MESOP WATCH : DIE SATZBEZEICHNUNG DES TONSETZERS VERGESSEN MACHEN = „ad maiorem dei gloriam!“
Bachs Weihnachtsoratorium in Kassel + Düsseldorf – Weihnachtsoratorium szenisch :Heilige Nacht im Fitnesstudio
Philip Schäfer FAZ – 15.12.2021 – Aktuell *partizipativ: Die Opernhäuser in Kassel und Düsseldorf wagen sich an eine szenische Umsetzung von Bachs Weihnachtsoratorium. Zuhören und Mitsingen sind erwünscht.
Ob in Kirchen, Konzertsälen, Shopping Malls oder beim heimischen Baumschmücken: Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium, komponiert für die Festtage 1734/35, ist heute fester Bestandteil der Weihnachtszeit. Nun haben sich die Opernhäuser in Kassel und Düsseldorf an eine szenische Aufarbeitung des Werks gewagt: Sie verstoßen vorsätzlich gegen Hör- und Sehgewohnheiten, problematisieren damit zugleich eingeschliffene Umgangsweisen mit dieser Musik.
Ein protestantisch-musikalischer Gottesdienst wird also nicht geboten. Stattdessen Szene: Sakrale Musik untermalt, kommentiert oder erschafft konkrete Bilder, und ja, auch Eingriffe in das Heiligste selbst, in den Notentext Bachs, kommen vor. Einzelne Teile werden in ihrer Reihenfolge vertauscht, uminstrumentiert, weitere Musik eingefügt. Hilft das dem Stück? Kommt es uns dadurch näher?
Gemeinsames Spendensammeln und Liedersingen
Beide Inszenierungen verorten Bachs Werk in der Gegenwart. Der Zuschauer blickt in mehr oder minder modern eingerichtete Wohnräume, Cafés oder Fitnessstudios; große leuchtende Sterne prangen auf den Bühnen, um jedermann klarzumachen: Es ist Weihnachten. Damit aber enden auch schon die Gemeinsamkeiten zwischen Kassel und Düsseldorf.
Der Kasseler Regisseur Jochen Biganzoli gestaltet seine Inszenierung als bunte, glitzernde, aufdringliche Collage zum Thema „Weihnachten“. Das Oratorium ist hier nur ein Element dessen, was uns als „typisch Weihnachten“ verkauft wird: Kommerz, Plätzchenbacken, Familienfest oder quälende Einsamkeit. Bachs Musik ereilt damit konsequenterweise ein typisches Schicksal von Weihnachtsschlagern: Sie wird zur bloßen Hintergrundberieselung festtäglichen Trubels, besonders explizit während der Arie „Großer Herr, o starker König“ mit parallel laufendem Spendensammeln im Publikum – echtes Geld übrigens für echte gemeinnützige Zwecke. Damit fügt sich die Produktion zwar ein in das stärker auf Partizipation der Stadtgesellschaft ausgerichtete Konzept des neuen Kasseler Intendanten Florian Lutz, der zuvor – durchaus umstritten – die Oper Halle geleitet hatte. Nur wird die Musik in diesem Moment austauschbar. Man hätte auch „Last Christmas“ spielen können.
Als Besucher fragt man sich in Kassel ständig: Ist man noch Zuschauer oder schon Mitwirkender? Betrachtet man noch eine Parodie auf die allweihnachtlichen Spendengalas, oder ist man schon mittendrin? Spendet man selbst, immerhin tut man Gutes, oder verwahrt man sich gegen diese Aufdringlichkeit? Selbiges gilt für das gemeinsame Singen, durchexerziert anhand des Chorals „Ach, mein herzliebes Jesulein“ zum Abschluss der ersten Kantate und launig moderiert vom umsichtig agierenden Dirigenten Kiril Stankow.
Bachs Musik rückt häufig in den Hintergrund
In seiner dezidierten Überladung mit Eindrücken und Aufforderungen an das Publikum – hier blinken die Sterne, da das Glitzerhemd des Evangelisten also known as Showmaster; mal soll man spenden, mal mitsingen; zugleich müssen auch noch drei Wohnräume und das Fitnessstudio im Blick behalten werden – trifft Biganzolis Inszenierung durchaus ein vorweihnachtliches Lebensgefühl und stellt an jeden einzeln die Frage: Mitmachen oder nicht?
Weihnachtsoratorium in Kassel Trailer Video: Staatstheater Kassel/YouTube
Mag dieses Konzept auch schlüssig sein, so rückt Bachs Musik bei diesem Spektakel doch häufig in den Hintergrund. Das ist insofern schade, als sie von den Mitgliedern des Staatsorchesters fein und transparent, mit barockem Glanz gespielt wird. Zu überzeugen vermag daneben eine weitere partizipative Spezialität dieser Inszenierung: der von Andreas Cessak und Rebecca Göb exzellent einstudierte Chor aus Kasseler Bürgerinnen und Bürgern. Dass noch mehr Aufmerksamkeit für gekonntes Musizieren – auch in einer solch schrillen Ästhetik, wie Biganzoli sie wählte – hätte möglich sein können, das zeigen die ganz auf den Künstler ausgerichteten Szenen mit dem Sänger und Kanunspieler Bassem Alkhouri. Er kontrastiert Bachs Musik in der zweiten, dem Heiligen Land gewidmeten Kantate mit seinem sanften, wunderbar schlichten Gesang und dem Spiel auf der orientalischen Zither.
Gegenseitige Liebe als Sinnstiftung
Einen ganz anderen Zugriff auf das Weihnachtsoratorium wählte das Team um die Regisseurin Elisabeth Stöppler an der Deutschen Oper am Rhein in Düsseldorf. Sie entschieden sich nicht für ein Stück über Weihnachten, sondern für eine moderne Weihnachtserzählung. Es ist Heiligabend, und ein Kind kommt auf die Welt, in einem fremden Wohnzimmer, in das sich das Elternpaar auf der Suche nach einer Herberge soeben gerettet hat. Die eigentlich dramatische Szene sorgt durch die groteske Spielweise des Ensembles früh für ein auflockerndes Lachen im Publikum.
Im weiteren Verlauf verbreitet sich das Gerücht von der wundersamen Geburt in der ganzen Stadt: Verächtlich reagiert der skeptische Atheist, sein Counterpart ist ein immer fröhlicher Bauarbeiter mit festem Glauben. In die vorherrschende Freude und Hoffnung der Stadtgesellschaft mischen sich bald Enttäuschung und Verzweiflung. Wovon versprecht ihr euch Erlösung und warum von einem Neugeborenen? So fragt Josef die selige Festtagsgemeinde. Der engelsgleiche Bote leidet indes darunter, mit dem Inhalt seiner Botschaft verwechselt und selbst zum Erlöser gemacht zu werden. Eine Familie wird urplötzlich mit der Krebserkrankung der auf Erlösung hoffenden Mutter konfrontiert.
All diese Geschichten münden in die Sinnstiftung durch gegenseitige Liebe. Zitiert wird der erste Korintherbrief des Paulus: „Die Liebe höret niemals auf.“ Das ist zwar ein versöhnlich weihnachtliches Ende, lässt den Zuhörer aber mit der Frage zurück, worauf die moderne Weihnachtsgeschichte eigentlich hinauswollte. Dadurch, dass sie inhaltlich nicht allzu weit von der altbekannten Erzählung abweicht, bleibt freilich Bachs Musik eigentlicher Handlungsträger der Düsseldorfer Inszenierung.
Eine zeitlos verständliche Tonsprache
Was diesen Abend gelingen lässt, sind seine starken Bilder – die Stadtgemeinde formiert sich um die stillende Maria in einem Standbild mit Anklängen an die Meister der Renaissance – und deren Zusammenwirken mit der beeindruckenden musikalischen Darbietung des Ensembles unter der sorgsamen Leitung von Axel Kober. Der Chor über „Ehre sei Gott“ gerät zur packenden, furiosen Ekstase einer auf Erlösung hoffenden Stadtgemeinde. Hervorzuheben sind der fast schwerelose und doch gefühlvolle Altus von Terry Wey und der warme, nuancierte Klang der Oboe d’amore von Gisela Hellrung in der Echoarie „Flößt mein Heiland“.
In der Zusammenschau stellen beide Varianten, Bachs Musik mit modernen szenischen Reflexionen über das Weihnachtsthema zu verbinden, auf ihre jeweilige Weise durchaus anregende Alternativen zur konzertanten oder gottesdienstlichen Aufführungspraxis dar. Auf jeden Fall zwingen sie das Publikum, vom Nebenbeihören wieder aufs Zuhören umzuschalten. Sie zeigen aber auch: Es ist im Grunde nicht das Weihnachtsoratorium, das einer Aktualisierung durch szenische Aufbereitung bedarf. Vielmehr bietet diese Musik auch oder vielleicht gerade nach fast dreihundert Jahren eine solch universelle, bis heute verständliche Tonsprache, um diese Szenen der Gegenwart in sich aufnehmen und reflektieren zu können. Gerade die beiden aktuellen, zeitgebundenen Adaptionen aus Kassel und Düsseldorf bestätigen damit die Zeitlosigkeit von Bachs musikalischer Kunst.