MESOPOTAMIA NEWS : DIE LEFT WING MADARINE / WOKISM

Sei wachsam, und grenze alle aus, die es nicht sind: wenn Woke zur Staatsräson wird

Einst verfügte der totalitäre Staat Sprache und Denken. In der Demokratie läuft es nun umgekehrt. Der Staat kopiert, was eine angeblich kulturhoheitliche Klasse diktiert. Jüngste Beispiele aus der neuen braven Welt – und ein kleiner Aufruf zum Widerstand. Josef JOFFE – NEUE ZÜRCHER ZEITUNG  –  15 Juni 2021

Anders als in China liefert im Westen eine Klasse ohne Amt und Armee die Vorgaben, die das Denken und Handeln formieren sollen.

Geschichte ereigne sich zweimal, dozierte Karl Marx in einer seiner klügsten (und lesbarsten) Schriften, dem «18. Brumaire»: erst als «Tragödie», dann als «Farce». Der Totalitarismus des 20. Jahrhunderts war die Menschheitstragödie schlechthin. Sein kleiner Cousin – der Wokismus des 21. – ist aber kein Possenspiel, auch wenn er von Gulag und Geheimpolizei so weit entfernt ist wie die Platzpatrone von der MG-Kugel.

Die knappste Definition des Totalitären kommt von Mussolini: «Alles ist im Staat, nichts ausserhalb und nichts gegen den Staat.» Zum himmelweiten Unterschied nur so viel: Im Westen leben wir heute in fest verwurzelten liberal-demokratischen Gebilden. Der totalitäre Staat existiert nur in China und Korea, weit weg vom westlichen Gehege.

Eine Parallele aber lässt sich doch ins vergangene Jahrhundert ziehen. Wokismus, früher als Political Correctness, jetzt auch als «cancel culture» oder «critical race theory» bekannt, teilt sich ideelle Elemente mit den säkularen Religionen des 20. Jahrhunderts. Diese neue Ideologie kennt das Böse (Rasse statt Klasse), dessen Profiteure (Weisse statt Könige oder Kapitalisten), die Erbschuld (Kolonialismus und Sklaverei statt Herkunft) und die Erlösung (erst Überwindung durch die «Erleuchteten», dann der «neue Mensch»).

Die neue Revolution

Überall und immerdar wollen revolutionäre Bewegungen die Köpfe der Menschen besetzen. Das ist folgerichtig. Wer Kultur und Sprache beherrscht, lenkt das Denken und schliesslich das Tun, was George Orwell in «1984» ausgiebig beschrieben hat und heute eifrig zitiert wird. Keine Kulturrevolution ohne «Wohlfahrtsausschuss» oder «Wahrheitsministerium».

Der Unterschied? Die Woken stürmen weder die Bastille noch den Winterpalast in St. Petersburg; der westliche Staat steht festgemauert in der Erde. Der alte Adam muss sich nicht im Waffenkeller verbarrikadieren. Trotzdem ist die revolutionäre Woke-Bewegung keine Farce.

Der Unterschied zwischen gestern und heute ist der zwischen Reiter und Ross, oben und unten. Früher, seit den Jakobinern, ergriff der revolutionäre Staat die Zügel, die tumbe Masse musste den Wagen in die richtige Richtung ziehen. Korrektes Reden, Schreiben und Meinen wurde von oben verfügt, die Staatsmacht lenkte Herz und Hirn. Zwei Musterbeispiele: Kaum hatten die Bolschewisten gesiegt, richteten sie 1920 Abteilungen für Agitation und Propaganda ein. Schon im Herbst 1933 gründete Joseph Goebbels das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda, um Presse, Film und Rundfunk für das «Dritte Reich» einzuspannen.

Heute läuft es genau umgekehrt: von unten nach oben – das ist das Neue. Heute ist nicht der Staat per se das Movens (auch wenn er natürlich die Political Correctness mitmacht). Stattdessen liefert eine kulturhoheitliche Klasse ohne Amt und Armee die Vorgaben, die Gedanken und Handeln formieren sollen. Ihre Stützpunkte sind Medien und Verlage, Schulen, Stiftungen und Universitäten – bis hin in die Vorstandsetagen. Die Rollen sind perfekt vertauscht; das ist der jüngste Akt im uralten Drama der Macht.

Der Staat, der einst diktierte, schreibt nun mit. Gehorsam nimmt er die Stichwörter auf und adelt sie mit seinem Imprimatur. Genderisierung, «gerechte Sprache» und korrekte Werte füllen die offizielle Rhetorik sowie Verordnungen und Gesetze. Die Rede ist prinzipiell frei, und der Verfassungsstaat wankt nicht, was Querdenker und QAnon in ihrem Verfolgungswahn einfach nicht begreifen. Doch wächst täglich die Tabuzone, die favorisierte Minderheiten, Umwelt und Klima schützen soll. «Rassismus» nimmt das grösste Areal ein. Es folgen Herabwürdigung und Diskriminierung, sei’s von Frauen, Muslimen oder Minderheiten. In amerikanischen Universitäten vermehren sich «safe spaces», wo junge Seelen vor hässlichen Gedanken verschont werden.

Amerikanischer Kulturexport

Alles beginnt in Amerika, dem Hort der Moderne im 20. Jahrhundert, und kühlt auf der Atlantik-Reise kaum mehr ab, bevor es auf dem europäischen Tisch landet. Werfen wir also einen Blick über den Ozean, um die Zukunft zu erspähen. Drei Beispiele aus allerjüngster Zeit mögen zeigen, wie Neusprech von unten nach oben in die Verlautbarungen des Staates eingedrungen ist.

Am Memorial Day (31. Mai), an dem das Land seine Gefallenen ehrt, sprach die Vizepräsidentin Kamala Harris auf der Abschlussfeier der Marineakademie in Annapolis. Normalerweise werden hier Patriotismus, Hingabe und militärische Tugend zelebriert. Harris aber predigte den Einsatz gegen Klimawandel und für Sonnen- und Windenergie, Vorgaben, die nicht der Staat erfunden hat.

Ein Schlüsselsatz der Frau, die den 78 Jahre alten Joe Biden schon morgen beerben könnte, lautete: «Würde eine Marinesoldatin nicht lieber ein zusammengerolltes Solarpanel im Gepäck tragen als eine 20-Pfund-Batterie? Ich bin mir sicher: die Rolle.» Bestimmt nicht, weil im Nachteinsatz die Sonne auf der anderen Seite der Erde scheint. Die Kadetten schwiegen verlegen, derweil sie wohl über die maritime Aufrüstung der Chinesen, die iranische Bombe und Putins Ausgreifen nachdachten.

Gehen wir 60 Kilometer nach Westen, in die Hauptstadt Washington. Hier hat das State Department, das die nationalen Interessen der USA im Ausland vertritt, am 21. Mai ein Rundschreiben an seine Botschaften verschickt – Gutdenk mit offiziellem Stempel.

Das Aussenministerium nahm den Jahrestag des Mordes an dem Schwarzen George Floyd zum Anlass, Amerikas Rassismus hervorzuheben: das «tiefsitzende Unrecht, das im Kolonialismus und in der Unterdrückung (. . .) von Minderheiten wurzelt». Es herrschten «systemischer Rassismus und Polizeibrutalität» im eigenen Land. Die Anweisung autorisiert Botschaften, im ganzen Jahr 2021 die Flagge von «Black Lives Matter» aufzuziehen. Diplomaten dürften sich offiziell in «BLM-Aktivitäten einbringen».

Die «Black-Lives-Matter»-Bewegung findet nicht nur auf den amerikanischen Strassen, sondern inzwischen auch im Aussenministerium Widerhall (Mann an Protestmarsch in Manhasset, 6. Juni 2020).

Shannon Stapleton / Reuters

Der Staat steht fürs Ganze

Nur hat die Anleitung ein kleines Problem. BLM ist nicht der Staat und seine Flagge nicht die nationale, die «Stars and Stripes». BLM ist eine Aktivistentruppe, die für Vorteile und Vorrechte ihrer Klientel kämpft – wie eine Gewerkschaft oder ein Industrieverband. Derlei ist ein klassisches Element demokratischer Willensbildung. Aber im Ausland steht der Staat nicht für das Partikuläre, sondern für das Ganze. So gerät die Tugend zur Torheit. In Moskau, Teheran und Peking werden sie sich jedenfalls über dieses Dokument der Selbstbezichtigung gefreut haben, etwa so: «Das haben wir schon immer gesagt. Amerika ist durch und durch verkommen.»

Kamala Harris und das State-Department-Zirkular, das sind zwei Nachrichten aus dem Kulturkrieg, wo die Exekutive das woke Vokabular nachahmt. Eine dritte liefert die Legislative. Das Unterhaus hat sich eine neue Sprachregelung verordnet: Alles muss genderneutral sein. Das heisst: weg mit «Vater», «Mutter», «Tochter» und nur noch «Eltern», «Kind» und «Geschwister». «Himself» und «herself» werden ersetzt durch «themself», was die englische Grammatik im Dienste der gerechten Sprache meuchelt.

Es klingt wie ein (schlechter) Witz, ist aber wahr. Das Gebet zur Eröffnung des 117. Kongresses endete mit «amen and a-women». Hier steigert sich Woke zum Wahn. Denn «amen» hat nichts mit «Männer» zu tun, sondern stammt aus dem Hebräischen: «So soll es sein.» Es ist eine Bekräftigungsformel, die gendergerecht in allen abrahamitischen Religionen gilt.

Die totale Korrektheit

Nun zum Internationalen – zur Weltgesundheitsorganisation, die dem Staatenbund Uno untersteht. Die WHO hat gerade verfügt, pandemischen Viren ihre geografische Herkunft zu nehmen, etwa dem Ebola-, dem Zika- oder dem West-Nil-Virus. Die kleinen Killer bekommen griechische Buchstaben verpasst. Die britische Corona-Variante B.1.1.7 heisst nun Alpha. Die WHO erklärt es so: Viren nach dem Entdeckungsort zu benennen, ist «stigmatisierend und diskriminierend» für die dortigen Einwohner.

Demnach würde «Influenza» die alten Römer beleidigen. Es gibt noch viel zu tun. Die «Spanische Grippe» muss erst recht weg, weil die 1918 nicht in Spanien entdeckt wurde. Die Briten dürfen Syphilis nicht mehr «Franzosenkrankheit» nennen und die Nachbarn ein Kondom nicht mehr «capote anglaise». Die alte DDR hat’s vorgemacht und das Zuckergussgebäck «Amerikaner» in ein «Ammonplätzchen» verwandelt, um den Klassenfeind aus dem Mund zu verbannen.

Alles nur «Sprachspiele», wie es ein Guru der Postmoderne, Jean-François Lyotard, genannt und von Ludwig Wittgenstein abgekupfert hat? Spiele sind eingebaut in das menschliche Wesen, und die Sprache ist sein grösster Schatz. Die ernste Frage aber ist, ob das korrekte Wort harte Nüsse wie Diskriminierung und Armut knackt. Ghettokinder werden nicht besser in Mathematik, wenn die Schulbehörde des US-Gliedstaats Oregon eine 80-Seiten-Anleitung verteilt, die den «Rassismus im Mathematikunterricht beseitigen» soll, also die «weisse Oberherrschaft» über Zahlen und Zeichen. Diese begünstige «kapitalistische und imperialistische Denkweisen». So lernen die Kids jedenfalls nicht, dass Algebra, Logarithmus und Dezimalsystem aus dem Arabischen kommen.

Der neue Widerstand

Noch einmal: Wir marschieren nicht geradewegs in den Totalitarismus 2.0, nicht einmal in den Neo-Autoritarismus à la Putin, Erdogan und Orban. Covid-19 hin oder her: Der westliche Verfassungsstaat torkelt nicht dem Untergang entgegen. Auf die Gefahr hin, den überzitierten George Orwell abermals zu bemühen, bleibt doch seine Warnung: «Kapierst du denn nicht», wird Winston in «1984» von einem Beamten des Wahrheitsministeriums gefragt, «dass es der ganze Sinn von Neusprech ist, das Spektrum des Denkens einzuengen? Schlussendlich werden wir Gedankenverbrechen buchstäblich unmöglich machen.» Es gehe um die «Realitätskontrolle» – um die Macht durch Bestimmung der Begriffe.

Daraus folgt: Liberale, ob halblinks oder halbrechts, müssen ebenfalls woke sein, aber im Sinne von «wachsam» und «widerständig». Im umzäunten Taburaum der Sprache verkommt nicht nur die Rede- und Meinungsfreiheit, sondern auch die soziale Gerechtigkeit. Die wird seit Jahrhunderten im nimmer endenden Disput errungen. Wie sonst hätten denn Frauen das Wahlrecht, Amerikas Schwarze die Gleichstellung – ohne Pamphlete, Proteste und Demonstrationen – errungen? Sie haben Freiheit und Gleichheit gegen die verordneten angeblichen Wahrheiten erkämpft.

Josef Joffe lehrt internationale Politik und Ideengeschichte auf dem Washington-Campus der Johns-Hopkins-Universität.

In einer früheren Version dieses Textes war von der Erstürmung des «Sommerpalastes in St. Petersburg» die Rede. Korrekt ist, dass die Oktoberrevolution 2017 den St. Petersburger Winterpalast einnahm.