MESOPOTAMIA NEWS „ENDE GELÄNDE!“ : 10 Jahre nach Usama bin Ladins Tod ist al-Kaida weiter aktiv /
Der Abzug aus Afghanistan ist eine historische Zäsur – Der Westen hat sich mit einer liberalen Weltordnung überhoben. Die Werte des Westens werden auf absehbare Zeit nur hier gelten.
Herfried Münkler NEUE ZÜRCHER ZEITUNG – 04.05.2021, GASTKOMMENTAR
Die ursprüngliche Begründung für das militärische Eingreifen des Westens in Afghanistan waren die dortige Präsenz von al-Kaida.
Es gibt Wendepunkte im Gang der Geschichte, die sie in ein Davor und ein Danach teilen. Solche Wendepunkte sind für den Historiker leicht auszumachen; sehr viel schwerer ist es dagegen für den Zeitgenossen, in den Ereignissen das zu erkennen, was sich später als historische Zäsur erweisen wird.
Als Goethe davon berichtete, er habe nach der Kanonade von Valmy ein paar um ein Biwakfeuer gescharte, vom Regen durchnässte Soldaten mit der Erklärung getröstet, von hier und heute gehe eine neue Zeit aus und sie könnten sagen, sie seien dabei gewesen, tat er das im Rückblick einiger Jahrzehnte. Kant war zeitlich näher an der Französischen Revolution, als er sie ein «Geschichtszeichen» nannte, ein Ereignis, das den weiteren Geschichtsverlauf eines ganzen Kontinents bestimmen werde.
Im Vergleich zur Französischen Revolution nimmt sich der jetzt bevorstehende Abzug der Nato-Truppen aus Afghanistan als ein marginales Ereignis aus: Sie waren bald zwei Jahrzehnte im Land, doch als der Erfolg ihrer Mission in immer weitere Ferne rückte, ging es nur noch darum, den Eindruck eines Scheiterns zu vermeiden und den Abzug so zu organisieren, dass er nicht zu einem militärischen Desaster wurde. Bilder wie diejenigen des letzten Helikopters, der 1975 vom Dach der US-Botschaft in Saigon startete, sollten sich nicht wiederholen.
Vietnam-Vergleich
Ohnehin sind die jetzigen Kommentare zur Abzugsentscheidung vom Vergleich mit Vietnam beherrscht: auch dort jahrzehntelanges Engagement, gewaltige Kosten, erhebliche Verluste, sich verschlechternde Erfolgsaussichten, kontinuierlich schrumpfende Durchhaltebereitschaft bei den Interventen, ein eilig verhandelter Vertrag der beiden Kriegsparteien, der nach Verstreichen einer Anstandsfrist von den Nordvietnamesen mit der Eroberung Südvietnams aufgekündigt wurde. Das Drehbuch für die Zukunft Afghanistans dürfte ähnlich aussehen – nur dass es hier nicht einmal gelungen ist, einen vergleichbaren Vertrag mit den Taliban auszuhandeln. Das macht die Organisation des Truppenabzugs schwieriger und erklärt wohl das Durcheinander bei dessen Terminierung.
Aber warum sollten die Taliban die abziehenden Nato-Truppen angreifen und dabei grössere Verluste riskieren? Die Macht in Kabul dürfte ihnen über kurz oder lang sowieso in die Hände fallen.
Der Vergleich mit dem Ende des Vietnamkriegs spricht dagegen, dass der Nato-Abzug aus Afghanistan ein «Geschichtszeichen» sein könnte, nicht einmal eine folgenreiche Veränderung der geopolitischen Konstellationen. Bekanntlich ist es nicht zu der in der Dominotheorie vorhergesagten sukzessiven Machtübernahme der Kommunisten in Südostasien gekommen, und bereits seit längerem nähert sich Vietnam den USA an, von denen es sich Rückhalt gegen ein als bedrohlich wahrgenommenes China verspricht. Der Abzug der USA aus Vietnam hat zu dem paradoxen Ergebnis geführt, dass sich die Sieger des Kriegs von ihrem ehemaligen Verbündeten abgewandt und sich ihrem einstigen Feind angenähert haben.
Was danach kommt
Eine ähnliche Entwicklung ist auch am Hindukusch nicht auszuschliessen. Die Vietnam-Analogie lässt den Afghanistan-Abzug als «politics as usual» erscheinen. Zugegeben: Es werden noch einige Flüchtlingswellen aus Afghanistan in Richtung Westen folgen. Aber danach werden die Bücher des kostspieligen Projekts geschlossen werden, und Afghanistan wird aus den Schlagzeilen der Nachrichten verschwinden.
Und doch könnte der Abzug der Truppen des Westens aus Afghanistan für eine grundlegende Veränderung in den westlichen Vorstellungen der Weltordnung stehen – und damit weit über das in der Vietnam-Analogie Umrissene hinausgehen. Im Vietnamkrieg ging es um Einflussgebiete, wie damals auch sonst, in Afrika, Lateinamerika und andernorts, um Einflussgebiete gekämpft wurde: In den Konstellationen des Kalten Krieges suchten der Westen wie der Osten sich Vorteile zu verschaffen, indem sie sich in geopolitisch bedeutsamen Regionen festsetzten und wichtige Länder der Dritten Welt auf ihre Seite zogen.
Auch die Präsenz der Roten Armee in Afghanistan in den 1980er Jahren ist im Westen so verstanden worden – mit der naheliegenden Reaktion, dass man die Feinde der Sowjets einschliesslich der Taliban mit Geld und Waffen unterstützte, um der Roten Armee ebenfalls ein «Vietnam» zu bereiten. Bei der Präsenz von Nato-Truppen am Hindukusch ging es jedoch nicht um Geopolitik, und das hat man auch in Russland und China so gesehen, denn über eine Unterstützung der Taliban von dort ist nichts bekannt. Moskaus geopolitische Aufmerksamkeit ist auf die Schwarzmeerregion gerichtet, und in der chinesischen Seidenstrassen-Initiative spielt Afghanistan keine nennenswerte Rolle. Obendrein haben beide Länder ihre eigenen Probleme mit islamistischen Bewegungen, und deswegen werden sie kaum die stillschweigenden Profiteure des Nato-Abzugs aus Afghanistan sein.
Neu zu gestaltende Weltordnung
Die Ursprungsbegründung für das militärische Eingreifen des Westens in Afghanistan waren die dortige Präsenz von al-Kaida und die Weigerung des Taliban-Regimes, die in seinem Land befindlichen Al-Kaida-Basen zu schliessen und die Anführer der Terrororganisation an die USA auszuliefern. Militärisch gesehen war al-Kaida schnell zerschlagen, und wäre es allein darum gegangen, hätte man schon 2003 wieder abziehen können. Im Rückblick wäre das wohl das Richtige gewesen. Aber dem stand die Vorstellung einer neu zu gestaltenden Weltordnung entgegen, die an die Stelle der bipolaren Konstellationen des Kalten Krieges treten sollte.
Zu diesen Vorstellungen, die freilich nie feste Gestalt angenommen haben, gehörten die Absage an den Krieg als Modus politischer Interessendurchsetzung, eine weitgehende Verregelung der internationalen Beziehungen, die weltweite Geltung bestimmter Normen, insbesondere der Menschenrechte, und die Umgestaltung des Militärs zu einer globalen Polizei, die gegen notorische Störer und Zuwiderhandelnde die Ordnung durchsetzte.
Dabei fiel dem Land am Hindukusch eine Schlüsselposition zu; Afghanistan wurde zum Experimentierfeld für die Implementierung dieser Weltordnung: Durchsetzung vor allem von Frauenrechten, demokratische Partizipation, wirtschaftliche Entwicklung und insbesondere Schliessung der Schattenglobalisierungskanäle, in denen Afghanistan als Opiumproduzent eine Rolle spielte. Der anfängliche Kampfeinsatz des Militärs wurde «verpolizeilicht», um die Modernisierung des Landes abzusichern. Es war klar, dass es dabei nicht nur Gewinner, sondern auch Verlierer geben würde. Und tatsächlich griffen die prospektiven Verlierer schon bald wieder zu den Waffen.
Aus der Befriedungsaktion wurde infolgedessen nach einiger Zeit ein Kampfeinsatz. Unterdessen kam die Entwicklung nicht voran, und die Interventionsmächte scheuten sich, sie zu forcieren, weil sie den Taliban keine weiteren Anhänger zutreiben wollten. Für mindestens ein Jahrzehnt steckte der Westen in der afghanischen Zwickmühle. Aber weil es um das Vorzeigeprojekt der neuen Weltordnung ging, wollte man den Militäreinsatz nicht abbrechen. Afghanistan war der Prüfstein für die Durchsetzbarkeit der neuen Weltordnung.
Der Truppenabzug ist das Eingeständnis, dass sich der Westen mit dem Projekt einer liberalen Weltordnung überhoben hat. Nicht nur in Russland und China, immerhin mächtige Gegenspieler, lassen sich Menschenrechte und bürgerschaftliche Politikpartizipation nicht zur Geltung bringen. Sie sind auch in rückständigen Gebieten nicht durchzusetzen, nicht einmal dann, wenn Teile der Bevölkerung das wünschen. Die dem Entgegenstehenden liessen sich nicht auf die eigene Seite ziehen, auch nicht mit Geld. Die Religion und die ihr verbundenen Traditionen haben sich als stabile Widerstandsbastion erwiesen.
Die liberalen Werte des Westens werden auf absehbare Zeit nur im Westen und in den ihm zugehörigen Räumen gelten. Die Idee einer globalen Ordnung mit gemeinsamen Werten ist definitiv aufgegeben worden – auch wenn sie in der Rhetorik der Nichtregierungsorganisationen nach wie vor bespielt werden wird. Bei den Militäreinsätzen an der Peripherie der westlichen Welt wird es hinfort nur noch um politische Stabilisierung und nicht mehr um menschenrechtliche Veränderungen gehen. In diesem Sinn ist der Abzug aus Afghanistan denn doch eine historische Zäsur.
Herfried Münkler ist emeritierter Professor für Theorie der Politik der Humboldt-Universität zu Berlin. Zuletzt von ihm (gemeinsam mit Marina Münkler) erschienen: «Abschied vom Abstieg. Eine Agenda für Deutschland» (2019).