MESOP BACKGROUND NEWS : DIE LEHRE VOM ALLGEMEINEN ZERFALL = WESTEN-EUROPA-DEUTSCHLAND

Das Ende klarer Verhältnisse : Keine Partei kann sich mehr in Sicherheit wiegen

  • Von Daniel Deckers FAZ 28.09.2021 Mit dem Schrumpfen der Union markiert das Wahlergebnis das Ende der Ära Merkel – und der gewohnten Regierungs- und Parteienverhältnisse. Was folgt darauf? Eine Analyse.

Am Ende war bei den Unions­par­tei­en alle Hoff­nung verge­bens. Zwar war das Stim­mungs­bild in den beiden Wochen vor der Bundes­tags­wahl nicht mehr ganz so düster wie im August, als für CDU und CSU ein Stim­men­an­teil von 20 Prozent oder weni­ger möglich erschien. Aber weder die Aussicht auf ein Deba­kel von histo­ri­schem Ausmaß noch auf die Möglich­keit einer massi­ven Links­ver­schie­bung der poli­ti­schen Koor­di­na­ten durch eine Koali­ti­on von SPD, Grünen und Linken vermoch­ten die Wähler der Unions­par­tei­en in hinrei­chen­dem Maß zu mobi­li­sie­ren. Im Gleich­klang verlo­ren CDU und CSU gegen­über der Bundes­tags­wahl 2017 jeweils mehr als sieben Prozent­punk­te auf nunmehr zusam­men 24,1 Prozent der Zweitstimmen.

Doch sind die Zeiten längst vorbei, in der sich die ange­stamm­ten Volks­par­tei­en CDU/CSU und SPD wie kommu­ni­zie­ren­de Röhren verhal­ten. Dem schlech­tes­ten Ergeb­nis der Unions­par­tei­en seit dem Bestehen der Bundes­re­pu­blik entsprach eines der schlech­tes­ten für die SPD. Mit 25,7 Prozent der Zweit­stim­men konn­ten die Sozi­al­de­mo­kra­ten zwar die Nieder­la­ge von 2017 verges­sen machen, als die Partei nur 20,5 Prozent der Stim­men erhal­ten hatte. Doch die 30-Prozent-Marke, die sich das im Herbst 2019 gewähl­te Führungs­duo Saskia Esken/Norbert Walter-Borjans zum Ziel gesetzt hatte, wurde selbst mit einem Bewer­ber um das Amt des Bundes­kanz­lers verfehlt, der seine beiden Mitbe­wer­ber Armin Laschet (CDU) und Anna­le­na Baer­bock (Grüne) sowohl auf dem Feld der Kompe­tenz- wie der Persön­lich­keits­wer­te deklassierte.

Tatsäch­lich hat die SPD in der Person von Bundes­fi­nanz­mi­nis­ter Olaf Scholz die einzi­ge Chance genutzt, die sie nach dem Ende der Ära Merkel hatte, um sich als regie­rungs­fä­hig zu präsen­tie­ren. Doch die Geschlos­sen­heit der eige­nen Partei, alle Fehler in der Wahl­kampf­füh­rung von Union und Grünen zusam­men­ge­nom­men und auch das schwächs­te Abschnei­den der Links­par­tei seit Jahr­zehn­ten brach­ten den Sozi­al­de­mo­kra­ten nicht mehr ein Vier­tel der Stim­men ein. Als alle Stim­men ausge­zählt waren, kamen CDU/CSU und SPD erst­mals in der Geschich­te der Bundes­re­pu­blik auf zusam­men weni­ger als die Hälfte der Zweit­stim­men. So betrach­tet wurde mit dem Ende der Ära Merkel nach 16 Jahren Kanz­ler­schaft womög­lich auch das Ende der Partei­en- und Regie­rungs­for­ma­tio­nen besie­gelt, wie sie nach 1949 in West­deutsch­land entstan­den waren und sich nach 1990 unter gesamt­deut­schem Vorzei­chen noch­mals neu konfi­gu­riert hatten.

Bundestagswahl 2021Verluste der Union

Aus heite­rem Himmel kam diese „Zäsur“ (Forschungs­grup­pe Wahlen) nicht – im Gegen­teil. Es war die Corona-Pande­mie, die die Unions­par­tei­en seit dem Früh­jahr 2020 so stark wie zuletzt vor der Flücht­lings­kri­se 2013 erschei­nen ließ und damit den Blick darauf verstell­te, dass CDU und CSU seit der Ankün­di­gung Merkels im Herbst 2018, nicht wieder als Bundes­kanz­le­rin zur Verfü­gung zu stehen, deut­lich unter der 30-Prozent-Schwel­le gese­hen wurden. Doch anstatt die in die Millio­nen gehen­de Zahl der Wähle­rin­nen und Wähler zu umwer­ben, die die Unions­par­tei­en gewählt hatten, um Angela Merkel als Bundes­kanz­le­rin zu sehen, sand­ten CDU und CSU ein verwir­ren­des Signal nach dem anderen.

Doch die Union konnte sich inso­weit in Sicher­heit wiegen, als die Antwor­ten auf die Frage nach der Partei, welche die künf­ti­ge Bundes­re­gie­rung führen sollte, noch im Sommer zu ihren Guns­ten ausfiel. Erst als sich auch auf dieser Ebene ein Stim­mungs­um­schwung zuguns­ten der SPD abzeich­ne­te, fiel auch der Wert für die Unions­par­tei­en fast ins Boden­lo­se. Denn die Union war nun nicht mehr nur die Partei ohne Merkel. Sie war auch nicht mehr die Staats­par­tei schlecht­hin, bei der die eine Mehr­heit der Bürger die Zukunft des Landes in guten Händen sah. Für andere Partei­en mögen gerin­ge Kompe­tenz­zu­schrei­bun­gen auf Feldern wie „Wirt­schaft“ oder „Zukunft“ keinen Nach­rich­ten­wert haben. Für die Unions­par­tei­en ist ein Absturz auf diesen Feldern lebens­ge­fähr­lich – und in Zeiten, in denen von den Stich­wör­tern „Klima­schutz“ und „Sozia­le Gerech­tig­keit“ neue Entschei­dungs­zwän­ge ausge­hen, fast tödlich. Denn auf beiden Feldern hat die Union mit oder ohne Laschet nichts zu bieten, was die Verlus­te auf ihren ange­stamm­ten Kompe­tenz­fel­dern hätte wett­ma­chen können.

Der SPD erging es nur gradu­ell besser. Sie insze­nier­te sich mit groß­zü­gi­gen Verspre­chun­gen wie einer Erhö­hung des Mindest­lohns oder der Beibe­hal­tung des Status quo der Renten­po­li­tik als Garant des Respekts vor den Lebens­leis­tun­gen vieler Bürger – und das so geschickt, dass nicht nur vorma­li­ge CDU-, sondern auch vorma­li­ge AfD-Wähler in Scha­ren zu Scholz über­lie­fen. Doch wie selek­tiv und damit wenig zukunfts­wei­send das Poli­tik­an­ge­bot der SPD wie der Unions­par­tei­en wahr­ge­nom­men wurde, spie­gelt sich in dem Abschnei­den der Grünen wie der FDP.

Gleich zwei­mal in der vergan­ge­nen Legis­la­tur­pe­ri­ode schien den Grünen das Bundes­kanz­ler­amt zum Grei­fen nahe: Im Dürre­som­mer 2019 wie im Früh­jahr 2021 nach der Ausru­fung von Anna­le­na Baer­bock als Aspi­ran­tin auf die Nach­fol­ge Merkels lagen Union und Grüne in Meinungs­um­fra­gen eine Zeit­lang fast gleich­auf. Doch am Abend der Bundes­tags­wahl stand nicht die Ziffer zwei vor dem Wahl­er­geb­nis, sondern eine eins. Tatsäch­lich sind die Grünen mit einem Plus von 5,8 Punk­ten abso­lut betrach­tet die Wahl­sie­ger schlecht­hin vor der SPD mit einem Zuge­winn von 5,2 Punk­ten. Doch den eige­nen Anspruch, eine Klima­re­gie­rung zu bilden, muss die Partei als Juni­or­part­ner in einer Koali­ti­on reali­sie­ren. Der Spit­zen­kan­di­da­tin trau­ten die Führung der Regie­rungs­ge­schäf­te – ähnlich wie im Fall Laschet – mehr­heit­lich nicht einmal die eige­nen Anhän­ger zu.

Mit den Volksparteien könnte es weiter bergab gehen

Doch wäre es zu kurz gegrif­fen, das Schei­tern der Grünen an den eige­nen Ansprü­chen nur auf eine falsche Kandi­da­tin und Fehler im Wahl­kampf zurück­zu­füh­ren. Denn mit ihrem Programm gelang es den Grünen offen­kun­dig nicht, in jene Wähler­schich­ten einzu­bre­chen, die zu einem Gesamt­er­geb­nis von mehr als 20 Prozent beitra­gen müssen: Dies sind zum einen die betei­li­gungs­star­ken Wähler im Alter von 60 Jahren und mehr sowie die Bürger mit eher nied­ri­gen Bildungs­ab­schlüs­sen. In beiden Kohor­ten sind die Unions­par­tei­en und die SPD deut­lich stär­ker als die Grünen – und dies so sehr, dass es nur noch die Wähler über 60 waren, die die Unions­par­tei­en noch über die 20-Prozent-Schwel­le gehievt haben (und dies auch deswe­gen, weil CDU und CSU bei den weib­li­chen Wählern fast zwölf Punkte verlo­ren haben). Nach Berech­nun­gen von infra­test-dimap kamen die Unions­par­tei­en bei den älte­ren Wählern auf 33 Prozent, bei den jünge­ren hinge­gen nur noch auf 18. Auch die SPD kann sich nicht in Sicher­heit wiegen: Bei ihr ist das Verhält­nis mit 34 zu 21 nur gering­fü­gig besser.

Stellt man nun noch in Rech­nung, dass wie schon bisher auch in den kommen­den Jahren über­pro­por­tio­nal viele Unions- und SPD-Wähler verster­ben, könnte es mit den ange­stamm­ten Volks­par­tei­en noch weiter bergab gehen. Welche ande­ren Partei­en davon profi­tie­ren, ist kaum vorher­zu­se­hen. Die in Teilen rechts­ex­tre­me AfD etwa ist nicht mehr die stärks­te Oppo­si­ti­ons­par­tei, ist aber trotz allen inter­nen Streits und ohne ein mobi­li­sie­ren­des Thema wie Migra­ti­on oder Euro mit 10,3 Prozent der Zweit­stim­men im Bundes­tag geblie­ben. Dazu haben nicht nur die Wähler in Sach­sen und Thürin­gen beige­tra­gen, wo die AfD stärks­te Partei wurde. Mit 9,6 Prozent (–2,6 Punkte) oder gut 570.000 Zweit­stim­men konnte die Partei auch in Baden-Würt­tem­berg wieder ein durch­aus beacht­li­ches Ergeb­nis erzie­len, neun Prozent waren es auch in Bayern. Die Furcht vor sozia­lem Abstieg und dem Verlust des Lebens­stan­dards, einem der Haupt­mo­ti­ve der AfD-Wähler, ist offen­kun­dig kein ostdeut­sches Spezifikum.

Die Bäume der Grünen wach­sen womög­lich auch in Zukunft nicht ganz so hoch wie von ihnen propa­giert. Zwar haben am Sonn­tag fast eine Milli­on vorma­li­ge Unions­wäh­ler ihre Stimme den Grünen gege­ben (und mehr als 1,5 Millio­nen der SPD). Doch immer­hin fast eine halbe Milli­on vorma­li­ge CDU-Stim­men (und gut 200.000 AfD-Voten) fielen an die Freien Demo­kra­ten, die nur deswe­gen nicht stär­ker als die Grünen wurden, weil sie in erheb­li­chem Maß an SPD, Grüne und andere Stim­men verlo­ren. Ergänzt man die Betrach­tung der Wähler­strö­me jedoch um den Faktor Alter, verän­dert sich schlag­ar­tig das Bild: Während Union und SPD am oberen Ende der Skala Wähler en masse verlie­ren, schnei­den sie unter Jung- und Erst­wäh­lern mit zehn bezie­hungs­wei­se 15 Prozent erheb­lich schlech­ter ab als die Grünen mit 23. Doch auch mit der FDP könnte auf Dauer wieder zu rech­nen sein. Die Freien Demo­kra­ten sind nicht nur zum zwei­ten Mal hinter­ein­an­der wieder mit einem zwei­stel­li­gen Ergeb­nis im Bundes­tag vertre­ten. In einem Anteil von 21 Prozent unter Jung- und Erst­wäh­lern verbirgt sich die Botschaft, dass nicht alle jungen Erwach­se­nen zur „Fridays-for-Future“-Gene­ra­ti­on gehö­ren, die sich nicht hinter der CDU, CSU und SPD versam­meln – gar nicht zu reden von der Links­par­tei, die sich als klas­si­sche Protest­par­tei auch ohne die AfD perso­nell und program­ma­tisch über­lebt hat. Sie schnei­det unter jungen Bürgern ähnlich schlecht ab wie die AfD und wäre insge­samt ohne die Grund­man­dats­klau­sel nicht wieder mehr in den Bundes­tag zurück­ge­kehrt, so viele Stim­men hat sie an SPD und Grüne abgegeben.