Die unerträgliche Wahrheit des Seins: Martin Heideggers Denken zwingt uns, dem Nichts standzuhalten, das im Mittelpunkt des Daseins steht
War er ein Nazi oder nicht? Jahrelang kreiste die Beschäftigung mit Martin Heidegger um diese Frage. Lorenz Jägers grosse Biografie lenkt auf die Philosophie zurück. NZZ – Hans Ulrich Gumbrecht 28.09.2021, hr
Denken an der Grenze zum Unsagbaren: Martin Heidegger (1889-1976).
Bis vor wenigen Jahren gingen die Wellen öffentlicher Debatten über Martin Heidegger von einem Drang aus, mit immer neuen Materialien zu belegen, was nie ausser Frage gestanden war: Der grosse Philosoph hatte nach 1930 auf die Partei Adolf Hitlers gesetzt, er passte sein Denken einer von der NSDAP ausgelösten Dynamik an und empfand nach dem Ende der Naziherrschaft keinen Anlass, solches Verhalten zu erklären.
Die Spielräume dieser Beleg-Übung scheinen mittlerweile erschöpft, so dass der Blick auf Heideggers besondere Bewegung in der Philosophie des zwanzigsten Jahrhunderts wieder frei werden kann. Diese konvergierte weder mit dem Versuch der frühen «analytischen Philosophie», durch Annäherung an formale Logik und Mathematik die Ergebnisse ihrer Arbeit wissenschaftlich überprüfbar zu machen, noch mit der entgegengesetzten Tendenz des «Pragmatismus», Bewährung in einer praxisnahen Plausibilität von Argumenten anzustreben.
Heidegger war auf der Suche nach einem «Sein» (wie er raunend statt «Wahrheit» sagte), das jenseits aller verfügbaren Beschreibungssysteme liegen sollte und deshalb unvermeidliche Affinitäten zur «Metaphysik» von Religion und Theologie aufwies. Andererseits sprach er auch von der Möglichkeit eines für menschliche Existenz belangvollen, wenn nicht entscheidenden Seins, das unseren Erkenntnismöglichkeiten kaum zugänglich ist, ohne aber einer höheren Wirklichkeit anzugehören.
Die Glocken von Messkirch
Im Schlusskapitel der neuen Heidegger-Biografie von Lorenz Jäger geht es um ähnliche Ambivalenzen zwischen religiösen und säkularen Elementen in den Wünschen des Philosophen für die eigene Beerdigung. Dies bestätigt den Leseeindruck, dass die bestrickend ausführliche Darstellung von Heideggers Leben den Blick auf seine Philosophie des Unsagbaren lenken soll.
Jäger hat sich in früheren Biografien bereits mit Theodor W. Adorno und Walter Benjamin befasst, die aus politisch entgegengesetzter Perspektive auch an der Grenze zum Unsagbaren gedacht und geschrieben hatten. In seinem neuen Buch eröffnet er ein neues Kapitel der Heidegger-Rezeption, indem er das Paradox ausreizt, jenes «deutsche Leben» zu erzählen, um auf die systematischen Herausforderungen eines philosophischen Gipfelwerks vorzubereiten.
Unter dieser Prämisse werden Details und Episoden auf Heideggers Weg zu Vorgaben für Elemente seines Denkens. Die Glocken des Kirchturms in der alemannischen Heimatgemeinde Messkirch etwa, die Heidegger als Sohn des Messners zum Läuten bringt, prägen ein Erleben von Zeit, das sich auf Stimmungen des Tages und der Jahreszeiten öffnet, statt Spannen von Dauer zu vermessen.
Martin Heidegger mit dem französischen Philosophen Jean Beaufret und seinem Sohn Hermann Heidegger vor Heideggers Hütte in Todtnauberg, 1955.
Erotik der Begegnung
Die voralpine Landschaft in der Nähe des Bodensees setzt die Körper ihrer Bewohner in ein Verhältnis zum Raum, von dem sich das Bewusstsein nicht abheben kann, wie Heideggers Begriff vom «Dasein» später betonen sollte. Schliesslich gab der katholische Glaube als Lebensform dem Theologiestudenten einen Anspruch auf Wahrheit ohne subjektive Zugeständnisse vor, der seine Bahn gerade nach dem Übergang zur Philosophie bestimmte.
Kein früherer Biograf hat die zahllosen Affären in Heideggers Leben als Auslöser von Zuständen einer «Lebensintensität» ernst genommen, auf die sein Denken angewiesen war. Lorenz Jäger vergegenwärtigt auf brillanten Seiten die Erotik der Begegnung mit der neunzehnjährigen Hannah Arendt 1925 an der Universität Marburg und das Gelingen einer intellektuellen Freundschaft in den letzten Lebensphasen. Statt die exaltierte Prosa von Heideggers Briefen als Gestus eines routinierten Verführers abzubuchen, traut Jäger den Liebenden in der lebenslangen Ahnung, bedingungslos wichtig füreinander zu sein.
Eine andere Modalität existenzieller wie intellektueller Erregung ging für Heidegger von den Gedichten grosser Lyriker aus. Friedrich Hölderlin vor allem, der zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts noch nicht zu den Kanon-Autoren der deutschen Literatur zählte, während er für Heidegger den Glauben an eine Kontinuität zwischen dem antik-griechischen und dem deutschen Geist verkörperte, aber auch Georg Trakl, Rainer Maria Rilke und später Paul Celan haben seine Intuitionen so tief beeinflusst wie nur wenige Philosophen. Und es versteht sich, dass die drastischen Ereignisse der deutschen Geschichte in seiner Zeit Heideggers Denken zu immer neuen Impulsen provoziert haben.
Hitlers Hände
Gerade weil Jäger – eher implizit als programmatisch – davon ausgeht, dass Heideggers Werk, so wie es aus seinen historischen Umwelten entstand, über ein auch heute berührendes Potenzial verfügt, braucht er die Figur des Philosophen nicht von Kritik oder vom Effekt peinlicher Momente im Lebenslauf auszunehmen. Dem skeptischen Kommentar seines Kollegen Karl Jaspers, man dürfe einem so ungebildeten Politiker wie Hitler nicht die Führung einer Nation überlassen, setzte Heidegger den apodiktischen Satz entgegen: «Bildung ist ganz gleichgültig, sehen Sie nur seine wunderbaren Hände an!»
Mit derart schrankenlosem Egozentrismus im eigenen Urteilen machte Heidegger nicht nur die Rede seiner ersten Studenten vom «heimlichen König der Philosophie» zum Selbstbild, sondern erhob diese Rolle bald in den Anspruch eines «heimlichen Zeitenherrschers». Dagegen scheint ihn die Klage seiner Frau Elfriede über die «hohlen Worte» und die «Lügen», mit denen er über eine nie endende Folge von Liebschaften hinwegredete, kaum tangiert zu haben.
Eines der ausführlichsten Kapitel widmet Jäger den Tagen, die Heidegger 1967 anlässlich eines Gastvortrags von Paul Celan an der Universität Freiburg mit dem jüdischen Lyriker verbrachte. Obwohl seine Familie in nationalsozialistischen Konzentrationslagern ausgelöscht worden war, hatte Celan Heidegger bewundernd als «Denk-Herrn» gegrüsst. Zugleich berichten Zeitzeugen von einer prekären Stimmung in den Gesprächen und beim Besuch in der damals schon legendären Schwarzwald-Hütte des Philosophen.
Das Versagen
Dem Gästebuch vertraute Celan seine Unterschrift an – mit der «Hoffnung auf ein kommendes Wort im Herzen». Heidegger war an diesem Wort nicht wirklich gelegen. «Ich denke, dass einiges noch eines Tages aus dem Ungesprochenen gelöst wird», sagte er etwa unverbindlich in einem Brief an den Dichter. Jägers Kommentar fällt so hart wie gerecht aus: «Hier handelt es sich um ein Versagen. Man hat den Eindruck, dass Heidegger alles in eine ragende Höhe bringen konnte, wo niemand mehr zu belangen ist. Er war gross, aber er wollte noch grösser sein. Der Mann, der das Wesen der Wahrheit ermitteln wollte, verbrachte nicht wenig Lebenszeit mit Ausreden.»
Bei den Annäherungen seines Philosophierens an das «Ungesprochene» musste Heidegger auf exzentrische Intuitionen jenseits der etablierten Vernunft setzen. In dieser einen Hinsicht zeigt Jägers Biografie Affinitäten, die sich allerdings nie zur «Methode» oder zu einem Stil der «Aneignung» verhärten.
Die Tatsache etwa, dass Karl Löwith, Heideggers vielleicht wichtigster Schüler, auf den Tag drei Jahre vor seinem Lehrer am 26. Mai 1973 starb, nennt Jäger eine «Kreuzung der Wege», die «man als Zeichen einer prekären, von Problemen belasteten und dennoch bewahrten Nähe nehmen» könne. Und das Geburtsdatum des Philosophen am 26. September 1889 beeindruckt ihn weniger wegen des Jahres, das ihn mit Adolf Hitler und Ludwig Wittgenstein verband, als im Blick auf eine Konvergenz zwischen dem frühen Herbst und dem Motiv des «Lebens zum Tode», das er zur Grundbedingung der Existenz entfaltete.
Anders als die bisher massgebliche Heidegger-Biografie von Rüdiger Safranski liefert Jägers Buch kein rückblickendes Kompendium aus kompakten Werk-Zusammenfassungen und ihren geschichtlichen Kontexten. Es versetzt seine Leser in die Ungewissheit und in die megalomane Kühnheit eines Denkens, das sich nur in der Energie permanenten Entstehens zu ereignen vermochte – und deshalb auf die Bereitschaft zu einem Engagement ohne Versprechen von Zielen oder Ergebnissen angewiesen bleibt. An dieser Schwelle können neue Auseinandersetzungen mit Heideggers Philosophie beginnen.
Lorenz Jäger: Heidegger. Ein deutsches Leben. Rowohlt-Berlin-Verlag, Berlin 2021. 604 S. Fr. 42.90.