MESOPOTAMIA NEWS REPORT : Krieg in Gaza – „Das ist ein Horrorfilm, und wir sind die Schauspieler“

INTERVIEW MIT ABED SCHOKRY am 20. Mai 2021

In Berichten über den Israelkrieg kommt die Perspektive der palästinensischen Opfer kaum vor. Abed Schokry lebt in Gaza. Im Interview erzählt er von seinem Alltag und wie der Krieg sein Leben verändert hat. – Antje Hildebrandt hat Publizistik und Politikwissenschaften studiert. Sie ist Reporterin und Online-Redakteurin für CICERO.

Abed Schokry, Jahrgang 1971, ist Professor an der Uni Gaza für Industrial Engineering. Von 1990 bis 2007 hat er in Deutschland studiert und promoviert. Er lebt seither mit seiner Frau und den gemeinsamen vier Kindern wieder in seiner Heimat.

Herr Schokry, seit über einer Woche wird Gaza Tag und Nacht von Israel beschossen. Wie haben Sie und Ihre Familie die letzte Nacht verbracht?

Wir waren in unserer Wohnung, weil es in ganz Gaza keine Luftschutzbunker gibt. Die letzte Nacht war schon viel ruhiger als die vorherigen. Angeblich sollen die Angriffe reduziert worden sein. Anders als in den vorherigen Nächten mit vielen Toten hatten wir diesmal vier Tote und weniger Verletzte. Ich habe trotzdem nur zwei Stunden geschlafen.

Haben Sie für alle Fälle eine Tasche gepackt, falls Sie schnell fliehen müssen?

Ja, klar. Nachts liegen wir auf Matratzen immer nahe an der Tür, damit wir im Notfall schnell rauskommen. Gestern hat ein ntv-Team einen Film über uns gedreht. In einem Bild sieht man den Rucksack meines 10-Jährigen Sohnes, aus dem sein Lieblingsspielzeug herausguckt. Mein Sohn wurde gefragt, was für ihn am wichtigsten ist. Er hat gesagt: Mein Vater, meine Mutter, mein Geschwister und mein Spielzeug.

Nach palästinensischen Angaben sind in Gaza bislang 221 Menschen bei den Angriffen ums Leben gekommen, darunter auch 62 Kinder. Wie gehen Sie damit um, dass es jederzeit auch Sie und Ihre Familie treffen könnte?  

Was kann ich ihnen sagen? Wie soll ich den jüngeren Kindern erklären, was geschieht? Meine älteste Tochter, die noch in Deutschland geboren wurde und sich gerade auf das Abitur vorbereitet, weiß natürlich über unsere politische Lage Bescheid. Weil auch wir jederzeit durch Bomben aus dem Leben gerissen werden können, habe ich meinen Kindern vom ersten Tag der Angriffe erzählt: Ihr wisst, wir werden geboren und müssen alle irgendwann sterben. Niemand wird ewig leben. Niemand wird gefragt, wann er die Erde verlassen muss. Ein Trost ist das nicht, denn wer will schon auf diese Weise sterben. Niemand.

 Und wie reagieren Ihre Kinder?

Natürlich waren die beiden älteren Töchter, 14 und 18, mehr schockiert als mein Sohn. Die Älteste sagte gleich: „Aber ich hatte doch noch gar nichts vom Leben. Ich will noch leben.“ Am Ende ist es unser Schicksal. Wir müssen das akzeptieren.

 Ist es wirklich so einfach?

Wir sind gläubige Moslems. Wir können uns auf Gott verlassen. Er wird uns nie alleine lassen. Wir glauben an ein Leben nach dem Tod. Wenn wir auf Erden kein gutes Leben hatten, finden wir es hoffentlich im Paradies. Nur mit diesem Trost können wir das, was hier mit uns geschieht, überhaupt aushalten.

Wie sieht es denn mit der medizinischen Betreuung der Opfer der Bombenangriffe aus?

Es gibt Krankenhäuser, aber die Israelis zerstören gerade die Straßen, die zu den Krankenhäusern führen. Die Rettungswagen haben es immer schwerer, die Verletzten überhaupt in die Krankenhäuser zu bringen. Ist das moralisch? Ist es überhaupt moralisch, ein derart dicht bewohntes Gebiet wie Gaza zu bombardieren?

Das israelische Militär sagt, es bombardiere mit seinen Präzisionswaffen ausschließlich militärische Ziele. Teilweise würden Menschen in Wohngegenden vor dem Angriff telefonisch gewarnt, um Opfer in der Zivilbevölkerung zu vermeiden. Können Sie das bestätigen?  

Ja, das stimmt. Die Israelis rufen vorher an, aber nur, wenn sie ein Hochhaus aus reiner Schikane zerstören. Das heißt, wenn sie vermutlich sogar wissen, dass sich kein feindlicher Kämpfer in dem Haus befindet. Aber wenn sie glauben, im Haus befinde sich das Büro des Feindes oder er selbst sei anwesend, zerstören sie das Haus unabhängig davon, ob auch Kinder darin schlafen. Wie sonst ist die hohe Anzahl der getöteten Kinder zu erklären?

Die Frage, wie es den Opfern in Gaza geht, kommt in der Berichterstattung kaum vor. Es ist oft nur von den Tätern die Rede, von der Hamas. Kann man die beiden überhaupt voneinander trennen? 

Es gibt Besatzer, und es gibt Besetzte. Es gibt Ursache und Wirkung. Leider wird das in der Berichterstattung immer verwechselt. Ich denke, wir als Besetzte werden nicht als gleichwertige Menschen gesehen, die eine Würde haben wie alle anderen. Ich denke auch, dass die Welt unser Leid nicht sehen will.

Weil Sie mit der Hamas in eine Ecke gestellt werden?

Die Hamas wurde 2006 von der Bevölkerung mit absoluter Mehrheit gewählt. Die Wahl ist demokratisch abgelaufen. Das haben alle Wahlbeobachter aus dem Ausland bestätigt. Sogar der ehemalige US-Präsident Jimi Carter. Erst im Juni 2007 hat die Hamas nach einem Bruderkrieg mit der Fatah gewaltsam die Kontrolle über den Gazastreifen übernommen. Nachdem eine Einheitsregierung zwischen Fatah und Hamas nicht gut funktionierte.

Eigentlich sollten am 22. Mai Wahlen in den Palästinensergebieten stattfinden, doch weil die Fatah Stimmenverluste fürchten muss, hat PLO-Präsident Mahmud Abbas sie verschoben. Hat die Hamas die Raketenangriffe auf Israel gestartet, um ihre Macht zu festigen?

Meiner Meinung nach war das vielleicht einer der Gründe. Dazu kommen die Ereignisse in Ost-Jerusalem und in dem Bezirk Sheik Jarrah, wo Palästinenser von jüdischen Siedlern enteignet werden sollen. Und auch andere Gründe.

Kommen Sie, das ist doch nur ein willkommener Vorwand.

Wie bitte? Da haben israelische Siedler „Tod den Arabern!“ gerufen.

Ja, aber vorher haben Araber mit Steinen auf Juden an der Klagemauer geworfen.

Es gibt nicht nur eine Seite, die Schuld hat. Aber überall sonst auf der Welt hätten solche Forderungen Empörung ausgelöst. Stellen Sie sich vor, die Araber hätten Entsprechendes in Bezug auf die Juden gerufen. In Gaza selbst kommen aber noch andere Faktoren dazu: Der stockende Friedensprozess, die Perspektivlosigkeit der Bewohner. Seit dem Jahr 2000 leben sie abgeriegelt von der Welt. So etwas hat es in der Geschichte noch nicht gegeben.

Fühlen Sie sich als Opfer der Hamas?

Nein.

Dann sind die Raketenangriffe auf Israel in Ordnung?

Nein, ich bin gegen Gewalt. Ich bin auch kein Aktivist der Hamas.

Die Hamas benutzt die eigene Bevölkerung als Schutzschild. Gibt es dagegen gar keinen Protest?

Nein, das stimmt überhaupt nicht. Die Mehrheit der Bevölkerung steht hinter den Raketenangriffen, da sich die Menschen in Gaza absolut ungerecht behandelt fühlen. Ihnen ist jede Perspektive auf ein würdiges Leben in Freiheit genommen worden.

Die Raketenangriffe haben es nicht besser gemacht. Aber auch schon vor dem Krieg war das Leben nicht leicht in Gaza. 80 Prozent der zwei Millionen Einwohner haben keine Arbeit. Man kann nicht reisen. Es gibt nur stundenweise Strom und fließendes Wasser. Wie ertragen Sie das?

Gute Frage. Für mich ist es manchmal ein Trost, dass ich 17 Jahre meines Lebens woanders verbracht habe. Mir tun die jungen Leute Leid, die noch nichts von der Welt gesehen haben, aber auf ein Leben hoffen. Es ist ein Horrorfilm, und wir sind die Schauspieler. Aber es ist kein Film. Es ist die Wirklichkeit.

In Deutschland wird auf der Straße Stimmung gegen Juden gemacht. Ist es das, was Sie wollen?

Nein, gar nicht. Ich habe mit Freunden in Berlin geredet. Ich habe denen gesagt: Bitte macht keine Randale! Seid Botschafter des Friedens! Macht keinen Quatsch und keinen Unsinn! Haltet eure Transparente hoch: „Stoppt den Krieg“. Aber macht nichts, was gegen euch verwendet werden kann. Ich weiß, dass das schwer fällt. Viele Leute haben Wut. Und einige können sich nicht beherrschen.

Aber eigentlich müsste Sie diese Solidarität doch freuen.  

Es tröstet mich ein bisschen. Aber die deutsche Politik macht genau das Gegenteil davon, was diese Demonstranten fordern.

Deutschland hat sich an die Seite Israels gestellt. So gebietet es die Staatsraison. Wie sollte sich die Regierung Ihrer Meinung nach verhalten?

Was würden Sie machen, wenn einer Ihrer Freunde Drogen nimmt oder Mist baut, ist es dann nicht Ihre Pflicht, sie oder ihn davor zu warnen, dass das nicht gut tut? Und wenn Sie sehen, wie Israel seit Jahrzehnten mit uns umgeht, warum schweigt die Bundesregierung dann, wenn sie weiß, dass das falsch ist?

Die Kanzlerin hat die Politik der rechten Siedler mehrfach kritisiert.

Wunderbar. Aber was hat sie dagegen getan? Nichts. So etwas muss doch gestoppt werden. Und wie Sie wissen und wie die deutsche Regierung es weiß, sind alle Siedlungen völkerrechtswidrig.

Deutschland trägt noch immer an seiner Schuld für den Holocaust. Deshalb hält sich die Regierung mit Kritik an Israel zurück.

Dafür habe ich Verständnis. Das ist mir bewusst. Während des ersten Gazakriegs habe ich geschrieben: „Netanjahu muss alles tun, um sein Volk zu schützen.“ Aber unser Volk hat auch das Recht, beschützt zu werden. Es ist auch die Pflicht von Hamas uns zu beschützen. Wir haben das gleiche Recht auf Schutz. Die Hamas aber hat keine Flugzeuge, Panzer oder Marine.

Wie könnte dieser Konflikt denn beendet werden? Eine Zweistaaten-Lösung kommt ja offenbar nicht in Frage.

Das sehe ich auch so. Diese Lösung ist fast ausgeschlossen, und zwar vor allem wegen der 600.000 Siedler, die völkerrechtlich illegal in der Westbank leben. Doch auch ein bi-nationaler Staat ist nicht möglich. Ich vergleiche das mit einer Zwangsehe, in der Israelis und Palästinenser leben. Scheidung? Geht nicht. Zusammenleben? Geht auch nicht. Die Araber in Israel leben in einem Apartheidsystem.

Sie haben von 1990 bis 2007 in Deutschland gelebt, wo Sie und Ihre Frau beide promoviert haben und sind nach Gaza zurückgekehrt, um beim Aufbau des Landes zu helfen. Bereuen Sie das heute eigentlich?  

Nein, eigentlich nicht. Es gab nur zwei Momente, wo wir es bereut haben. Das erste Mal gleich nach unserer Rückkehr. Da waren wir beide noch arbeitslos und brauchten die Unterstützung unserer Eltern. Und das zweite Mal haben wir es während des Gazakriegs 2014 bereut

Was ist passiert?

Da war meine Frau bei einem Bombenangriff mit den Nerven total am Ende. Es flogen so viele Bomben, dass unser Mehrfamilienhaus angefangen hat zu wackeln. Vor drei Tagen war es nachts wieder so schlimm. Wir haben die Kinder in unseren Armen gehabt und gebetet, dass wir es überleben.

Die Fragen stellte Antje Hildebrandt