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Das Havanna-Syndrom scheint sich bis vor das Weisse Haus auszubreiten
Die rätselhaften Erkrankungen, die amerikanische Regierungsbeamte zuerst in Kuba und China heimsuchten, scheinen sich über den ganzen Globus hinweg auszubreiten, bis nach Washington. Falls es sich um gezielte Attacken handelte, wären die Folgen unabsehbar.
Peter Winkler, Washington 07.06.2021, 05.30 Uhr NEUE ZÜRCHER ZEITUNG – Bis zu den Tore des Weissen Hauses sollen die mysteriösen Attacken auf amerikanische Regierungsbeamte und Militärangehörige schon gelangt sein.
Seit dem ersten Auftreten des sogenannten Havanna-Syndroms bei amerikanischen Regierungsvertretern in Kuba im Jahr 2016 haben die Betroffenen nicht nur mit unerklärlichen körperlichen Beschwerden zu kämpfen gehabt, sondern auch mit Zweifeln in ihren eigenen Behörden. Vorwürfe wurden laut, ihre Beschwerden würden nicht ernst genommen und die Unterstützung für die medizinische Pflege und die Entschädigungen für Lohnausfälle seien unzureichend.
Untersuchen, ohne Panik zu schüren
Die Regierung Biden ist nun offensichtlich entschlossen, sich stärker um das Phänomen selber und auch um die vermutlichen Opfer zu kümmern. Dies ist eine Gratwanderung, da gleichzeitig versucht wird, keine Panik unter den Mitarbeitern der besonders betroffenen Ministerien und Dienste zu schüren. Sowohl im Pentagon und im State Department als auch im Auslandgeheimdienst CIA sind erstmals spezielle Einsatzgruppen für das Havanna-Syndrom aufgestellt worden. Sie sollen auch alle zurückliegenden Ereignisse überprüfen, die allenfalls ins Muster der ungeklärten Attacken passen würden. Die ersten Fälle waren in der kubanischen Hauptstadt Havanna aufgetreten und hatten dem Phänomen den Namen gegeben.
Früher war vor allem die CIA als Bremsklotz verdächtigt worden. Der jetzige Direktor, William Burns, soll nun aber schon seit einiger Zeit in seinen täglichen Lageberichten auch über das Havanna-Syndrom informiert werden, wie anonyme Insider gegenüber der Fernsehanstalt CNN erklärten. Dies mag auch damit zu tun haben, dass die mysteriösen Fälle nicht mehr nur im Ausland auftreten, sondern mindestens seit eineinhalb Jahren auch in den USA, und zwar in beunruhigender Nähe des Weissen Hauses.
Aus amerikanischen Medienberichten, die sich auf anonyme Informanten in der Regierung Biden stützen, traten bei zwei Mitarbeitern des Weissen Hauses beim Betreten des abgesperrten Geländes im Zentrum Washingtons Symptome auf, die mit den bekannten Auswirkungen des Havanna-Syndroms übereinstimmten. Der eine Vorfall ereignete sich im Spätherbst des letzten Jahres, der andere im April dieses Jahres. In einem weiteren Fall im Jahr 2019 soll eine Frau, die in einem Washingtoner Vorort in Virginia ihren Hund spazieren führte, ebenfalls attackiert worden sein.
Unruhe im Kongress
Der Geheimdienstausschuss des Senats kam vor einem guten Monat zum Schluss, die mittlerweile seit fünf Jahren bekannten Fälle seien «offenbar am Zunehmen», wie die beiden Vorsitzenden, Mark Warner und Marco Rubio, in einem gemeinsamen Communiqué erklärten. Seither haben Vertreter aus beiden Parteien und in beiden Kammern des Kongresses Gesetzesvorlagen eingereicht, die der CIA und dem Aussenministerium erlauben würden, Opfer des Syndroms direkt finanziell zu unterstützen.
Auch die «New York Times» berichtete kürzlich, die bekannten Fälle des Havanna-Syndroms seien viel zahlreicher als bisher angenommen. Inoffiziell bekannt waren bisher rund sechzig Vorfälle, in die Angehörige des Aussen- und des Verteidigungsministeriums besonders in Kuba und China verwickelt waren. Eine unbekannte Anzahl von Agenten der CIA war ebenfalls betroffen. Doch nun soll die Zahl der bekannten Fälle gemäss den Informationen der «Times» mehr als 130 betragen. Die Mehrheit der neuen Attacken sollen sich in China und Europa ereignet haben.
Besonders merkwürdig ist die Geschichte eines Militärangehörigen, der 2019 während eines Auslandeinsatzes einen plötzlichen Anfall von Übelkeit und Kopfweh hatte, als er mit dem Auto durch eine Strassenkreuzung fuhr. Sein zweijähriges Kind auf dem Rücksitz habe gleichzeitig zu weinen begonnen. Als das Auto die Kreuzung hinter sich gelassen habe, hätten die körperlichen Beschwerden des Fahrers sofort nachgelassen, und auch das Kind habe sich umgehend beruhigt.
Spekulationen über die Urheber
Die Regierung Biden will offiziell keine Vermutungen darüber anstellen, wer oder was hinter den merkwürdigen Vorfällen steckt. Es ist zwar ein offenes Geheimnis, dass Kreise im Pentagon den russischen Militärgeheimdienst GRU als Urheber verdächtigt, aber eine Sprecherin der Geheimdienstkoordinatorin Avril Haines unterstrich gegenüber der «New York Times», es sei voreilig und unverantwortlich, über die Täterschaft zu spekulieren. Dass Moskau die Vorwürfe zurückgewiesen hat, versteht sich von selbst.
Auch die CIA will nun dem Rätsel mit einer speziellen Task-Force auf die Spur kommen, die alle Vorfälle analysiert. Die Task-Force werde sich, wie die «Times» mit vielsagendem Unterton schreibt, mit gleichem Eifer an die Sache machen wie jene Gruppe, die nach den Terrorattacken vom September 2001 für die Jagd auf Usama bin Ladin zuständig war. Das ist zweifellos auch eine Folge davon, dass Kongressmitglieder an Hearings hinter verschlossenen Türen den Geheimdiensten vorwarfen, sich angesichts des Leidens der Betroffenen etwas gar nonchalant zu betragen.
Die gesundheitlichen Beeinträchtigungen sind allerdings sehr verschieden und umfassen eine breite Palette von Symptomen mit unterschiedlicher Intensität. Einige der Betroffenen sind langfristig und ernsthaft in ihrem alltäglichen Leben eingeschränkt, etwa wegen starker Kopfschmerzen. Bei anderen verschwanden Symptome wie Schwindel, Übelkeit, Schlaflosigkeit und Nervosität sowie das Hören unerklärlicher Geräusche recht schnell.
Der CIA-Direktor Burns hat laut der «Times» selber Betroffene und deren Familienangehörige besucht. Er habe auch Vizedirektor David Cohen persönlich mit dem Dossier betraut. Dieser werde sich monatlich mit Betroffenen treffen und den Kongress auf dem Laufenden halten. Das medizinische Personal, das sich um die Opfer kümmere, sei verstärkt worden, und der leitende Mediziner der CIA, der dem «Havanna-Syndrom» offenbar skeptisch gegenüberstand, sei in den Ruhestand getreten. Er sei von einer anderen Kraft ersetzt worden, die das Problem ernster nehme.
Nicht nur in der Frage der Täter, sondern auch in jener der «Tatwaffe» tappen die Dienste und Behörden gemäss den vorliegenden Informationen noch weitgehend im Dunkeln. Zwar wird ein Verteidiger eines Betroffenen mit den Worten zitiert, die Regierung wisse wohl mehr, als sie öffentlich einräume. Aber das sind keine besonders tragfähigen Aussagen.
Gepulste Mikrowellen – oder doch nicht?
Im Dezember hatte die Amerikanische Akademie der Wissenschaften einen Bericht zur Ursache veröffentlicht, den sie im Auftrag der Regierung ausgearbeitet hatte. Darin kamen die beteiligten Wissenschafter zum Schluss, zielgerichtete gepulste Radiofrequenzenergie – also elektromagnetische Strahlung, zu der auch Mikrowellen gehören – sei die wahrscheinlichste Ursache. Die Frage, ob es sich um eine gezielte Attacke oder um zufällige Ereignisse handle, liessen die Wissenschafter offen.
Natürlich blieb auch diese These nicht ohne Widerspruch, wie auch zuvor bereits verschiedene Theorien aufgestellt und bestritten worden waren. In einem längeren Beitrag für die Zeitschrift «Foreign Policy» erklärt Cheryl Rofer, eine langjährige frühere Chemikerin im Los Alamos National Laboratory, die These mit der Mikrowelle sei in keiner Weise einleuchtend, weil keines der Opfer oberflächliche Angriffsspuren aufgewiesen habe. Solche müssten aber eigentlich erwartet werden, da auch Mikrowellen ihre Wirkung entgegen der Volksmeinung nicht von innen her entfalteten, sondern von aussen.
Als Ursache für die «Sinnesphänomene» – so die offizielle Sprachregelung in den Regierungsstellen – sind auch schon Pestizide, Schallwellen oder eine Massenhysterie genannt worden. Bevor nicht eine schlüssigere Antwort als jene der Akademie der Wissenschaften bekannt wird, werden die Spekulationen zweifellos anhalten. Sollte es sich wirklich um eine gezielte Attacke mit einer geheimen Waffe handeln, so wäre das für die Amerikaner mehr als nur unangenehm. Wenn eine solche Waffe unerkannt selbst an den Eingängen des Weissen Hauses eingesetzt werden kann, muss die Sache sehr ernst werden.