MESOP PERSPEKTIVE: SINKENDE LÖHNE=STEIGENDE PREISE-WACHSENDE INFLATION / PRIMA KLIMA!

Nach Weidmanns Ankündigung:Turbulente Tage in der Europäischen Zentralbank

Von Christian Siedenbiedel FAZ – 26.10.2021 EZB-Zentrale in Frankfurt: Die Inflationserwartungen sind gestiegen, die Anleiherenditen legten zu – und der Wechselkurs des Euro ist seit der September-Sitzung des EZB-Rates weiter gefallen.

Gerade hat Bundesbank-Präsident Jens Weidmann seinen vorzeitigen Rücktritt eingereicht. Was folgt daraus für das Machtgefüge im mächtigen EZB-Rat?

Eigentlich hätte es eine eher langweilige Sitzung werden können. Wenn sich der EZB-Rat, das oberste geldpolitische Gremium der Notenbank, an diesem Donnerstag zur Zins-Sitzung trifft, will er über die Zukunft der milliardenschweren Anleihekäufe der Notenbank noch nicht entscheiden. Dafür hat EZB-Präsidentin Christine Lagarde ausdrücklich die Dezembersitzung auserkoren.

Doch der starke Anstieg der Energiepreise und nicht zuletzt der für viele überraschende Rückzug von Bundesbankpräsident Jens Weidmann zum Jahresende machen die Sitzung spannend. Jetzt, so meinen zumindest viele Ökonomen und Kapitalmarktfachleute, wird die Notenbank keine vollkommen ereignislose Sitzung mehr präsentieren können.

Schwacher Euro, höhere Renditen

Zumindest verbal dürfte die Notenbank bemüht sein, die Inflationserwartungen etwas zu dämpfen. „Wir gehen davon aus, dass die EZB ein taubenhaftes Signal aussenden wird, um dem in den letzten Wochen zu beobachtenden Trend zu höheren marktbasierten Inflations- und Zinserhöhungserwartungen entgegenzuwirken“, sagt Karsten Junius, Ökonom der Bank Sarasin. „Man wird sicher versuchen, die Inflationserwartungen nicht zu weit nach oben laufen zu lassen“, glaubt auch Michael Holstein, der Chefökonom der DZ Bank.

An den Leitzinsen wird die Notenbank nichts ändern, auch das Tempo der Anleihekäufe im vierten Quartal ist grundsätzlich festgezurrt und kann von Woche zu Woche angepasst werden. Was die EZB einsetzen kann, sind daher vor allem Äußerungen, die sich als Ankündigungen für ihren weiteren Kurs deuten lassen – und der ist für die Finanzmärkte derzeit alles andere als unwichtig.

Auffällig ist jedenfalls: Seit der vorigen EZB-Sitzung sind die Inflationserwartungen an den Finanzmärkten weiter gestiegen, die Anleiherenditen haben zugelegt und der Kurs des Euro ist noch mal schwächer geworden.

Auch die Inflationsprognosen, die von der EZB erst zur vorigen Sitzung im September angehoben wurden, seien von der Wirklichkeit schon wieder überholt worden, sagt Carsten Brzeski, Ökonom der Bank ING. Die EZB erwartet 2,2 Prozent Inflation im Gesamtjahr 2021, 1,7 Prozent im nächsten Jahr und 1,5 Prozent im Jahr 2023. Das sei nach den Entwicklungen der vergangenen Wochen schon „rein technisch“ zu wenig, sagt Brzeski. „Die Inflation wird höher und das Wachstum geringer ausfallen“, prognostiziert auch Ökonom Junius.

Die Protokolle der September-Sitzung des EZB-Rates, die unlängst veröffentlicht wurden, ließen zudem erkennen: Um die Frage, wie groß die Aufwärtsrisiken für die Inflation sind, wird auch in der Notenbank mittlerweile gerungen. Das dürfte die Ratsmitglieder auch am Donnerstag beschäftigen.

Alle Äußerungen von EZB-Präsidentin Lagarde am Donnerstag dürften an den Finanzmärkten darauf abgeklopft werden, ob sich herauslesen lässt, was die EZB mit ihren Anleihekäufen machen will, wenn im März nächsten Jahres das Krisenprogramm PEPP ausläuft – und welchen Zeithorizont es für die vollständige Einstellung der Anleihekäufe und eine mögliche erste Zinserhöhung gibt.

Taktische Überlegungen auf beiden Seiten

Spannend wird, wie sich die Rücktritts-Ankündigung von Bundesbankpräsident Jens Weidmann auf das Machtgefüge im EZB-Rat und die Diskussionen in diesem Gremium auswirkt. Weidmann gilt im Rat gleichsam als Anführer der „Falken“, das sind die für eine straffere Geldpolitik eintretenden Mitglieder, denen eine Mehrheit von „Tauben“, das sind die tendenziell für eine lockere Geldpolitik plädierenden Mitglieder, gegenübersteht.

Noch ist unklar, wen die künftige Bundesregierung als Nachfolger vorschlagen wird. Spekuliert wird beispielsweise über EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel, Finanz-Staatssekretär Jörg Kukies oder den Ökonomen Marcel Fratzscher. Alle drei Kandidaten würden sicherlich nicht einfach Weidmanns Rolle in dem Gremium weiterspielen. In jedem Fall könnte Weidmann versuchen, sich jetzt an der Diskussion um die Zukunft der Anleihekäufe besonders „lebhaft“ zu beteiligen, meint Holger Schmieding, der Chefvolkswirt des Bankhauses Berenberg: „Schließlich werden die Weichen für das Auslaufen des PEPP-Krisenprogramms und für eine Reform des Standard-Anleihekaufprogramms APP ja gestellt, während er noch dabei ist.“

Umgekehrt könnten die Anhänger von umfassenden Anleihekäufen, also die „Tauben“ im EZB-Rat, jetzt auf Zeit spielen, glaubt Friedrich Heinemann, Ökonom am Forschungsinstitut ZEW. Sie könnten es auf einmal gar nicht mehr so eilig haben, alle Details für das nächste Jahr schon genau festzulegen. „Manche Ratsmitglieder dürften darauf spekulieren, dass die Debatten mit der nächsten Bundesbankpräsidentin oder dem nächsten Bundesbankpräsidenten leichter werden.“ Womöglich sei dann weniger Widerstand aus Deutschland zu erwarten – beispielsweise gegen eine Lockerung der Obergrenzen für die Anleihekäufe.

Auch auf die Löhne kommt es an

Interessant dürfte auch werden, wie die EZB sich zu der Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale äußert. EZB-Chefvolkswirt Philip Lane hatte unlängst hervorgehoben, auch bei der Lohnentwicklung müsse die Notenbank derzeit zwischen vorübergehenden und dauerhaften Effekten unterscheiden. Insbesondere bedeute eine einmalige Verschiebung des Lohnniveaus, wenn damit nur auf einen vorübergehenden Anstieg des Preisniveaus reagiert werde, keine „Trendverschiebung des Verlaufs der zugrunde liegenden Inflation“.

Die Commerzbank jedenfalls sieht bei den Löhnen noch nicht viel Bewegung: „Im Euroraum sind die Tariflöhne im dritten Quartal nach unserer Schätzung nur um 1,25 Prozent gestiegen – das wäre das geringste Plus seit Gründung der Währungsunion“, sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer.

Zwar seien die jüngsten Abschlüsse im Baugewerbe, Groß- und Einzelhandel sowie im öffentlichen Dienst Hessens höher ausgefallen als in der Metall- und Elektroindustrie, für die sich die Tarifparteien im Frühjahr aufs Jahr hochgerechnet auf ein moderates Plus von nur 1,25 Prozent geeinigt hätten. Aber im kommenden Jahr liefen zum Glück nicht viele große Tarifverträge aus. Lediglich die Verhandlungen in der Chemie-Industrie fänden im Frühjahr unter dem Eindruck einer hohen, zurückliegenden Inflation statt. Dagegen laufe der Tarifvertrag in der Metall- und Elektroindustrie erst im Herbst aus, wenn die Inflation unter anderem wegen des Wegfalls von Corona-Sonderfaktoren wieder gesunken sein dürfte.

Für das nächste Jahr rechnet Krämer damit, dass sich das Lohnplus in Deutschland auf nur gut 2 Prozent beschleunige. „Das reicht aber nicht, um bereits 2022 eine Lohn-Preis-Spirale in Gang zu setzen“, sagt der Ökonom: „Im kommenden Jahr dürfte die Inflation wieder sinken, bevor sie in den Jahren danach Fahrt aufnimmt.“