MENA WATCH NEWS : Studie zum Geldverhalten – Raubtierspiele

Kommentar von Dietmar Dath FAZ  2.09.2021

Eine Forschungsgruppe in Zürich hat ermittelt, dass Menschen in Geldangelegenheiten gegenüber Einzelnen weniger habgierig sind als gegenüber Gruppen. Was lehrt uns das?

Kräftig übertönt von Hiobsbotschaften aus Militärwesen, Epidemiologie und Klimakunde hat vor kurzem ein Zürcher Forschungsteam in der Fachzeitschrift Nature Human Behaviour der Menschheit wieder einmal mitgeteilt, woran sie bei sich ist. Einige hundert Personen hatten unter Anleitung eines wissenschaftlichen Teams Spiele gespielt, bei denen man einzelnen Menschen kleine Geldbeträge schenken kann. Die meisten zeigten sich spendabel, zogen dann aber andere Saiten auf, als das Spiel „Großer Räuber“ begann. Da ist man eingeladen, sechzehn anderen bis zu fünfzig Prozent ihrer Einnahmen abzujagen.Vier Fünftel der Probandinnen und Probanden fanden nichts dabei, eine Gruppe zu bestehlen, so nett sie zuvor zu singulären Bedürftigen auch gewesen waren.

Die Forschung hat hier ermittelt, was Intuition schon ahnt: Wenn’s um Geld geht, ist auf Humanität eher Verlass, sofern die Bettlerin allein am Gehsteig hockt, als in Situationen, in denen sie als Ausdruck eines „Randgruppenproblems“ erlebt wird. Menschen mit einträglichem Besitz unterscheiden sich erfahrungsgemäß gleichsam instinktiv selbst von Gruppen, die einen weniger hübschen Platz im System der gesellschaftlichen Produktion einnehmen. Wenn die Pechvögel dann noch weit weg leben, tut dem Glückspilz der Gedanke daran, dass viele davon schon als Kinder in Müllbergen wühlen müssen, nicht weh.

Nicht nur für Superreiche

Die Abhandlung „Generous with individuals and selfish to the masses“, die Carlos Alós-Ferrer mit Jaume García-Segarra und Alexander Ritschel verfasst hat (https://doi.org/gqbf), sollten aber nicht nur Superreiche studieren, sondern auch alle, die sich von finanztechnischen Erfindungen soziale Fortschritte erhoffen – sei’s mehr Freiheit mittels Kryptowährungen, sei’s mehr Solidarität dank Modern Monetary Theory (MMT).

Denn zwar haben sie recht, wenn sie meinen, Geld sei ein sehr wichtiges „symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium“ (Niklas Luhmann) oder gar das „wahre Gemeinwesen“ (Marx). Wenn aber das Übel, dem man beikommen will, die Gruppenvergatterung von Menschen je nach ihrem Abstand zu den Geldvermehrungsmitteln ist (altdeutsch: „Klassengesellschaft“), darf man sich nicht aufführen wie eine Ärztin, die erkannt hat, dass zum Leben zentral das Atmen gehört, und dann daraus ableitet, Knochenbrüche, AIDS oder Herzfehler ließen sich allein mit Atemübungen heilen. Wer nicht atmet, ist erledigt, wie jemand ohne Geld. Aber bei dieser Art Einsicht fangen die interessanteren Sorgen erst an.