MESOP WATCH NEU: WAHLENTSCHEIDUNG IN VIRGINIA – „Diese verdammten weißen Frauen!“
- VON FRAUKE STEFFENS, 11.2021-FAZ – Weiße Frauen sind die neuen amerikanischen Wechselwähler: In Virginia wählten sie knapp Biden und verhalfen jetzt dem Republikaner Youngkin zum Sieg. Anhänger der Demokraten sind konsterniert – und reagieren mit Beschimpfungen.
Winsome Sears, frisch gewählte stellvertretende Gouverneurin von Virginia, ist eine schwarze Frau, Republikanerin – und die erste Afroamerikanerin, die in dem Bundesstaat ein hohes politisches Amt bekleiden wird. Ihr Wahlsieg war erst einige Stunden her, da lieferte sich Sears auf Twitter einen Streit mit einer anderen schwarzen Frau, der Politik- und Sport-Kommentatorin Jemele Hill. Hill hatte geschrieben, die Wahl des Republikaners Glenn Youngkin in Virginia zeige, dass die Amerikaner das System der „white supremacy“, der Vorherrschaft der Weißen, einfach „liebten“.
„Wir wagen zu widersprechen“, hieß es zur Antwort von Sears’ Account, der dazu ein Foto der Wahlsiegerin mit einem Gewehr in der Hand zeigte. „Ich sage euch, was ihr hier seht, ist der amerikanische Traum“, hatte Sears in der Nacht zu ihren Anhängern gesagt. Die 57 Jahre alte Politikerin ist rechtskonservativ, kämpft gegen Schwangerschaftsabbrüche und bekräftigte mehrfach, dass nicht Waffengesetze, sondern individueller Waffenbesitz Kriminalität verhinderten. Dass Sears gewählt wurde und der Latino Jason Miyares zukünftig Generalstaatsanwalt sein wird, gilt den Republikanern als Beleg dafür, dass die Demokraten lügen, wenn sie den Wahlausgang auch mit fortwirkendem Rassismus begründen.
Viele Demokraten wiederum sind davon unbeeindruckt, obwohl dreizehn Prozent Schwarze und 32 Prozent Latinos Youngkin wählten. Schließlich ist es nicht neu, dass Konservative bereit sind, Vertreter von Minderheiten willkommen zu heißen, wenn diese ideologisch mit ihnen übereinstimmen. Am Tag nach der Wahl werfen viele den Republikanern trotzdem vor, mit rassistischen „dog whistles“, also kaum verhüllten Appellen an den Rassismus ihrer Anhänger, gewonnen zu haben.
Weiße Frauen ohne Abschluss wählten Youngkin
Tief sitzt der Schock darüber, dass die Demokraten in einer Gruppe besonders katastrophale Verluste hinnehmen mussten: bei weißen Frauen, die sich mit 57 Prozent für Youngkin entschieden, nachdem sie Joe Biden 2020 noch Donald Trump vorgezogen hatten, wenn auch nur mit einem Prozentpunkt. Besonders drastisch war der Zugewinn der Republikaner unter weißen Frauen ohne Collegeabschluss, die sich zu 75 Prozent für Youngkin entschieden, nachdem sie mit 56 Prozent Trump ins Weiße Haus gewählt hatten.
Bei den Demokraten, die im Kongress entscheidende Teile ihrer Agenda nicht durchsetzen können, viele Wählerinnen aber mit Versprechen wie dem Ausbau der Kinderbetreuung gewonnen hatten, liegen die Nerven blank. Kolumnist Wajahat Ali überschrieb seinen Kommentar im Magazin „The Daily Beast“ gar mit: „Ihr verdammten Karens tötet Amerika“. „Karen“ ist ein Schimpfwort für rassistische weiße Frauen, die zum Beispiel aus nichtigen Anlässen die Polizei rufen.
Wahlkampf um Schulen und Lehrpläne
Dass die Republikaner so viele weiße Frauen mobilisieren konnten, verdankt sich zumindest zum Teil einem Wahlkampf um die Schulen und Lehrpläne. Nicht nur Gouverneure, Bürgermeister und Regionalparlamente wurden am Dienstag vielerorts neu gewählt, sondern auch die „school boards“, die vor Ort die Schulaufsicht führen. Sie waren in den letzten Monaten im ganzen Land zu Schauplätzen einer konservativen Kampagne gegen die vermeintliche „Critical Race Theory“ geworden. Die Republikaner hatten vielen Eltern, die von Pandemie, Homeschooling und Lehrer-Streiks ohnehin schon gestresst waren, eingeredet, dass ein ideologischer Krieg an den Schulen tobe.
Obwohl es sich bei „CRT“ eigentlich um einen Sammelbegriff für akademische Theorien über Rassismus im Rechts- und politischen System handelt, wurde die Bezeichnung zu einem Kampfbegriff gegen alles, was antirassistische Arbeit an Schulen sein könnte. Nirgends wird Critical Race Theory, die ursprünglich aus der Rechtswissenschaft stammt, als solche an High Schools gelehrt. Doch die Republikaner hatten mit dieser Behauptung Erfolg, beziehungsweise gruppierten alle antirassistischen Inhalte unter diesen Begriff. Acht Bundesstaaten verabschiedeten Gesetze gegen CRT an Schulen, über zwanzig brachten entsprechende Initiativen auf den Weg.
Kampf gegen Toni Morrisons „Menschenkind“
Glenn Youngkin erkannte das Potenzial für die Wähler, die er mobilisieren musste: Weiße in den Vorstädten. Nachdem der frühere Finanzinvestor lange vorwiegend mit wirtschaftlichen Themen Wahlkampf gemacht hatte, erregte in den letzten Tagen des Wahlkampfes eines seiner Werbevideos besonders viel Aufmerksamkeit. Darin schildert eine Mutter, dass eines Tages ihr Sohn mit einem schockierend expliziten Buch aus dem Unterricht nach Hause gekommen sei. Nur mit Youngkin als Gouverneur sei gewährleistet, dass Eltern ein Mitspracherecht bei der Erziehung ihrer Kinder hätten.
Die Frau war Laura Murphy – sie hatte acht Jahre zuvor dafür gekämpft, dass das Buch „Menschenkind“ von Nobelpreisträgerin Toni Morrison nicht an Schulen behandelt werden sollte. In dem Video für Youngkin erwähnt sie den Titel des Romans, der die Grausamkeit der Sklaverei schildert, nicht.
Youngkin wiederum wurde noch deutlicher, als er bei einer Wahlkampfveranstaltung sagte: „Ich werde Critical Race Theory aus den Schulen verbannen.“ Die Theorie lehre Kinder, alles durch die Brille der „Rasse“ zu sehen und sich als Weiße schlecht zu fühlen. Youngkin bezog sich dabei ausgerechnet auf Martin Luther King, der seine Vision von einer Welt, in der niemand nach seiner Hautfarbe beurteilt würde, freilich auf den Zustand nach dem erfolgreichen Kampf gegen den Rassismus bezogen hatte.
„Critical Race Theory“ wahlentscheidend?
Wie stark die Wähler sich von dem Streit um die vermeintlich an Schulen gelehrte CRT beeinflussen ließen, ist unklar. Die Washington Post berichtete, dass die meisten Bürger die Wirtschaft, die Pandemie und dann allgemein das Bildungswesen als wichtigste Themen bei ihrer Entscheidung angegeben hatten. Der konservative Sender Fox News wiederum wollte in einer Umfrage herausgefunden haben, dass „Critical Race Theory“ für sehr viele Wähler in Virginia entscheidend gewesen sei. So hätten 25 Prozent von ihnen das Thema als das wichtigste Problem bei der Entscheidung für einen Gouverneur bezeichnet, und von diesen Wählern hätten sich siebzig Prozent für den Republikaner Youngkin entschieden. Von allen Wählerinnen und Wählern in dieser Umfrage hätten 72 Prozent das Thema als wichtig bezeichnet.Einige Kommentatoren wiesen darauf hin, dass die Republikaner nun entsprechende Lehren aus Virginia für die Zwischenwahlen zum Kongress ziehen würden. Youngkin hatte es geschafft, moderat im Auftreten zu sein, aber dennoch die radikaleren Positionen der Trump-Konservativen hinreichend zu bedienen. Ein Element seines Erfolgs dürfte tatsächlich die CRT-Debatte gewesen sein. Wenn diese Strategie als Blaupause für die künftigen Wahlkämpfe bezeichnet werden kann, dann ist sie zumindest keineswegs neu. Weiße Eltern und weiße Frauen ließen sich schon häufig mobilisieren, in dem als „Ängste“ ausgegebener Rassismus angesprochen wurde. Das war in den fünfziger und sechziger Jahren so, als weiße Eltern den gemeinsamen Schulbesuch ihrer eigenen mit schwarzen Kindern zum Teil gewaltsam verhindern wollten.
Steilvorlage für die Republikaner
Nicht nur im Süden, sondern überall im Land protestierten weiße Eltern dann in den siebziger und achtziger Jahren gegen Versuche, Schulen per „bussing“ zu integrieren. Auch damals wurden die vermeintlichen emotionalen Schäden für ihre Kinder betont. Und noch heute gibt es erbitterte Auseinandersetzungen, wenn in Städten wie New York Schulbezirke so zugeschnitten werden sollen, dass die Zusammensetzung die Bevölkerung eines Stadtteils widerspiegelt und Ressourcen gleichmäßiger verteilt werden.
Auch Auseinandersetzungen um die Ansiedlung von Sozialwohnungsbauten strafen alle Thesen über Politikmüdigkeit Lügen. „Wenige Probleme mobilisieren den Aktivismus von Weißen so konsistent wie alles, was das abgeschirmte Schulerlebnis ihrer Kinder gefährden könnte“, beschrieb es kürzlich das „New York Magazine“.
Der demokratische Wahlverlierer McAuliffe wiederum machte in der Auseinandersetzung mehrere entscheidende Fehler. Zum einen beteuerte er stets, dass Critical Race Theory nicht Teil des Lehrplans an Virginias Schulen sei. Das stimmte, wenn man es auf die akademische Theorierichtung bezieht, die eigentlich mit dem Begriff gemeint ist. Doch Fox News und andere Medien fanden auf den Internetseiten der Schulbehörde Absichtserklärungen, mit Schülern über Rassismus zu diskutieren und Lehrer entsprechend weiterzubilden.
Da die landesweite CRT-Kampagne der Konservativen in den vergangenen Monaten so erfolgreich war, gelang es ihnen, diese Erklärungen unter das verhasste Stichwort zu subsumieren. McAuliffe wäre möglicherweise glaubwürdiger gewesen, wenn er die Beschäftigung mit Rassismus nicht heruntergespielt, sondern stärker verteidigt hätte. Ganz sicher schadete ihm aber, dass er viele Eltern in der Auseinandersetzung um Lesestoff an Schulen verärgerte. In einer Fernsehdebatte hatte er gesagt, Väter und Mütter hätten bei der Festlegung der Lehrpläne nichts zu melden. Damit lieferte der einstige Gouverneur den Republikanern die Steilvorlage, die gesamte Debatte zu einer Diskussion um Wahlfreiheit und Elternrechte zu erklären.