MENA WATCH Cancel-Culture: Wo wieder Mauern aufgebaut werden

Die Freiheit von Kunst, Forschung und Lehre ist unser hohes Gut. Aber derzeit findet eine Jagd auf Worte, Bilder und Menschen statt. Stellt diese Cancel-Culture wirklich Gerechtigkeit her?

Zsuzsa Breier 30.08.2021, NEUE ZÜRCHER ZEITUNG

 

Die Frage ist doch: Wie führen wir die Auseinandersetzung mit dem Andersdenkenden?

Ich stelle mir vor: In den Debatten um Gerechtigkeit würde statt der Tilgungswut der Cancel-Culture das Prinzip Kontrapunkt glänzen. Ein Nebeneinander von gleichberechtigten Stimmen, die sich gegeneinander verhalten und doch in Harmonie miteinander verbunden sind. Wie bei Johann Sebastian Bach – der angeblich für manche neuerdings auch auf dem Altar der Cancel-Culture geopfert gehört.

Stimme und Gegenstimme können orchestriert werden. Schon in der Antike entwickelte Platon für die Wahrheitssuche die Form des «Dialogs». Das Motto der Europäischen Union, «Einheit in Vielfalt», mag eine Plattitüde sein, der Gedanke dahinter bleibt stimmig, auch wenn es letztlich darauf ankommt, um mit Ralf Dahrendorf zu sprechen, ob die Einheit nur den Zipfel oder die ganze Bettdecke erfasst. Es gibt meistens nicht die eine Antwort, sondern Ansichten und Auffassungen, auch Unauflösbares und Paradoxes. Dass es hilfreich ist, in sich widersprüchliche Ansichten durchzudenken, wusste schon Aristoteles.

Stetes Hinterfragen

Nun soll aber ausgerechnet unsere westliche Zivilisation, die durch Krisen gegangen ist, fast zerbrochen ist an Kriegen und Verbrechen, die Untaten der Diktaturen überwand und durch Erfahrungen der Unfreiheit geläutert wurde, in einen Kampfmodus fallen, der im Namen der Gerechtigkeit Hass und Aggression entfacht. Solange es ums Sichtbarmachen von Benachteiligungen geht (geschlechtsspezifisches Lohngefälle, fehlende Kindergartenplätze), um die Enthüllung und Bestrafung von Machtmissbrauch (#MeToo), Rassismus und Sexismus, ist die Forderung nach Gleichbehandlung nicht nur richtig, sie ist ein Muss. Die stete Hinterfragung unserer Kultur, Korrekturen und Neubeginn sind Teil unserer Zivilisation, die grosse Frage ist aber immer: Wie führen wir die Auseinandersetzung?

So wie die rote Räterepublik 1919 in Ungarn, als sie prompt den Schutzpatron des knapp tausendjährigen christlichen Ungarn, den Erzengel Gabriel, durch einen überlebensgrossen Marx-Kopf ersetzte? Wie die Nachkriegskommunisten, die Kirchen sprengten und an deren Stelle überlebensgrosse Stalin- und Lenin-Skulpturen setzten? Dass das Auge-um-Auge-Prinzip schliesslich alle blind macht, wie Martin Luther King wusste, schien sie genauso wenig zu kümmern wie die muslimischen Taliban, die vor gut zwanzig Jahren buddhistische Kulturgüter in Afghanistan vernichteten.

Den Bildersturm der Taliban, die Bücherverbrennung der Nationalsozialisten, die Vernichtung von Kulturdenkmälern im sowjetischen Ostblock vergleiche ich ausdrücklich weder miteinander noch mit der Tilgungswut der Cancel-Culture. Denn hinter jeder Untat und jedem Verbrechen steckt eine andere Geschichte.

«Pippi Langstrumpf» und «Jim Knopf»

Wenn aber Professoren an der renommierten Oxford University eine «Dekolonialisierung» des Lehrplans fordern und die Werke von Bach, Mozart und Beethoven als «weisse europäische Musik aus der Sklavenzeit» austauschen wollen zugunsten von «nichtwestlichen Klängen», ist das nicht die kritische Auseinandersetzung, die die Welt voranbringt. Wenn Bücher wie «Pippi Langstrumpf» als «kolonialistisch» und «rassistisch» gelten, wenn «100 Autorin:en und Lit.Wissenschafter:innen» gegen die Shortlist der Leipziger Buchmesse protestieren, weil sie #AllzuWeiss sei, bleibt die Frage: Wenn keine schwarzen «Schreibenden» nominiert sind, ist das gleich rassistisch?

Sind Menschen, die Bach statt «afrikanisch-diasporischer Musik» präferieren, die ihren Kindern «Jim Knopf» vorlesen, gleich Rassisten? Muss Literatur «die gelebte Realität der deutschen Gesellschaft repräsentieren»? Muss Literatur überhaupt irgendetwas?

Was zur Ideologie passt

Ist die Freiheit von Kunst, Forschung und Lehre nicht unser hohes Gut, ihre gesetzliche Verankerung nicht unser ganzer Stolz? Die Freiheit des Sagbaren, der offene Dialograum? Im Gegensatz zu Diktaturen, die freie Meinungsäusserung durch Zensur und Verbannung aus dem öffentlichen Raum unterbinden? Die nur hören wollen, was zu ihrer Ideologie passt?

Mag die Intention hinter einem Begrenzungsversuch moralisch gut oder böse sein, politisch links oder rechts, ob von Autokraten, Populisten oder Weltverbesserern.

Wenn Kabarettistinnen wie Lisa Eckhart oder Universitätsprofessoren ausgeladen werden, wenn die Bücher der Harry-Potter-Autorin Joanne K. Rowling boykottiert werden, sind das zwar alles Einzelfälle. Unverkennbar ist aber hinter all dem ein gemeinsamer Ungeist: einer der Enge, einer, der nicht verstehen und inkludieren will, sondern ausschliessen, anfeinden, tilgen, meiden, mundtot machen, aus der Welt schaffen – eben canceln.

Mauern werden aufgebaut

Die Frage stellt sich: Hilft etwa die Umbenennung einer «Mohrenstrasse», Rassismus zu überwinden? Wird durch die Jagd auf Worte, Bilder und Menschen Gerechtigkeit hergestellt? Was für eine Rolle spielt Cancel-Culture für unsere Welt? Heftige Debatten begleiteten schon in den 1990er Jahren die CC-Vorgänger-Debatte, den Diskurs um die Political Correctness (PC), auch sie versprach Gerechtigkeit, auch sie spaltete. Ihre Sprengkraft bezog auch sie daraus, Identitäten zu markieren (und zu brandmarken), Reviere zu umzäunen, «das Andere» hinter eine Mauer zu verbannen – wo wir der Mauern doch gerade zu Recht so sehr überdrüssig geworden waren in Europa.

Und gerade im Wahlkampf steigt der Hunger nach «klarer Kante», auch dieses Verlangen bedient die Cancel-Culture. Aber das Nachkriegs-Erfolgsmodell, Demokratie, Rechtsstaat, soziale Marktwirtschaft wirklich anzugreifen, ist bisher keiner Partei gelungen. Schon in den sechziger Jahren gelang es den «antikapitalistischen» Kräften nicht, das System nachhaltig ins Wanken zu bringen, nicht einmal der terroristischen «antikapitalistischen» Rote-Armee-Fraktion (RAF). Sogar Die Linke, die Nachfolgepartei der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), befindet sich gerade im Sinkflug, nach kurzen Erfolgen auf den von der SED hinterlassenen Ruinen.

Dass nun ausgerechnet die aus dem westlichen links-anarchistischen Milieu herausgewachsenen Grünen die Bundesrepublik regieren wollen, ist zwar kein Siegeszug des Antikapitalismus – denn die Grünen marschierten längst in die Institutionen und beziehen ihre Klientel (auch) aus einem städtisch-elitären wohlstandssatten Milieu. Aber dieser Schwenk ist nicht jedermanns Geschmack.

Forderungen der Grünen heute wie einst

Die Grüne Jugend fordert auch heute im Ton der einstigen Ostblock-Kommunisten die «Überwindung des Kapitalismus», der «unmenschliche soziale Bedingungen» hervorgebracht und «Menschen in Ketten» gelegt haben soll. Immerhin weiss sie inzwischen auch, dass «mit dem Ende des Kapitalismus viele Unterdrückungsverhältnisse nicht automatisch enden»: Zu bekämpfen seien auch «Rassismus, Antisemitismus, Homophobie und patriarchale Strukturen» – all das, was die Cancel-Culture zu bekämpfen vorgibt.

Wenn dreissig Grüne, unter ihnen auch der als Aussenseiter geltende Boris Palmer, das Bedürfnis verspüren, gegen die Cancel-Culture Stellung zu beziehen, weil eine «Selbstüberhöhung linker Politik» leicht «in neue Unfreiheit umschlagen» kann, sprechen sie nicht die Sprache der heutigen Grünen-Führung. Die grüne Spitzenkandidatin Annalena Baerbock hat identitätsstärkende Botschaften dringend nötig. So geht sie mit allen hart ins Gericht, die «rassistische Sprache reproduzieren», neulich zensierte sie sogar sich selber, nachdem sie in einer Talkshow das «N-Wort» benutzt hatte.

Daniel Barenboim hat vor Jahren eine Weisheit formuliert, die Baerbock und die Kämpfer für die Cancel-Culture nicht zu kennen scheinen: Wenn es nur eine Stimme gibt, dann ist das eine Ideologie, und das könnte in der Musik nie passieren.