MESOPOTAMIA NEWS : ENDE GELÄNDE GLOBALISIERTE WELT DER KOSMOPOLITEN! – Wie lange der Schutz der Corona-Impfung anhält ist unklar
Bund und Länder ratlos : Wie lange schützt die Impfung vor Corona?
- Von Kim Björn Becker – FAZ – 14.06.2021-09:51 – Geht das im nächsten Jahr ohne eine nochmalige Impfung? Bisher ist ungewiss, wie lange eine vollständige Impfung vor dem Coronavirus schützt. Bund und Länder wirken ratlos, das Bundesgesundheitsministerium schweigt. Dabei sind die Risiken hoch.
Noch ist völlig unklar, wie lange der Schutz einer Corona-Impfung anhält. Weil belastbare Daten dazu fehlen, müssen selbst Fachleute derzeit raten. Sechs Monate, schätzt der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach. „Die erste Auffrischung wird deshalb für einige bereits im Herbst fällig sein“, sagte Lauterbach kürzlich den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Etwas zurückhaltender schätzt Thomas Mertens, der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (STIKO) am Robert Koch-Institut, die Lage ein. Man müsse sich darauf einstellen, dass „möglicherweise im nächsten Jahr alle ihren Impfschutz auffrischen müssen“, sagte er.
Pauschal wird die Frage, wie lange der Impfschutz gegen das Coronavirus anhält, kaum beantwortet werden können. Immerhin werden derzeit in Deutschland vier Impfstoffe eingesetzt, die sich in ihrer Wirkungsweise teils deutlich unterscheiden. Doch die Dauer des Schutzes ist nicht der einzige blinde Fleck, wenn es um den weiteren Fortgang der Impfkampagne geht. Diese hat ihre anfängliche Krisenphase gerade hinter sich gelassen: Seit Anfang Juni ist die sogenannte Priorisierung aufgehoben, seitdem können praktisch alle Impfwilligen von zwölf Jahren an in Deutschland einen Schutz gegen SARS-CoV-2 bekommen – auch wenn es wegen des Mangels an Impfstoff hier und da noch etwas dauern dürfte, bis die entsprechenden Termine vereinbart werden können.
Doppelte Unsicherheit könnte bald ernsthaftes Problem werden
Das zweite Problem für Politiker und Wissenschaftler besteht darin, dass es derzeit noch keine Möglichkeit gibt, den individuellen Impfschutz sicher zu bestimmen. Weder ist also derzeit bekannt, wie lange die Wirkung der Spritzen anhält, noch lässt sich im Einzelfall feststellen, ob der Schutz überhaupt noch greift. Fachleute fürchten, dass diese doppelte Unsicherheit schon bald ein ernsthaftes Problem nach sich ziehen könnte.
Aus gutem Grund sind zu Beginn der Impfkampagne vor allem jene immunisiert worden, bei denen eine Infektion mit dem Coronavirus wohl die schlimmsten Folgen hätte. In den ersten Wochen der Kampagne erhielten vor allem Pflegebedürftige die Impfung, hinzu kamen über 80-Jährige, Pfleger und medizinisches Personal, das einem besonderen Ansteckungsrisiko ausgesetzt war. Die STIKO schätzt die Größe der ersten Gruppe auf mindestens neun Millionen Menschen. Bis Ende April ist es gelungen, die ersten gut sechseinhalb Millionen Schutzbedürftigen vollständig – also zwei Mal im Abstand von einigen Wochen – zu impfen. Geht man von der konservativen Schätzung aus, dann könnte ihr Impfschutz bereits von Ende Oktober an bröckeln.
Hersteller können sich nicht auf Standards einigen?
Um den Impfschutz zu überprüfen, könnten zwar sogenannte Antikörpertests eingesetzt werden. Doch in der Praxis gibt es ein Problem. Immerhin haben die Hersteller inzwischen Tests entwickelt, die so gut sind, dass sie erkennen können, ob jemand wegen einer durchlittenen Infektion Antikörper im Blut hat oder ob es sich um Antikörper handelt, die nach einer Impfung gebildet wurden. Die Antikörper, die das Immunsystem nach der Impfung ausbildet, sogenannte Spike-Antikörper, unterscheiden sich von den anderen Antikörpern – dem sogenannten Nucleocapsid –, die nach einer Infektion gebildet werden.
Noch gibt es allerdings keine Klarheit darüber, wie viele Antikörper nötig sind, damit das Immunsystem eine Infektion mit dem Coronavirus abwehren kann. Labormedizinern fehlt ein wissenschaftlich begründeter Richtwert für den sogenannten Titer, um sicher sagen zu können, dass ein Patient hinreichend gegen das Virus geschützt ist. Schon Anfang Mai forderte der Berufsverband Deutscher Laborärzte (BDL) die Hersteller auf, „alle denkbaren Anstrengungen“ zu unternehmen, um allgemein anerkannte Grenzwerte zu bestimmen. Passiert ist seitdem nicht viel.
Derzeit sei gut ein Dutzend unterschiedliche Tests zur Antikörperbestimmung auf dem Markt, sagt Andreas Bobrowski, der Vorsitzende des BDL. Ein Problem sei, dass die Ergebnisse der Tests untereinander kaum vergleichbar seien – so verfügt praktisch jeder Test über eigene Grenzwerte. Würden die Hersteller sich auf einen Standard einigen, könnte dieser Prozess vermutlich beschleunigt werden. Ende März hat die Weltgesundheitsorganisation WHO einen Standard festgelegt. An den hielten sich einige Testhersteller schon, sagt Bobrowski. „Ich glaube, dass wir in gewisser Zeit standardisierte Aussagen treffen können.“ Derzeit gebe es auch noch „kein klares Bild“, wie sich die Immunität nach einer Impfung mit der Zeit verändert. „Es wäre fahrlässig, jetzt jemandem zu sagen, wir haben eine bestimmte Titerhöhe gemessen und diese schützt ihn jetzt über einen längeren Zeitraum. Eine solche Aussage können wir zurzeit noch nicht treffen.“
Immunantwort fällt unterschiedlich aus
Hinzu kommt, dass die Immunantwort des Menschen beim Coronavirus ganz unterschiedlich ausfällt. Nicht alle Antikörper, die der Mensch gegen das Virus bildet, sind in der Lage, vor einer abermaligen Ansteckung zu schützen – dies können nur sogenannte neutralisierende Antikörper, die auch nach einer Impfung gebildet werden. Neben den Antikörpern gibt es noch andere Formen der Immunabwehr, die sogenannte zelluläre Immunität. Auch die spielt eine Rolle. Wie das alles im Körper zusammenwirkt, ist für Fachleute noch immer eine große Unbekannte.
Von offizieller Seite gibt es für das Problem denn auch noch keine Lösung. Die STIKO empfiehlt derzeit „keine Prüfung des Impferfolgs“, wie das Robert Koch-Institut mitteilt. Es könne derzeit „kein Schwellenwert angegeben werden, ab dem ein sicherer Schutz angenommen wird“. Daher gilt derzeit, was Laborarzt Andreas Bobrowski die „grobe Methode“ nennt: „Wir gucken, was passiert.“ Das bedeutet, dass ein Nachlassen des Immunschutzes gerade bei besonders Schutzbedürftigen bislang nur auf eine Weise festgestellt werden kann: Durch neue Ansteckungen bereits Geimpfter, die in schweren Fällen mit einer Krankenhauseinweisung einhergehen könnten und im schlimmsten Fall mit dem Tod enden.„Das wäre unethisch“, sagt Bobrowski.
„Im Herbst werden wir mit Nachimpfungen beginnen müssen“
Bund und Länder, die gemeinsam über die Details der Impfkampagne entscheiden, stehen dem Problem mangels klarer wissenschaftlicher Daten noch – so wirkt es – ratlos gegenüber. In der zweiten Augusthälfte soll es eine Ministerpräsidentenkonferenz geben, auf der unter anderem über die pandemische Lage und über das weitere Vorgehen beim Impfen beraten werden solle, kündigte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Donnerstag an. „Wir werden im Herbst mit den Nachimpfungen beginnen müssen für die ältere Generation“, sagte Merkel.
Das fachlich zuständige Bundesgesundheitsministerium von Jens Spahn (CDU) ließ eine Anfrage der F.A.Z. dazu, wie gerade die besonders gefährdeten Personengruppen in Zukunft geschützt werden sollen, unbeantwortet. Mehrere Gesundheitsministerien der Länder gaben auf Nachfrage an, sich in dieser Frage nur an entsprechenden Empfehlungen der STIKO orientieren zu wollen. Einige gehen davon aus, dass der Impfschutz mindestens sechs bis acht Monate anhält. Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums in Baden-Württemberg sagte, es sei wichtig, dass nötige Infrastruktur zum Impfen vorhanden ist. „Derzeit gehen wir davon aus, dass die niedergelassene Ärzteschaft die aufzufrischenden Impfungen leisten kann – analog zu anderen regelmäßigen Impfungen wie der saisonalen Grippeimpfung.“
Auch in Hessen setzt das Ministerium auf Betriebs- und niedergelassene Ärzte. Im Gesundheitsministerium von Rheinland-Pfalz verweist man darauf, dass zur Notwendigkeit von Auffrischungsimpfungen auch in anderen Ländern geforscht werde – so könne vermieden werden, dass entsprechende Erkenntnisse erst durch neue Ansteckungen bereits Geimpfter auffallen. „Darüber hinaus ist anzumerken, dass Auffrischungsimpfungen gegebenenfalls auch frühzeitig zur Anpassung an Virusvarianten empfohlen werden könnten“, sagte ein Sprecher. In Sachsen-Anhalt stellt sich die Frage nach Auffrischungsimpfungen noch nicht, wie eine Sprecherin des dortigen Gesundheitsministeriums sagte. Das Land sei „noch mitten in der Umsetzung der aktuellen Impfstrategie“, noch nicht einmal die Hälfte der Bürger dort habe eine Erstimpfung erhalten, nur gut jeder Fünfte sei schon abschließend geimpft.
Bundesweit sind die Zahlen etwas höher. Nach Angaben des Bundesgesundheitsministeriums hat bis Donnerstag knapp jeder Vierte in Deutschland beide Spritzen bekommen, also fast 21 Millionen Menschen. Mindestens eine Spritze haben knapp 40 Millionen Menschen erhalten, also fast 48 Prozent der Bevölkerung.