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Rassismus-Skandal in Nürnberg? : Löwengebrüll

Kommentar von Simon Strauß – FAZ – 20.11.2021 – Feige bis fahrlässig: Über dem Nürnberger Opernhaus ziehen Wolken auf Bild: Ein altlinker Regiehase lässt einen afrikanischen Löwen brüllen und wird plötzlich zum rassistischen Diskriminator: Warum der Fall Konwitschny Ausdruck einer fahrlässigen Moralhysterie ist.

Ob er sich unter Druck fühle, wurde der portugiesische Fußballtrainer José Mourinho im Laufe seiner Karriere immer wieder gefragt: „Do you feel pressure?“ Seine schlagenden Antworten auf die Frage sind inzwischen legendär. „Druck? Was ist Druck? Druck ist, wenn arme Menschen auf der Welt versuchen, ihre Familien zu ernähren. Das ist Druck.“ Oder auch kühl und knapp bei einer Pressekonferenz 2015 nach einer 3:1-Niederlage seines Teams Chelsea gegen Everton: „Druck? Ich glaube, die Flüchtlinge sind unter Druck, nicht wir.“

Fühle ich mich diskriminiert? Die Frage stellen sich inzwischen viele. Und kommen dabei zu immer eindeutigeren Antworten. Überraschenderweise wird wenig über die Diskriminierung im Lieferantenmilieu oder bei Reinigungsfirmen gesprochen und viel über jene im politisch-medialen Elitebezirk und in der Hochkultur. Zuletzt machte der D-Zug in Nürnberg Station: Diskriminierung sei es, wenn ein in die Jahre gekommener Regisseur einer schwarzen Chorsängerin ihr Erschrecken vor einer Pistolenmündung in einer Szene nach eigenen Angaben so klarmache: „Das ist wie in Afrika, wenn Ihnen ein Löwe entgegenkommt, dann können Sie auch nicht weggucken.“ Ist das Diskriminierung? Mourinho hätte darauf eine knappe Antwort. Was er uns auf seine schnoddrige Art ja eigentlich sagen will, ist: Leiert die Begriffe nicht so aus. Dehnt sie nicht bei jeder Gelegenheit über Gebühr, sodass sie im entscheidenden Moment nicht mehr greifen können.

Fahrlässig bis feige

Der offizielle Vorwurf gegen den sechsundsiebzigjährigen Opernregisseur Konwitschny, der im Namen einer tagespolitischen Moral schon so manches ästhetische Prinzip über Bord geworfen hat, lautet, er habe sich auf der Probe „in einer Art geäußert, die von Beteiligten als diskriminierend“ wahrgenommen worden sei. Dass die Tierart der Löwen in Afrika häufiger vorkommt als anderswo, lässt sich nur schwer bestreiten. Ob der altlinke Regiehase nicht auch auf einen anderen Vergleich hätte kommen können, um einer schwarzen (vielleicht ja deutschen) Sängerin klarzumachen, dass er auf ihrem Antlitz eindeutige Zeichen von Überraschung sehen wolle, sei dahingestellt. Wie die Leitung des Staatstheaters Nürnberg die Zusammenarbeit mit ihm beendete, ist fahrlässig bis feige.

Dass jetzt aber das deutsche Stadttheater von einem weiteren Rassismusskandal erschüttert worden sein soll (bei „Kulturzeit“ saß Konwitschny eben schon auf dem Beichtstuhl und verteidigte sich gegen den Rassismusanwurf allen Ernstes mit dem Verweis auf seine koreanische Ehefrau), ist nicht nur hysterisch, sondern wirklichkeitsfremd: Der Aufruf zur Achtsamkeit im Umgang mit Sprache muss in alle Himmelsrichtungen gehen: Wer keine Löwen brüllen hören will, sollte auch nicht von Verunglimpfung sprechen, wenn nur Klischee gemeint sein kann.