MESOP NEWS Gastkommentar : IM BLINDFLUG MIT FEHLERFREUDIGKEIT VORAUS !  Nobert Bolz‘ homöopathische Empfehlungen

Die Weltrisikogemeinschaft und ihr Blindflug in die Zukunft

Ob Erderwärmung, Naturkatastrophen oder technische Grosshavarien: Darüber, wie riskant die Weltgemeinschaft unterwegs ist, gehen die Meinungen auseinander. Was wir brauchen, ist eine Kultur des Risikos. Denn was wir tun, hat unabsehbare Folgen – für uns und die Umwelt.Norbert Bolz  NEUE ZÜRCHER ZEITUNG 13.10.2021

Die moderne Welt ist eine Risikogemeinschaft. Das macht jede grosse Krise deutlich. In dieser Hinsicht steht auch die Corona-Pandemie nicht für Disruption, sondern für Kontinuität. Wir leben in einem Zeitalter der Angst. Auf die goldenen Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer folgten der islamistische Terror, die neue Völkerwanderung, die drohende Klimakatastrophe und jetzt das Virus. Und keine Angst ist grösser als die Infektionsangst, die Angst vor dem Angriff des unsichtbaren Feindes.

All die genannten Phänomene unseres Zeitalters der Angst haben einen gemeinsamen Nenner: Sie sind der Preis, den wir für die Prozesse der Globalisierung und Vernetzung zahlen müssen. Die humanistisch klingende Formel «no borders» zeigt jetzt ihre finstere Rückseite. Nicht nur die Menschen, ihre Waren und ihre Techniken kennen keine Grenzen mehr, sondern auch die Übel und das Böse. Nach Jahrzehnten des Wohllebens in Europa erfährt sich der Mensch zum ersten Mal wieder als das exponierte und gefährdete Wesen, das er ist.

Plötzlich das Unerwartete

Man kann darüber streiten, ob es sich bei der Corona-Krise um einen schwarzen Schwan handelt. Aber wir können doch sagen, dass wir es mit einem Ereignis zu tun haben, das von unserem Kontingenzbewusstsein nicht abgedeckt wird. Kontingenz heisst ja, dass alles, was ist, auch anders sein könnte – wenn auch nicht beliebig anders. Dieses Bewusstsein haben alle aufgeklärten Menschen. Aber was, wenn es anders anders kommt als erwartet und eingeplant? Es gab die Pandemiepläne in den Schubladen – aber das Unerwartete kam anders, als man dachte. Die Experten können uns dann eigentlich nur sagen, dass wir lernen müssen, mit dem Nichtwissen umzugehen. Und den harten Kern dieses Nichtwissens bildet das unbekannte Unbekannte, für das es keine Experten gibt.

Niemals wussten wir weniger von der Zukunft als heute.

Wissenschafter und Politiker müssten einsehen, dass es kein Wissen über die Zukunft geben kann, sondern nur Meinungen. Für diese Meinungen kann man werben. Man kann damit aber nichts beweisen, sondern allenfalls überzeugen. Wissenschafter, die etwas anderes behaupten, missbrauchen ihre Reputation. Statistiken, Extrapolationen und auf ihnen basierte Szenarien sind ihre Rhetorik. Doch dass alles nur mehr oder minder wahrscheinlich ist, befriedigt natürlich nicht das Sicherheitsbedürfnis einer tief verunsicherten Gesellschaft. Deshalb lassen sich immer mehr Wissenschafter dazu überreden, ihre Prognosen als Gewissheiten anzubieten.

Überall da, wo es um Komplexität, also Kontingenz, also Risiko, also Entscheidung geht, waltet aber nicht das überlegene Wissen, sondern allein die Verständigung unter Betroffenen. Verständigung ist aber nur möglich, wenn alle Beteiligten darauf verzichten, die «Vernunft» ins Spiel zu bringen. Was wir brauchen, ist eine Kultur des Risikos. Denn was wir tun, hat unabsehbare Folgen für die Umwelt. Die Evolution der Weltgesellschaft vollzieht sich mit Risiken und Nebenfolgen.

Wir wissen das, aber wir können nicht anders. Risiko impliziert also immer die Unmöglichkeit des Wissens. Mit dem technischen Wissen wächst das ökologische Nichtwissen, das heisst die Komplexität. Zunächst einmal gilt, dass die Technik Gefahren in Risiken transformiert. Doch diese Risiken der technischen Welt haben eben auch eine gefährliche Aussenseite, nämlich für all diejenigen, die beobachten müssen, wie andere riskant handeln.

Permanentes Unbehagen

Das Risiko ist die Gegenwart der Zukunft. Um sie in Rechnung zu stellen, braucht man die Wahrscheinlichkeitstheorie als Mathematik der Unsicherheit. Denn wir können Wahrscheinlichkeit als quantifizierte Ungewissheit verstehen. Die Rationalität der modernen Gesellschaft ist also ans Risiko geknüpft. Deshalb erregt sie ein permanentes Unbehagen. Denn das Kalkül mit dem Risiko ist komplex, die Angst vor der Gefahr und die entsprechende Forderung nach Sicherheit dagegen sind einfach. Es kann deshalb nicht überraschen, dass die ökologischen Folgen der Technik im öffentlichen Diskurs ihre zweckrationalen Perspektiven verdunkeln.

Es ist eine der grossen Einsichten von Karl Popper: Je mehr unsere Zivilisation auf Wissen basiert ist, desto unvorhersehbarer wird sie. Mit anderen Worten, je mehr das Wissen die Zukunft prägt, desto weniger kann man von der Zukunft wissen. Und gerade das neuzeitspezifische Wissenschaftswissen schwächt die Orientierungskraft von Tradition und gesundem Menschenverstand. Der Vorrat an Vertrautheiten schrumpft, und die Konstanz der Lebenswelt wird problematisch. Niemals wussten wir also weniger von der Zukunft als heute.

Die moderne Gesellschaft ist radikal von Technik abhängig und deshalb durch einen latenten Bürgerkrieg zwischen Machern und Mahnern gekennzeichnet. Die Identität von Risiko und Chance wird nämlich vor allem an der Technik deutlich. Die Macher können darauf verweisen, dass man die Risiken moderner Technologien nur abschätzen kann, wenn man sich auf sie einlässt. Die Mahner dagegen proklamieren das «precautionary principle», das die Installation technischer Innovationen davon abhängig machen möchte, dass deren Beherrschbarkeit im Vorhinein nachgewiesen werden kann. Dass es schwarze Schwäne gibt, ist ihr stärkstes Argument.

Vom Risiko zum Tabu

Dieses Vorsichtsprinzip läuft auf die Vermeidung von Risiken hinaus – und damit auf eine Verdrängung der modernen, auf Statistik und Wahrscheinlichkeitsrechnung basierten Rationalität durch Angst. Die Propagandisten des «precautionary principle» haben deshalb in der Öffentlichkeit leichtes Spiel. Man muss nur ein dramatisches Bild des möglichen Schadens zeichnen, um jedes Risikokalkül zu blockieren. Die Angst vor der Katastrophe lässt sich nämlich nichts vorrechnen.

Doch damit befinden wir uns auf dem Rückweg vom Risiko zum Tabu, das heisst von einem rationalen zu einem magischen Verhalten. Und das zeigt sich eben sehr deutlich am Vorsorgeprinzip. Es geht hier um die Gefahr der noch unerkannten Gefahr, mit der eine Politik der Angst die technologische Entwicklung lähmt. Unterstützt wird sie dabei von einer medialen Angstindustrie, die in Fernsehen und Nachrichtenmagazinen die Apokalypse als Ware verkauft.

Das «precautionary principle» institutionalisiert die Ängstlichkeit. Man soll handeln, auch wenn die Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge noch unklar sind. Wenn etwas möglicherweise gefährlich ist, ist das schon ein Grund zur Sorge – und zur Vorsorge. Deshalb müssen technologische Innovationen jetzt nachweisen, dass sie garantiert unschädlich sind. Das schliesst natürlich jedes riskante Verhalten aus. Auch die Abwägung von Risiken gegeneinander. So entsteht eine risikoaverse Gesellschaft, die nicht mehr in der Lage ist, auf reale Katastrophen sinnvoll zu reagieren. Besonders unheilvoll ist hier die Kombination von Risikoaversion aufseiten der Bevölkerung und einer bürokratischen Politik, die keine Verantwortung für die Folgen ihrer Entscheidungen mehr übernimmt.

Jede Gefahr kann man als Risiko kalkulieren, und jedes Risiko kann man als Gefährdung erleben. Der andere riskiert das Überholmanöver, weil er sich auf sein Auto und seine Fahrtechnik verlässt, aber damit zieht er mich eventuell in Mitleidenschaft. Und deshalb akzeptieren die meisten Menschen auch nur solche Risiken, für die sie selbst unmittelbar verantwortlich sind – Rauchen etwa oder 200 Kilometer pro Stunde auf der Autobahn.

Das Risiko, das der Entscheider eingeht, wird für den Betroffenen zur Gefahr. Die Unterscheidung von Risiko und Gefahr ist also die Unterscheidung zwischen Entscheidern und Betroffenen. Die einen pflanzen genmanipulierten Mais an, die anderen haben Angst vor Mutationen. Jede Entscheidung verwandelt eine Unsicherheit in ein Risiko – aber eben nur für den Entscheider. Die Betroffenen haben eine völlig andere Perspektive auf denselben Sachverhalt, die auf den ersten Blick viel plausibler scheint: Wir haben Angst!

Heute beobachten wir eine Hypersensibilität für das Restrisiko. Dann werden aber die Nebenfolgen zur Hauptsache, die Restrisiken zu Hauptgefahren.

Paradoxe Situation

Wir haben es mit der paradoxen Situation zu tun, dass die Menschen, je sicherer sie leben, desto ängstlicher auf Restrisiken reagieren. Je bequemer und entlasteter das Leben, desto grösser die Angstbereitschaft und Erregbarkeit. Man könnte von einem Angsterhaltungssatz sprechen. Auch wenn sich alles bessert, bleiben die schlechten Gefühle konstant. Das Gefühl der Bedrohtheit durch Risiken wächst nicht nur im Masse ihrer Unfreiwilligkeit, sondern vor allem auch im Masse ihrer Unsichtbarkeit – man denke nur an Feinstaub, CO2 oder das Coronavirus. Doch die entscheidende Frage lautet: Wachsen die Gefahren oder einfach nur unsere Ängste?

Der schwarze Schwan ist die Metapher für das absolut Unerwartete, das die Amerikaner «the unknown unknown» nennen. Zu Deutsch: Denn erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. Dass das absolut Unerwartete geschieht, wird in unserer Zeit immer wahrscheinlicher, denn sie ist durch wachsende Komplexität und damit Undurchsichtigkeit gekennzeichnet. Unsere Gesellschaft befindet sich im Blindflug in eine unbekannte Zukunft. Man kann deshalb nur noch «auf Sicht» fahren. Und jede Entscheidung, die getroffen werden muss, kann nur noch unter den Bedingungen von Unsicherheit und Ungewissheit getroffen werden.

Doch wie soll man mit dieser Situation fertigwerden? Jedenfalls nicht durch planende Vernunft. Managementtheoretiker und Organisationssoziologen empfehlen ein Training der Geistesgegenwart, Mut zur Risikobereitschaft und eine Kultur der Fehlerfreundlichkeit. Friedrich von Hayek hat schon vor Jahrzehnten die «Anpassung an das Unvorhersehbare» gefordert. Dazu braucht man Spannkraft, Elastizität, Flexibilität. Es gibt keinen Rückweg in die Unschuld, ins Vertraute, weil es keine Alternative zur riskanten Lebensführung mehr gibt. Wir sind angewiesen auf Entlastung durch risikoreiche Selektion. Dieser Zwang zur Selektion hat den Zwang der Tradition ersetzt. Damit haben wir uns aber ein unlösbares Dauerproblem eingehandelt.

Norbert Bolz ist emeritierter Professor für Medienwissenschaften an der TU Berlin. Beim abgedruckten Text handelt es sich um eine gekürzte Fassung des Impulsreferats, das er am 21. Oktober beim «NZZ Podium» «Weltrisikogemeinschaft: handlungsfähig sein und bleiben» in Zürich gehalten hat.