Vom Hitlerjugendmädchen zur Ikone des Widerstands– vor hundert Jahren wurde Sophie Scholl geboren
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Sophie Scholl verkörpert die Auflehnung gegen das NS-Regime. Ihre komplexe Biografie geht darob oft vergessen.
Maren Gottschalk 07.05.2021, 05.30 Uhr NEUE ZÜRCHER ZEITUNG – Sophie Scholl um 1937.
Sophie Scholl ist Kult. Seit Jahren nimmt die Popularität der weltweit bekannten Widerstandskämpferin der NS-Zeit stetig zu. Schon vor zwanzig Jahren wählten die Leserinnen einer Frauenzeitschrift Sophie Scholl zur Frau des Jahrhunderts, seit 2003 hat ihre Marmorbüste einen Platz in der Gedenkstätte Walhalla, und 2008 wurde sie in das Berliner Wachsfigurenkabinett von Madame Tussauds aufgenommen. Längst ist ihr Name auch in den sozialen Netzwerken präsent, werden dort ihre Statements geteilt, die echten – und die unechten «Kuckuckszitate». Doch der Mensch Sophie Scholl droht hinter dem Mythos zu verschwinden: Wer war die junge Frau, und wie wurde sie zu der Figur, die wir heute alle kennen?
Als viertes Kind des Bürgermeisters von Forchtenberg, heute Baden-Württemberg, wird Sophie Scholl vor 100 Jahren, am 9. Mai 1921, geboren. Es ist ein Paradies für Kinder, jenes kleine Städtchen im Hohenloher Land, zwischen Weinbergen gelegen und sanft umrundet vom Fluss Kocher. Die Geschwister sind zu sechst, spielen im Garten des Pfarrers Hochzeit, bauen Hütten im Wald oder tummeln sich am Stauwehr. Hier liegen die Wurzeln von Sophie Scholls tiefer Liebe zur Natur, einer Kraftquelle für ihr ganzes Leben.
Das Idyll bekommt einen Riss, als Sophie acht Jahre alt ist: Nachdem der Vater Robert Scholl von den Forchtenbergern abgewählt worden ist und sich heftig mit ihnen überworfen hat, müssen die Scholls die Stadt unter unerfreulichen Umständen verlassen. Von 1930 bis 1932 lebt die Familie in Ludwigsburg, dann zieht sie nach Ulm, wo sich der Vater als Steuerberater selbständig macht. 1933 droht der Familienfrieden zu zerbrechen, denn Inge und Hans, die beiden ältesten Geschwister, treten gegen den ausdrücklichen Wunsch der pazifistisch gesinnten Eltern in die Hitlerjugend ein.
Die jüngeren Geschwister folgen ihnen ohne viel Nachdenken, und Sophie wird 1934 bei den «Jungmädels» Mitglied. Schon ein Jahr später gehört sie dort, wie ihre grossen Geschwister, zu den Anführerinnen, wird als zackiges Hitlerjugendmädchen beschrieben, idealistisch, fanatisch und romantisch, eine Aussenseiterin, die nachts am Lagerfeuer aus Rilkes «Cornet» vorliest. Sophie war «wie ein feuriger wilder Junge, trug die dunkelbraunen glatten Haare im Herrenschnitt (. . .) war lebhaft, keck, mit heller klarer Stimme, kühn in unseren wilden Spielen u. von einer göttlichen Schlamperei», so erinnert sich ihre Freundin Susanne Hirzel.
Tanzkränzchen werden wichtiger
Mit voller Wucht wird die selbstbewusste Jugendliche zwei Jahre später von pubertärer Verzweiflung ergriffen. Sie fühle sich allein, wolle nicht «oberflächlich» oder gar «spiessig» werden, vertraut sie in schluderiger Handschrift ihrem Tagebuch an: «Ich will mich nicht immer bilden. Ich will mich ab und zu austoben. Sonst meine ich manchmal, ich ersticke.»
Die Abkehr vom NS-Regime ist ein Prozess. Er beginnt mit der Enttäuschung über die als ungerecht empfundene Verhaftung der Geschwister wegen «bündischer Umtriebe» und wird befeuert von der zunehmenden Einschränkung geistiger Freiheit, denn die Scholls lieben moderne Kunst und Literatur, auch die französische und englische. Als Sophie sich mit 16 Jahren in den vier Jahre älteren Offiziersanwärter Fritz Hartnagel verliebt, sind Tanzkränzchen und Briefeschreiben bald wichtiger als der Dienst in der Hitlerjugend. Mittlerweile ist sie zum «Bund Deutscher Mädel» gewechselt und bleibt dort Mitglied, auch nachdem sie sich innerlich von der Ideologie distanziert hat. Ein möglicher Grund dafür ist, dass sie sich die Chance auf das Abitur nicht verbauen will.
Die grosse Politik dringt erst mit Kriegsbeginn so richtig in Sophie Scholls Bewusstsein, und jetzt bekennt sie Farbe: «Ich kann es nicht begreifen, dass nun dauernd Menschen in Lebensgefahr gebracht werden von anderen Menschen. Ich kann es nie begreifen und ich finde es entsetzlich. Sag nicht, es ist für’s Vaterland», schreibt sie am 5. September 1939 an Fritz Hartnagel. Von dieser Position wird sie nicht mehr abrücken, und man kann an ihren Briefen ablesen, wie ihr Abscheu vor dem Regime und seinen pathetischen Schwüren wächst: «Ich aber finde, dass zuerst das Denken kommt, u. dass Gefühle oft irreleiten», heisst es im Juni 1940 in einem Brief an Fritz.
Überschattetes Studentenleben
Als sie 1941/42 das obligatorische Jahr im Reichsarbeitsdienst ableisten und die sichere Nische der Ulmer Familienwohnung gegen die Zwangsgemeinschaft mit Uniform und Fahnenappell eintauschen muss, gerät sie in eine tiefe Krise. Alles stellt sie jetzt auf den Prüfstand: ihre Liebe zu Fritz, ihren Glauben und ihren eigenen Charakter, den sie fast schon selbstquälerisch hinterfragt. Erst im Mai 1942 kann sie nach München ziehen und sich an der Universität für Philosophie und Biologie einschreiben. Aber das aufregende Studentenleben, das sie mit ihrem Bruder Hans und seinen Freunden teilt, wird von Krieg und Diktatur überschattet.
Spätestens in dieser Zeit erfahren die Scholls von den Ermordungen kranker und behinderter Menschen und von den Verbrechen der Wehrmacht in Polen. Es fällt der erste Freund der Geschwister an der Front, und der Vater Robert Scholl wird wegen einer kritischen Bemerkung über Hitler verhaftet. Als im Briefkasten der Scholls Predigten des regimekritischen Bischofs Clemens August Graf von Galen auftauchen, die Unbekannte für sie abgeschrieben haben, ist plötzlich die Idee auf dem Tisch, Flugblätter herzustellen.
Sophie bittet ihren Freund Fritz im Mai 1942 um Geld und um einen gestempelten Bezugsschein für einen Vervielfältigungsapparat. Ob sie sich darüber im Klaren sei, dass es sie den Kopf kosten könne, will Fritz von ihr wissen, obwohl er nur ahnt, was sie vorhat. Sie bejaht die Frage.
Die ersten vier als «Flugblätter der Weissen Rose» betitelten Schriften entstehen im Sommer 1942 ohne Sophie Scholls Mitarbeit. Ihr Bruder Hans und sein Freund Alexander Schmorell, beide Medizinstudenten in München, verfassen und vervielfältigen sie im Keller von Schmorells Elternhaus. Sophie Scholl wird erneut aktiv, während Hans und Alexander im Sommer und Herbst 1942 eine Feldfamulatur in Polen absolvieren. Sie organisiert einen weiteren Vervielfältigungsapparat, der jedoch nicht zum Einsatz kommen wird.
Sie steht zum Engagement
Im Januar 1943 arbeitet Sophie Scholl schliesslich gemeinsam mit der Gruppe, die wir heute «Weisse Rose» nennen, im aktiven Widerstand: Neben Hans Scholl und Alexander Schmorell gehören auch Willi Graf, Christoph Probst und Professor Kurt Huber dazu. Ein fünftes und ein sechstes Flugblatt entstehen. Sophie hilft beim Vervielfältigen, schreibt Adressen, besorgt Papier, Briefumschläge und Briefmarken, sie bringt am helllichten Tag Flugblätter nach Augsburg und Ulm. In München versteckt sie Flugblätter in Telefonbüchern und legt sie auf parkierte Autos.
Das sechste Flugblatt stammt aus der Feder von Professor Kurt Huber und richtet sich an die Studierenden von München. Am Vormittag des 18. Februar 1943 werden Sophie und Hans Scholl beim Auslegen dieses Flugblatts im Lichthof der Münchner Universität entdeckt und verhaftet. Sie leugnen zunächst, etwas mit den Flugblättern zu tun zu haben, doch als die Gestapo sie mit erdrückenden Beweisen konfrontiert, geben sie ihre Beteiligung zu.
Beide versuchen, so viel Schuld wie möglich auf sich zu nehmen und die Freunde zu schützen, was nicht gelingen wird. Auch wenn die Verhörprotokolle keine wortgenauen Mitschriften sind, erkennen wir, dass Sophie Scholl sich mutig zu ihrem Engagement bekennt: «Es war unsere Überzeugung, dass der Krieg für Deutschland verloren ist, und dass jedes Menschenleben, das für diesen verlorenen Krieg geopfert wird, umsonst ist.»
Sophie und Hans Scholl und Christoph Probst werden am 22. Februar 1943 vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und noch am selben Tag hingerichtet. Auch die anderen Mitglieder der «Weissen Rose» erhalten Todesstrafen, Freundinnen und Freunde zum Teil hohe Haftstrafen.
Ein Buch geht um die Welt
Warum ist nun gerade Sophie Scholl im Laufe der Jahre zur Lichtgestalt des Widerstands gegen den Nationalsozialismus geworden? Den Grundstein für diese Popularität legt ihre älteste Schwester, Inge Scholl, 1952 mit ihrem Buch «Die Weisse Rose». Darin mischt sie auf nicht unproblematische Weise Fakten und Fiktion. Demnach soll schon 1935 der Funke des Zweifels am NS-System von Hans Scholl auf die Geschwister übergesprungen sein, eine These, die sich nach heutigem Forschungsstand nicht halten lässt. Der leicht verklärte schwesterliche Blick stellt ausserdem Hans und Sophie in den Fokus der Ereignisse um die «Weisse Rose». Die anderen Mitglieder der Gruppe bleiben im Schatten, aus dem sie bis heute nicht vollständig befreit wurden.
Inge Scholls Buch wird ein Weltbestseller zu einer Zeit, da viele Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus noch nicht als solche anerkannt sind. Während die Motive anderer Widerstandsgruppen, etwa des militärischen Widerstands, immer wieder auch skeptisch gesehen werden, scheint die «Weisse Rose» von einer Aura der Unschuld umgeben. An diesem Bild rüttelt der Historiker Wolfgang Petry 1968 mit seinem Buch «Studenten aufs Schafott», das heute als erste wissenschaftliche Arbeit über die «Weisse Rose» gilt.
Als Hermann Vinke 1980 die erste Biografie über Sophie Scholl vorlegt und sie darin als junge Frau mit klarem Verstand und nicht immer einfachem Naturell beschreibt, stellt sich Inge Scholl zunächst gegen die Veröffentlichung. Seitdem bemühen sich die Biografinnen und Biografen darum, Sophie Scholl als Menschen zu zeigen, ohne sie zu idealisieren. Die Verfilmungen hingegen konzentrieren sich auf ihre unbeugsame Haltung und ihr mutiges Ringen mit dem Regime. Angesichts der tragischen Heldinnenrolle tritt die komplexe Persönlichkeit Sophie Scholls – zumindest in der öffentlichen Wahrnehmung – zurück. Deshalb müssen wir heute bei aller berechtigten Bewunderung dafür sorgen, dass wir sie uns nicht als Heilige entrücken.
Der Nachlass der Familie wurde erst nach dem Tod von Inge Scholl im Jahr 1998 dem Münchner Institut für Zeitgeschichte übergeben. Seitdem können wir Sophie Scholl immer deutlicher als eine faszinierende, widersprüchliche Frau erkennen, hin- und hergerissen zwischen Lebensfreude und grüblerischer Nabelschau. Ihre Bedeutung als Vorbild schmälert das nicht. Und wenn wir ihr Erbe lebendig halten wollen, müssen wir das verteidigen, wofür sie gekämpft hat, die Menschenwürde und die Freiheit.
Maren Gottschalk ist Historikerin und Autorin der Sophie-Scholl-Biografie «Wie schwer ein Menschenleben wiegt», die 2020 im Verlag C. H. Beck erschienen ist.