MESOP WATCH NEW : CORDON SANITAIRE / GUTE & VERDÄCHTIGE SUBJEKTE
4.10.2021 Hausarzt kündigte an, in Zukunft keine Patienten ohne Corona-Impfung mehr behandeln zu wollen. Das nannte er einen „Versuch, durch Überzeugungsarbeit Ungeimpfte in den Kreis der Geimpften mitaufzunehmen“.
Diese Aussage bringt die deutsche Impfkampagne auf den Punkt –
und alles, was daran schiefläuft: Immer schamloser wird gefordert, jenem Rest der Gesellschaft, der sich noch nicht zu einer Impfung gegen Corona entschlossen hat, elementare Rechte wie die medizinische Grundversorgung zu entziehen. Das will man dann aber bitte nicht als Diskriminierung verstanden wissen, sondern lediglich als „Überzeugungsarbeit”.
Das Problem dieser Strategie ist nun in einer Untersuchung des Hamburg Center for Health Economics (HCHE) zu beobachten: Der zweitwichtigste Grund, sich nicht impfen zu lassen, ist Trotz. Nur der Zweifel an der Sicherheit des Impfstoffs spielt eine noch größere Rolle. „Ich fühle mich zu sehr von den Erwartungen der Politiker/der Gesellschaft unter Druck gesetzt“ – diesem Satz stimmen 67 Prozent jener Deutschen zu, die eine Corona-Impfung noch ablehnen. Das überrascht nicht in einer Zeit, in der ein Verhaltensökonom im „Spiegel“ fordern darf, Ungeimpfte im Zweifel auf den Intensivstationen zu benachteiligen.
Noch klarer zeigt sich der gegenteilige Effekt des öffentlichen Drucks bei der Frage, wie sich härtere Maßnahmen – etwa 2G-Regeln oder Corona-Tests, die man selbst bezahlen muss – auf die Impfbereitschaft auswirken. Hier sagen um die dreißig Prozent, eine Impfung werde dadurch für sie noch unwahrscheinlicher, nur etwa fünf Prozent geben an, solche Regeln könnten sie zur Impfung motivieren.
Der deutsche Sonderweg, die Impfbereitschaft durch Kollektivzwang und 2G-Ausgrenzung zu erhöhen, muss nach diesen neuen Erkenntnissen als gescheitert gelten – was auch insofern nicht verwundert, als dass er die wissenschaftliche Vernunft noch nie auf seiner Seite hatte. Die Impfung ist ein hochwirksamer Selbstschutz gegen schwere Verläufe, verhindert aber die Ansteckung und Weitergabe des Virus nur lückenhaft. Eine Herdenimmunität durch Impfung – das haben Daten aus Israel, England und den Vereinigten Staaten schon im Sommer gezeigt – ist eine längst überholte Illusion. Insofern kommt es weniger darauf an, wie viele Bürger sich impfen lassen, als darauf, dass es die richtigen tun.
Eine kluge Impfkampagne sollte nicht sinnlos auf Quantität drängen und sogar Jugendliche und Kinder ins Visier nehmen, obwohl diese nur selten stark gefährdet sind. Stattdessen sollte sie gezielt jene Bürger aufklären, die ohne Corona-Schutzimpfung gefährdet sind – die Alten und etwa die Jüngeren, die an Adipositas, Diabetes oder Krebs leiden. Hier wäre eine erwachsene Ansprache angemessen, die auf die Entscheidungsfähigkeit und Selbstverantwortung der Individuen setzt. Ein Staat, der seine Bürger wie störrische Kinder behandelt, wird nichts als Trotz ernten.