MESOP WATCH TENDENZ UNENDLICH ! Der Anfang der Omikron-Welt
Von JOACHIM MÜLLER-JUNG, FAZ – 25. Dezember 2021
Ein explosiver Ausbruch – und bald schon das neue Normal? Der globale Feldzug der Virus-Variante in der Advents- und Weihnachtszeit ist wie keiner vorher Horror und Hoffnung zugleich. Was die aktuellen Daten sagen.
Noch sind wir in Deutschland mitten in der Delta-Welle und trotzdem hören wir nur noch eins: Omikron.
Die erst vor einem Monat in Südafrika entdeckte, hochansteckende Virus-Variante breitet sich rasend schnell aus. Impflücken helfen ihr dabei. In den Stichproben der deutschen Labore zählen kurz vor Weihnachten schon ein Zehntel der getesteten Virusnachweise zu Omikron, ähnlich in Österreich. In den Niederlanden, Südafrika und Australien stecken sich die Menschen fast nur noch mit Omikron an. Ein Blick in die folgenden Grafiken lässt erahnen, warum die Omikron-Ausbreitung zum Ende dieses Jahres von Experten als „Wand“ statt als Welle bezeichnet wird. Die Wand baut sich innerhalb von Tagen, Wochen fast überall weltweit auf. Neue Modellrechnungen lassen vermuten: Kommen nicht noch Kontaktbeschränkungen im ganz großen Stil, dürften sich in zwei, drei Monaten weltweit mehr als drei Milliarden mit Omikron anstecken – so viel wie geschätzt in der gesamten bisherigen Pandemie. Und die anderen Varianten? Delta bleibt vorerst noch, aber auch sie verliert an Boden, wie Alpha oder Beta (Südafrika) im Sommer. Der Fitness-Vorteil durch die mehr als fünfzig Mutationen von Omikron ist gewaltig.
Die Sequenzierungen sind auf 2-Wochen-Intervalle aggregiert. Das letzte Intervall kann unvollständige Daten enthalten und sich ändern, wenn mehr Sequenzierungen eingehen. Die Sequenzierungen sind nur bedingt repräsentativ für das tatsächliche Infektionsgeschehen.
Die Evolution der Variante zeigt, wie wichtig die genetische Überwachung der Viren mittlerweile ist. Schnell reagieren ist nur mit schnellem Wissen möglich. Anfangs war man auf schnelle Informationen von wenigen Nationen wie Großbritannien, Australien, Südafrika oder die skandinavischen Ländern mit ihrer traditionell guten medizinischen Dateninfrastruktur angewiesen. Inzwischen sind Genanalysen viel üblicher, auch in Deutschland.
Die massive Omikron-Vermehrung birgt unkalkulierbare evolutionäre Risiken. Zwar deutet einiges darauf hin, dass die Omikron-Infizierten seltener erkranken, erst recht nicht die Geimpften, und wer in den letzten Wochen geboostert wurde, steckt damit auch andere kaum an. Aber die Virusgenetiker mahnen auch: Das Mutationspotential und die Gefahr weiterer Varianten wächst mit der Masse zirkulierender Viren – wenn sich nicht gleichzeitig auch die Masse geschützter, immunisierter Menschen erhöht. 8,8 Milliarden Impfdosen sind inzwischen verabreicht worden, 57 Prozent der Erdbevölkerung haben mindestens eine Dosis, aber auf dem afrikanischen Kontinent sind neunzig Prozent und damit Milliarden Menschen ungeimpft und ungeschützt.
Was wir jetzt brauchen ist: mehr Glück als bisher. Breitet sich kein weiteres, noch fitteres Virus aus, könnten Omikron und die Impfoffensiven in den nächsten Wochen und Monaten eine globale Immunität aufbauen – eine „Wand“, die diesen Namen verdient: eine Schutzmauer für eine postpandemische Welt, die Corona und Covid-19 endlich in Schach hält. In dieser Omikron-Welt wäre das Virus bald endemisch und die Pandemie Vergangenheit.