MESOP MIDEAST WATCH: Israel und die Emirate ziehen hinsichtlich Irans nicht am gleichen Strang

Als erster israelischer Regierungschef hat Naftali Bennett die Vereinigten Arabischen Emirate besucht. Trotz den Herzlichkeiten gibt es zwischen den beiden Ländern auch erhebliche Unstimmigkeiten.Inga Rogg, Jerusalem13.12.2021, NZZ

Der israelische Regierungschef Naftali Bennett wird am Montag von Kronprinz Mohammed bin Zayed Al Nahyan in dessen Palast in Abu Dhabi empfangen.

Israel und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) zelebrieren ihre Freundschaft. Dazu haben sie auch allen Grund. Seitdem die beiden Länder unter Vermittlung des ehemaligen amerikanischen Präsidenten Donald Trump ein Normalisierungsabkommen unterzeichnet haben, gedeihen die Beziehungen vortrefflich.

Beide Länder haben seitdem Dutzende von Wirtschaftsverträgen unterzeichnet. Nach israelischen Angaben ist das Handelsvolumen in den ersten zehn Monaten dieses Jahres auf mehr als 874 Millionen Dollar gestiegen. Universitäten, Banken und Technologiefirmen beider Länder haben Kooperationsabkommen geschlossen. Der staatliche israelische Flugzeug- und Raketenhersteller IAI wird im Auftrag der Emirate unbemannte Schiffe, sogenannte Drohnenschiffe, bauen, um unter anderem U-Boote oder Meeresverschmutzungen zu entdecken und zu überwachen.

Boomende Beziehungen

Es gibt regelmässige Flüge zwischen Tel Aviv und den Emiraten. Und im Frühjahr nahmen israelische und emiratische Kampfpiloten an einer internationalen Militärübung in Griechenland teil. Selbst der jüngste Gazakrieg im Mai konnte das Verhältnis nicht trüben. Wenn es um die Palästinenser und die Zukunft eines eigenständigen Staats für diese geht, den die Golfstaaten einst zur Bedingung für einen Ausgleich mit Israel gemacht hatten, ist aus den Emiraten momentan nichts mehr zu hören.

Am Sonntag hat der Aussenminister der Vereinigten Arabischen Emirate, Sheikh Abdullah bin Zayed Al Nahyan, den hohen Besuch aus Israel empfangen.

 

Hatte des Abkommen noch der ehemalige Regierungschef Benjamin Netanyahu unterzeichnet, war es nun sein Nachfolger Naftali Bennett, der die Früchte einheimsen konnte. Bennett reiste am Sonntagabend nach Abu Dhabi, wo er am Montag vom starken Mann der Emirate, Kronprinz Mohammed bin Zayed Al Nahyan, in dessen Privatpalast empfangen wurde. Das vergangene Jahr habe das enorme Potenzial der Partnerschaft zwischen Israel und den VAE gezeigt, sagte Bennett vor seiner Abreise. «Das ist erst der Anfang.»

Die schönen Worte können freilich nicht darüber hinwegtäuschen, dass über dem Honeymoon ein Schatten liegt. Wenn es um die Regionalpolitik geht, ziehen die beiden Länder nicht an einem Strang. Das gilt insbesondere für den Konflikt mit Iran. Dabei war es gerade die Feindschaft gegenüber dem schiitischen Regime in Teheran gewesen, die die beiden Länder nähergebracht hatte.

Die VAE setzen auf Entspannung mit Iran

Wie Israel lehnten die Emirate und mit ihnen Saudiarabien und Bahrain das Atomabkommen von 2015 ab. Alle fühlten sich von den Amerikanern übergangen. Weil dabei Irans umstrittenes Raketenprogramm und dessen Unterstützung für Milizen in der Region ausgeklammert wurden, sahen sie in der Vereinbarung zudem eine Stärkung der iranischen Regionalpolitik. Die Saudi und Emirati stürzten sich in einen für die Zivilbevölkerung verheerenden Krieg gegen die von Iran unterstützten Huthi-Milizionäre in Jemen.

Mit Vehemenz stellten sie sich dann hinter Trumps Kurs des «maximalen Drucks» auf das Regime in Teheran. Die Folge war indes eine Eskalation der Spannungen am Golf. Die Iraner oder ihre Verbündeten griffen Öltanker und Erdöleinrichtungen an. Sollten die Herrscher am Golf auf amerikanische Gegenschläge gehofft haben, wurden sie von Washington enttäuscht.

Statt auf Eskalation setzt man deshalb jetzt in den Palästen in Abu Dhabi und Riad auf Entspannung in den Beziehungen zum Erzfeind. Die Saudi führen unter Vermittlung der irakischen Regierung Gespräche mit den Iranern. Die Emirati luden im November den stellvertretenden iranischen Aussenminister und Chefunterhändler in den Verhandlungen in Wien, Ali Bagheri Kani, zu Gesprächen ein. Anfang Dezember besuchte mit Sheikh Tahnun bin Zayed Al Nahyan, dem Berater für nationale Sicherheit, erstmals seit Jahren wieder ein hochrangiger Vertreter der VAE Teheran, wobei beide Seiten übereinkamen, ihre Beziehungen auszubauen.

Besser etwas Kontrolle als keine

Der Kurs wird von den Amerikanern durchaus unterstützt, die ihrerseits ihre Lektion aus der Vergangenheit gelernt haben und die Golfstaaten regelmässig über den Fortgang der Gespräche in Wien informieren. Am Golf gilt heute die Devise: besser ein Abkommen, welches das iranische Atomprogramm internationaler Kontrolle unterwirft, auch wenn es nicht alle Wünsche erfüllt, als gar keine Kontrolle. Zudem erhofft man sich lukrative Geschäfte, sollten die Sanktionen gegen Iran aufgehoben werden.Israel hingegen will mit allen Mitteln verhindern, dass der Erzfeind aus seiner Isolation ausbrechen kann. Offen spekulieren Regierung-, Militär- und Geheimdienstvertreter über einen Militärschlag auf iranische Atomanlagen. Auf keinen Fall dürften die Sanktionen aufgehoben werden, erklärte Aussenminister Yair Lapid vor wenigen Tagen. Laut israelischen Medienberichten wollte Bennett dem emiratischen Kronprinzen neue Geheimdienstinformationen über Irans Drohnenprogramm und Ausbildung von Milizionären vorlegen. Ob dies genügt, um den Golfstaat vom eingeschlagenen Kurs abzubringen, ist fraglich. Die Aussenpolitik der VAE basiere auf den Prinzipien des gegenseitigen Respekts und der Kooperation sowie der friedlichen Koexistenz. Dies habe der Kronprinz an dem Treffen mit Bennett betont, berichtete die staatliche emiratische Nachrichtenagentur Wam. Er hoffe, dass im Nahen Osten Stabilität herrschen werde.