MESOPOTAMIA NEWS : BRAVO HERR HABEK ! – „Was tun, Herr Habeck, mit diesem Krieg? Seine Antwort: Helfen. Ernsthaft und notfalls mit Waffen „zur Selbstverteidigung“.”

Unterwegs in der Ostukraine : Habeck im Krieg

  • Von Konrad Schuller FAZ  31 Mai 2021  – Mit einem Militärhubschrauber aus Sowjetzeiten geht es zum Kriegsgebiet im Osten.  – Der Ko-Vorsitzende der Grünen hat defensive Waffen für die Ukraine verlangt. Wer ihn begleitet, erkennt: Die Forderung hat tiefe Wurzeln in der Partei – und in seiner Biografie. Eine Reportage aus der Ostukraine.

Spät in der Nacht, in einem schrabbeligen Hotel tief in der Ukraine, fordert Robert Habeck Waffen. Er ist unterwegs zur Front im Osten, ins Kohlerevier Donbass an der russischen Grenze. Russland führt dort Krieg gegen die Ukraine, weil die sich 2014 in einer blutigen Revolution nach Westen gewandt hat. Mehr als 13.000 Menschen sind seither getötet worden.

Jetzt sitzt Habeck in einem leeren Saal auf halbem Weg von der Hauptstadt Kiew zu den Schützengräben und gibt ein Interview für den Deutschlandfunk und die F.A.S. Das Dekor ist Zarenzeit, sowjetisch verbrämt. Troddelgardinen, grelles Lampenlicht. Was tun, Herr Habeck, mit diesem Krieg? Seine Antwort: Helfen. Ernsthaft und notfalls mit Waffen „zur Selbstverteidigung“.

Aus Habecks Sicht ist das ein Ausdruck des grünen Grundwerts „Solidarität“. Immer wieder wird er dieses Wort auf dieser Fahrt verwenden. Aus Sicht mancher anderer in seiner Partei aber ist das der Bruch eines Tabus. Im grünen Grundsatzprogramm steht schließlich klar zu lesen: „Exporte von Waffen und Rüstungsgütern an Diktatoren, menschenrechtsverachtende Regime und in Kriegsgebiete verbieten sich.“ Die Ukraine ist Kriegsgebiet. Schluss. Aus.

Die Geschichte dieses Tabubruchs hat eine Vorgeschichte. Sie beginnt am Sonntag, dem 23. Mai, einen Tag vor dem Interview im Saal mit den Gardinen. Habeck ist gerade in Kiew gelandet, es ist früher Nachmittag, für den Abend sind erste Treffen geplant. Ein paar Stunden sind frei, und so fällt die Entscheidung: Wir fahren nach Babyn Jar.

Habeck notiert sich den Satz

Babyn Jar ist ein furchtbarer Ort. 1941 haben Wehrmacht und SS hier mehr als 33.000 Kiewer Juden in einem 36 Stunden langen Massaker an einem lehmigen Tal am Rand der Stadt erschossen. Die Toten wurden in der Tiefe zugeschüttet, das Tal selbst, eine Abflussrinne von den Kiewer Höhen hinunter zum Dnjepr, ist heute eingeebnet und von sowjetischen Blocks bedeckt. Aber gleich nebenan, wo ein ähnliches Tal noch frei liegt, entsteht seit einigen Jahren eine Gedenkstätte. Die Ukraine hat ihre jüdischen Bürger nicht vergessen.

Jetzt steht Habeck also am Eingang der Rinne, vor ihm ein Gedenkstein mit einem Spruch auf Hebräisch und Ukrainisch. Habeck lässt sich die Inschrift übersetzen: „Das Blut deines Bruders schreit zu mir von der Erde.“ Altes Testament, Genesis vier. Gott spricht zu Kain, der den Abel erschlug.

Habeck holt Papier und Kuli heraus, notiert sich den Satz. Dann legt er nach jüdischem Brauch ein Steinchen auf den Stein. Kameras klicken. Eine Kippa, die ihm jemand anbietet, lehnt er ab. Am Ende geht er alleine noch ein paar Schritte weiter vor, zu einem kleinen Vorsprung in halber Tiefe über dem Talgrund. Eine halbe Minute steht er zwischen Buchen und schaut schweigend hinunter.

Auf dem Rückweg zum Bus spricht er dann wieder. Bilder sind in ihm aufgestiegen, Erinnerungen aus den neunziger Jahren, aus dem Krieg in Bosnien. Habeck war nie dort, aber er hat damals, als er noch Schriftsteller war und nicht Politiker, eine Erzählung aus diesem Krieg aus dem Englischen übersetzt.

Lange grüne Tradition

Sie handelt vom Massaker von Srebrenica, wo serbische Nationalisten im Jahr 1995 mehr als 8000 muslimische Bosniaken ermordet haben. Die Erzählung beschrieb die letzten Minuten eines Jungen auf dem Weg zur Hinrichtung: wie der Vater im Lastwagen weinte. Wie die größeren Jungs sich in ihrer Angst in die Hosen machten. Wie der Junge mit aller Kraft versuchte, an Schönes zu denken: ans Springen von der Brücke in den Fluss, an den Geruch von Tomaten auf warmen Steinen.

Jetzt kommt das alles in Habeck hoch. Eine Abteilung niederländischer Blauhelmsoldaten ist seinerzeit nicht dazwischengegangen. „Was hätten Sie damals getan, Herr Habeck?“ – „Ich weiß, wie ich mich entschieden hätte,“ sagt er. „Nicht einfach nur zugucken natürlich.“

Habeck steht mit dieser Gedankenkette, von der Schoah zu den Kriegen der Gegenwart und dann wieder zurück, in einer langen grünen Tradition. Schon während des Balkankrieges der Neunziger hatte Joschka Fischer als Außenminister im Angesicht der serbischen Verbrechen an den deutschen Holocaust erinnert. Neben dem „Nie wieder Krieg“, sagte er 1999, gelte eben auch „Nie wieder Auschwitz“.

So begründete Fischer seinerzeit die Zustimmung der rot-grünen Bundesregierung zur bewaffneten Nato-Intervention im früheren Jugoslawien. Der Sturm, der sich damals in der Partei erhob, war gewaltig. Auf einem Parteitag gab es Tumult. Fischer wurde von einem Beutel mit roter Farbe getroffen, sein Trommelfell riss. Trotzdem blieb er bei seinem Kurs.

„Nimmst du überhaupt wahr, was da los ist?“

Habeck hat diesen Kurs jetzt wiederaufgenommen: Von Auschwitz nach Srebrenica, das waren die Neunziger. Von Babyn Jar über Srebrenica in die Ukraine, das ist heute. Für einen wie ihn ist das eine logische Linie, denn ein Pazifist im strengen Sinn war er nie.

Schon als junger Student in Dänemark – die bosnischen Serben bedrängten damals gerade die Großstadt Sarajevo in einer mörderischen Belagerung – hatte er sich mit den friedensbewegten Ideen vieler Deutscher aus seiner Generation unter den dänischen Freunden ziemlich alleine gefühlt. „Siehst du überhaupt hin?“, hatten sie gefragt. „Nimmst du überhaupt wahr, was da los ist?“

 

Ihm fehlten die Antworten. Strenger Pazifismus war seither für ihn keine Option mehr, und so ist es auch kein Zufall gewesen, dass er den Grünen erst beigetreten ist, als sie sich 2001 mit ihrer Unterstützung für den Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan vom Absolutheitsanspruch ihrer alten Dogmen glaubwürdig verabschiedet hatten. Der F.A.S. sagt er heute, der Afghanistan-Beschluss von damals habe ihn nicht geschreckt. „Ganz im Gegenteil.“

Am Abend nach dem Besuch in Babyn Jar macht Habeck dann noch einen Spaziergang durch Kiew. Auf dem Wolodymyr-Hügel geht es am Goldenen Tor vorbei, dann an der Sophienkathedrale mit ihren Türmen und Kuppeln und zuletzt zum Maidan, dem zentralen Platz, wo 2014 die Revolution gegen den moskauhörigen Präsidenten Viktor Janukowitsch ihren tragischen Sieg errang.

Unterwegs, an der Mauer des Michaelsklosters, sind Fotos von ukrainischen Soldaten ausgestellt, die seither im Krieg gegen Russland gefallen sind. Habeck betrachtet sie. Später gehen ihm die Bilder immer wieder durch den Kopf.

Einladung nach Kiew per SMS

Für den Tag danach steht ein Treffen mit Präsident Wolodymyr Selenskyj auf dem Programm. Die ukrainische Führung schätzt die Grünen.

Grüne wie Marieluise Beck, Viola von Cramon, Ralf Fücks, Rebecca Harms oder Manuel Sarrazin haben den europäischen Kurs des Landes über Jahrzehnte unterstützt, und als Habeck dann im vergangenen April, während eines russischen Truppenaufmarsches an der Grenze samt Landungsübung im Schwarzen Meer dem Präsidenten per SMS seine Solidarität aussprach, kam prompt eine Einladung nach Kiew. Deshalb ist er jetzt da.

Er hat sich vorbereitet. Er weiß, dass die Ukraine Deutschland schon seit einiger Zeit um defensive Waffen bittet, wenn auch nur inoffiziell, weil eine offizielle Anfrage das Risiko einer Ablehnung in sich trüge. Bei den Grünen ist bekannt, dass der ukrainische Verteidigungsminister sich unlängst nach gebrauchten Fregatten der Bundesmarine erkundigt hat, um dem russischen Invasionspotential an der Schwarzmeerküste begegnen zu können.

Das deutsche Verteidigungsministerium unter der CDU-Politikerin Annegret Kramp-Karrenbauer war nicht abgeneigt, aber das Auswärtige Amt unter dem Sozialdemokraten Heiko Maas widersprach, und so wurde nichts daraus. Manche Grünen kennen auch eine inoffizielle ukrainische Wunschliste von Ende April: Antischiffsraketen, Minenräumgeräte, Flugabwehrkanonen.

Mit einem alten Militärhubschrauber zur Front

Habeck versteht diese Wünsche, und mit dieser Voreinstellung geht er in sein Gespräch mit Selenskyj. Was die beiden besprochen haben, sagt er nicht. Nur der Ton verrät: Es war gut.

Am Dienstag Abend geht es dann los, von Kiew zum Kriegsgebiet im Osten. Auf halbem Weg, in der Millionenstadt Dnipro, gibt es einen Zwischenstopp. Für den nächsten Morgen steht ein rußiger Militärhubschrauber aus Sowjetzeiten bereit, und für die kurze Nacht davor das Hotel mit den Gardinen. Hier geht Habeck dann zum ersten Mal mit seinen Gedanken an die Öffentlichkeit.

Der Wunsch der Ukrainer nach Defensivwaffen sei „berechtigt“, sagt er. So etwas könne man der Ukraine „schwer verwehren“. Die Grünen kämen zwar vom Pazifismus, aber das dürfe nicht ausschließen, dass ein bedrohtes Land trotzdem „Hilfe zur Selbsthilfe“ bekommen könne.

Eine kurze Nacht später dann der Hubschrauber und nach dem Hubschrauber die letzten Kilometer zu den vorderen Linien östlich der Hafenstadt Mariupol am Asowschen Meer. Schon immer ist dies einer der heißesten Punkte der Front, denn genau diese Stadt müsste Russland überrennen, wenn es je die Landverbindung zur annektierten ukrainischen Halbinsel Krim erobern wollte.

Habeck mit Helm und Schutzweste

Am frühen Morgen hat es an den vorderen Gräben zweimal Schusswechsel gegeben, aber jetzt ist alles ruhig. Ein ukrainischer Generalmajor genehmigt die Fahrt und fährt persönlich mit. „Wenn ich sage: ,hinlegen‘, dann heißt das auch ,hinlegen‘“, hat er vor dem Start in nur halb scherzhaftem Befehlston gebellt. „Und wenn ich sage ,laufen‘, dann heißt das laufen.“

Habeck mit Helm und Schutzweste in einem Panzerfahrzeug der ukrainischen Armee. Über ihm im Turm kracht der MG-Schütze in jedem Schlagloch gegen den Lukenrand, und an den Sehschlitzen holpert Kriegslandschaft vorbei. Kon­trollpunkte mit Betonsperren in den Brachen der Schwarzmeersteppe, zerschossene Dörfer, wieder Kontrollpunkte.

Nach sieben Jahren hat der Wein der Gartenlauben die leeren Häuser eingesponnen in ein grünes Kokon. Die Menschen sind weg, in den Gärten blühen noch ihre Blumen. Vom Militär keine sichtbare Spur, denn alles ist eingegraben. Nur ab und zu verrät eine Antennenspitze über der Grasnarbe die Stellung eines Bunkers.

Ganz vorne steigen dann alle auf das Dach einer bunt angemalten Ruine. Früher war sie einmal das Kinderferienlager „Delfin“ im Dorf Schyrokyne, jetzt ist sie Militärstützpunkt. Aus der Küche riecht man Zwiebeln in Schweineschmalz, um ein paar Näpfe mit Suppe schwänzeln die Kompaniehunde. Oben am Dach erklärt der General die Landschaft: einen Kilometer weiter östlich ein kleines Tal. Dahinter ein Hügel und unsichtbar im Hügel der eingegrabene Gegner.

Jeder russische Trupp schießt woanders hin

Wie sterben Soldaten hier? – Der General erklärt die Sicht der Ukrainer: Wenn einer hier stirbt, dann meist durch Scharfschützen. In den Hügeln seien russische Spezialtrupps unterwegs. Auf der ganzen Länge der viele hundert Kilometer langen Front tauchten sie immer wieder auf, an wechselnden Stellungen.

Im Ausbildungsprogramm der russischen Armee sei eine Station im Donbass Teil des Lehrplans. Jeder Trupp habe sein eigenes Erkennungsmerkmal: „Die einen schießen immer in den Hals, die anderen in die Stirn, die nächsten ins Auge.“

Habeck hört zu. Was der General von den Scharfschützen erzählt, ist nicht neu für ihn. Die Information von den Trupps auf Studienfahrt wird in informierten westlichen Kreisen, von Amerikanern genau wie von Europäern, seit Jahren bestätigt. Dass auch die Ukrainer Scharfschützen einsetzen, leugnet niemand. Die stärkste Waffe gegen den Scharfschützen ist eben der Scharfschütze.

Gleich nach der Geländeeinweisung des Generals gibt Habeck dann sein zweites Interview auf dieser Reise. Die Scharfschützen gehen ihm nicht aus dem Sinn. „Haben Ihre Leute keine Angst?“ hatte er den General nach dessen Vortrag gefragt, und als der dann seine Pflicht tat und jede Angst verneinte, hatte Habeck nicht überzeugt dreingeblickt.

Jetzt steht er vor den Mikrofonen, hinter ihm wächst Oleander aus einer Gehsteigritze. Er spricht von den Spuren der Menschen, die hier einmal waren, vom verlassenen Teeservice auf einer Veranda zwischen Patronenhülsen, das er gerade gesehen hat – und dann von diesen Scharfschützen, die beim Töten Wert darauf legten, ihren „Fingerabdruck“ zu hinterlassen.

Und er präzisiert seine Forderung vom letzten Abend: Wenn es um defensive Waffen für die Ukraine gehe, dann solle man vielleicht zu allererst an Panzerfahrzeuge zum Transport von Verwundeten denken.

Als Geschenk ein Granatsplitter

Auch das ist nicht neu. Sanitätspanzer mit MG auf dem Dach gehören ohnehin zur Wunschliste der Ukrainer, und Kiewer Fachleute sprechen längst davon, welche Fabrikate von Mercedes oder Rheinmetall die Armee gut brauchen könnte. „Man hat mich nach Panzerfahrzeugen zum Verwundetentransport gefragt,“ sagt Habeck also. An so etwas denke er, wenn er von Defensivwaffen spreche. Später wird er noch andere Systeme hinzufügen: Nachtsichtferngläser, Minenräumgerät, Drohnenabwehr.

Am Ende, zurück im Stützpunkt, legen dann alle Helm und Weste ab, viele Kilo Spezialkeramik, und fühlen sich leicht. Es gibt ein Abschiedsfoto: Habeck und der General mit Covid-Maske und nach der Enge des Transportpanzers jetzt auch wieder in korrektem Abstand.

Der General spricht ein paar zackige Worte, Habeck ein paar sanfte. Eines davon ist „Solidarität“. Zum Abschied schenkt ihm der General einen Granatsplitter. Der hat zwar erschreckend scharfe Kanten, aber es besteht kein Grund zur Sorge. Die Streitkräfte haben das böse Stück in ein Etui aus blauem Samt verpackt.