MESOPOTAMIA NEWS „WO IST DIE LÖSUNG?“ – Nach der Waffenruhe in Nahost : Zwei Sieger, ein Verlierer

Nach der Waffenruhe in Nahost lassen sich sowohl die Hamas als auch Israel als Gewinner feiern. Palästinenserpräsident Mahmud Abbas geht hingegen deutlich geschwächt aus dem Kurzkrieg hervor.

  • Von Jochen Stahnke, Tel Aviv FAZ 21.05.2021-21:37 – Die in der Nacht zum Freitag in Kraft getretene Waffenruhe zwischen der Hamas und Israel hielt schon ein paar Stunden, da gingen in Ramallah Hunderte Menschen auf die Straße, um einen Sieg der Islamisten zu feiern. Eine derartige Kundgebung mit grünen Fahnen der Islamisten hatte es seit mehreren Jahren nicht mehr in Ramallah gegeben, dem Sitz der palästinensischen Autonomiebehörde und der dort regierenden Partei Fatah. Deren Präsident Mahmud Abbas ist ein Gegner der Hamas, und seine Sicherheitskräfte hatten gemeinsam mit israelischen Kräften in den vergangenen Wochen einige Funktionäre der Hamas festgenommen. Doch diesmal griff die Polizei der Autonomiebehörde nicht ein. Sie wollte keine Zusammenstöße provozieren und der unbeliebte Abbas nicht noch weiteren Volkszorn auf sich lenken.

Denn die Hamas hat nach dem elf Tage währenden Kurzkrieg mit Israel gezeigt, dass sie jene Macht zu sein scheint, die für die Identität aller Palästinenser kämpft, indem sie auf die Unruhen in und um die Al-Aqsa-Moschee mit Raketenangriffen reagiert hatte. Und so wurden auch zu den Freitagsgebeten am Mittag auf dem Haram al Sharif (Tempelberg) in Jerusalem wieder Hamas-Fahnen geschwenkt. Das israelische Fernsehen zeigte eine Menschenmenge vor dem Felsendom, die Sprechchöre anstimmte: „Wir sind das Volk von Muhammad Deif.“ Sie feierten einen Mann, der seit Jahren im Untergrund lebt, durch lange zurückliegende israelische Luftangriffe mutmaßlich kriegsversehrt ist, doch seinen Anhängern gezeigt hat, dass mit ihm weiter zu rechnen ist: Deif ist der Militärchef der Hamas, der Anführer der Qassam-Brigaden.

„Das Volk will den Präsidenten stürzen“

Deif war es auch gewesen, der Israel am Freitag, dem siebten Mai, ein „Ultimatum“ gestellt hatte, die „Aggression“ gegen Palästinenser auf dem Plateau von Al Aqsa zu beenden und mit den Zwangsräumungen in einem angrenzenden Stadtviertel aufzuhören. Er machte dieses Ultimatum wahr, indem er drei Tage später Raketen auf die Vororte von Jerusalem schießen ließ und damit schon das wesentliche Ziel der Hamas erreichte: Zu zeigen, wer für Jerusalem aufstehe – und wer nicht: Nämlich Mahmud Abbas, der gerade erst eine Parlamentswahl abgesagt hatte mit dem Hinweis, dass Israel den Palästinensern dort die Stimmabgabe nicht erlaube. Schon in der Nacht zu diesem Freitag, als die Waffenruhe früh um zwei Uhr morgens in Kraft getreten war, riefen die Leute vor dem Felsendom: „Das Volk will den Präsidenten stürzen.“ Gemeint war Abbas.