaysischen Penang, monieren die Singapurer. Noch am 8. Januar dieses Jahres sei die Crystal Symphony in Miami betankt worden. Von dort stach sie am selben Tag zu einer vierzehntägigen Karibik-Kreuzfahrt in See.

Donnerstag vergangener Woche gaben die Amerikaner dann erstmals dem Antrag eines Gläubigers von Genting Hong Kong statt: Ein Gericht in Florida verhängte den Vollstreckungsbefehl zum Eintreiben der Genting-Schulden. Auch das „wertsichernde Kerngeschäft“, das Weiterführen der Kreuzfahrten mit Gentings Seeschiffen und fünf Flusskreuzern, hat sich damit zerschlagen. Denn mehr Anwälte werden mit der Kette drohen.

Neben den Bahamas spielt auch das sechs Flugstunden entfernte Bermuda eine Rolle im Drama um den asiatischen Reeder. Mitte vergangener Woche hatte das Hongkonger Unternehmen einen vorläufigen Insolvenzverwalter beim Obersten Gerichtshof der Insel beantragt. Alle „angemessenen Bemühungen“ seien ausgeschöpft, mit den Gläubigern zu verhandeln. Im vergangenen Mai hatte der ausgewiesene Rekordverlust von Genting Hong Kong bei 1,7 Milliarden Dollar gelegen.

Lim profitierte selbst von der Pleite einer Reederei

Selbst eine solche Summe hätte der elfreichste Malaysier Lim rein rechnerisch aus der eigenen Schatulle begleichen können – sein Privatvermögen wird auf 2,6 Milliarden Dollar geschätzt. Den Kern seines Konzerns, der heute neben den rund um die Erde verteilten Glücksspielpalästen auch Kraftwerke, Plantagen und Biotechnologie umfasst, hatte sein Vater 1965 gelegt: Bettelarm war er aus China ins damalige Malaysia gekommen. Später schmiedete Lim Kok Thay dann gemeinsam mit seinen Söhnen in Hongkong Asiens größte Kreuzfahrt-Reederei. Ironie der Geschichte: Der Glücksspiel-Tycoon selber profitierte von der Pleite einer Reederei. 1993 kaufte er Fähren von einem zusammengebrochenen Reeder, die dann den Grundstein für Star Cruises bildeten.

Mit seinem Konzern zielte Lim auf Synergien: Die Passagiere konnten schon an Bord zocken, hatte das Schiff die Hoheitsgrenzen überquert. An Land gelassen wurden sie dann gerne, wo einer der Paläste des Genting-Konzerns Betten und weitere Spieltische bot – ganz gleich, ob in Singapur oder Bimini. Der heute 70jährige kaufte dann die deutschen Werften, um dort Schiffe nach eigenen Vorstellungen in Spitzenqualität fertigen zu lassen. Der selbsternannte Kapitän aus dem 14 Flugstunden entfernten Malaysia versprach Arbeitern und Politikern einen „sehr aktiven Schiffbau-Standort“. Der nun brach liegt.

Denn spätestens die Corona-Pandemie zerschlug seine Vision. Seit November verlor der Wert der Aktie von Genting Hong Kong bis zum Aussetzen des Handels schon 60 Prozent. Wie die Wellen, die ein Stein hinterlässt, der ins Wasser geworfen wurde, zieht auch Lims Reeder-Krise immer weitere Kreise: Die drei staatlichen malaysischen Institute Malayan Banking, CIMB und RHB zählen mit rund 600 Millionen Dollar zu den großen Gläubigern von Genting Hong Kong. Aber auch die Singapurer OCBC, deren Kunden gerade unter einem riesigen Betrugsskandal stöhnen, und die französischen BNP Paribas und Credit Agricole sind betroffen.

Großinvestitionen in andere Unternehmen seines Konglomerats

Insbesondere die harte Corona-Politik Chinas und seiner Sonderverwaltungszone Hongkong hatte Lim und seine Schiffe getroffen. Noch schwelt die Hoffnung, dass das Familienoberhaupt Mittel aus dem Konzern umwidmet, um sein Kreuzfahrtgeschäft zu restrukturieren und die Arbeitsstellen zu sichern. Immerhin hielt Genting Malaysia, der Betreiber des Großcasinos und Vergnügungsparks vor den Toren Kuala Lumpurs, schon bis 2016 einen Anteil von 17 Prozent an Genting Hong Kong besessen. Mit den Insolvenzanträgen, den drohenden Pfändungen und dem Rücktritt von Lim Senior deutet freilich immer weniger darauf hin. Lim scheint seine verbliebenen Schäfchen ins Trockene bringen zu wollen.

Der Unternehmenschef scheint überzeugt, die Schiffe lieber sinken zu lassen, als sein Konglomerat zu gefährden. Das nämlich frisst weiter Milliarden von Dollar: Erst im Juni vergangenen Jahres hatte Genting sein Resorts World Las Vegas für 4,3 Milliarden Dollar eröffnet. 800 Millionen Dollar sollen in einen Vergnügungspark in Malaysia fließen. Und für 4,5 Milliarden Singapur Dollar (2,59 Milliarden Euro) wollen die Malaysier ihr Großprojekte Resorts World Sentosa, auf der Vergnügungsinsel vor Singapur, überholen.

Erstmals angekündigt ausgerechnet im April 2019, zu Beginn der Pandemie, wurde die teure Renovierung mehrfach und nun auf dieses Jahr verschoben. „RWS2.0“ soll die Bruttogeschossfläche um 50 Prozent oder 164.000 Quadratmeter vergrößern. Die Universal Studios Singapore werden genauso erweitert wie die S.E.A. Aquariums, eintausend Hotelzimmer will Lim auch noch bauen.

Ob die um ihr Geld betrogenen Manager von Peninsula Petroleum, dessen Firmensitz nur sechs Kilometer entfernt liegt, an seinen Roulette-Tischen spielen werden, darf bezweifelt werden.