THEO VAN GOGH EMPFEHLUNG: Theodor W. Adorno, Minima Moralia, “Heliotrop”
Dem, zu dessen Eltern Logierbesuch kommt, schlägt das Herz mit größerer Erwartung als je vor Weihnachten. Sie gilt nicht Geschenken sondern dem verwandelten Leben. Das Parfüm, das die eingeladene Dame auf die Kommode stellt, während er beim Auspacken zusehen darf, hat den Duft, der der Erinnerung gleicht, schon wenn er ihn zum ersten Mal atmet.
Die Koffer mit den Schildern vom Suvrettahaus und von Madonna di Campiglio sind Truhen, in denen die Edelsteine Aladins und Ali Babas, eingehüllt in kostbare Gewebe, die Kimonos des Logierbesuchs, aus den Karawansereien der Schweiz und Südtirols in Schlafwagensänften herbeigeschleppt werden zur gesättigten Betrachtung.
Und wie im Märchen Feen zu Kindern reden, so redet der Besuch ernsthaft, ohne Herablassung zum Kinde des Hauses. Verständig fragt es nach Land und Leuten, und die, für welche es nicht täglich vertraut ist und die nichts sieht als die Faszination in seinen Augen, antwortet ihm mit Schicksalssprüchen von der Gehirnerweichung des Schwagers und den Ehehändeln des Neffen. So fühlt das Kind mit einem Male in den mächtigen und geheimnisvollen Bund der Erwachsenen sich aufgenommen, die magische Runde der vernünftigen Leute.
Mit der Ordnung des Tages – vielleicht darf am folgenden die Schule versäumt werden – sind auch die Grenzen zwischen den Generationen suspendiert, und die wahre Promiskuität ahnt, wer um elf Uhr immer noch nicht ins Bett geschickt wird.
Der eine Besuch weiht den Donnerstag zum Fest, in dessen Rauschen man mit der ganzen Menschheit zu Tische zu sitzen meint. Denn der Gast kommt von weither. Sein Erscheinen verspricht dem Kind das Jenseits der Familie und gemahnt es daran, daß diese das letzte nicht sei.
Die Sehnsucht ins ungestalte Glück, in den Teich der Salamander und Störche, die das Kind mühsam zu bändigen lernte und durch das Schreckbild des schwarzen Mannes, des Unholds, der es entführen will, verstellte – hier findet es ohne Angst nun sie wieder. Mitten unter den Seinen und ihnen befreundet erscheint die Figur dessen, was anders ist.
Die wahrsagende Zigeunerin, durch die Vordertür eingelassen, wird in der besuchenden Dame losgesprochen und verklärt sich zum rettenden Engel. Sie nimmt vom Glück der nächsten Nähe den Fluch, indem sie es der äußersten Ferne vermählt. Darauf wartet das ganze Dasein des Kindes, und so muß später noch warten können, wer das Beste der Kindheit nicht vergißt.
Liebe zählt die Stunden bis zu jener, da der Logierbesuch über die Schwelle tritt und das verfärbte Leben wieder herstellt durch ein Unmerkliches: “Da bin ich wieder / hergekommen aus weiter Welt.”