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Orwell-Hörbücher : Unser einziger wirklicher Feind
- Von Wolfgang Schneider – FAZ – 25.04.2021-John Hurt als Winston Smith in der Verfilmung von George Orwells Roman 1984“
Von beunruhigender Aktualität: In den Romanen „1984“ und „Farm der Tiere“ von George Orwell, neu eingelesen von Christoph Maria Herbst, finden sich ganz neue Töne.
Das hat es noch nie gegeben: gleich ein halbes Dutzend Neuübersetzungen – und zwei Hörbuchfassungen – auf einen Schlag. Der Schlag besteht darin, dass die deutschen Rechte an „1984“ frei geworden sind. Dass die Verlage sich aber derart auf die Gelegenheit stürzen, macht nur ein weiteres Mal deutlich, dass Orwells Roman als Buch der Stunde empfunden wird. Damit hätte noch vor zwei Jahrzehnten niemand gerechnet, denn Orwell wurde zu „1984“ durch die Erfahrung des Stalinismus inspiriert, und die grauen Diktaturen des Realsozialismus waren längst im Orkus der Geschichte verschwunden.
Huxleys „Schöne neue Welt“ schien im Wettstreit der Dystopien inzwischen die Nase vorn zu haben. Michel Houellebecq fand bei Huxley die treffsichere Darstellung der Tendenzen der Gegenwart: eine fürsorgliche biotechnologische Diktatur, in der Not, Krankheit und Alter abgeschafft sind und es ein Grundeinkommen an Lebenslust und Sex gibt sowie für gelegentliche Stimmungseinbrüche die Glücksdroge Soma. Dagegen erschien Orwells grausamer Überwachungsstaat als Schreckensvision von gestern.
Auch heute zieht „1984“ Hörer in Bann
Dass „1984“ nun von neuem Millionen Leser in den Bann zieht, hat damit zu tun, dass die Wirklichkeit wieder bei diesem Roman angedockt hat. Die rasant gewachsenen Möglichkeiten der digitalen Überwachung und des „Social Scoring“ sind ein Grund dafür; ein weiterer der Einzug der „alternativen Fakten“ in die (nicht nur) amerikanische Politik. Die Vergangenheit nach aktuellem Bedarf immer neu zu überschreiben – das ist die Aufgabe des Wahrheitsministeriums im Roman. Gegen dessen fugendichte Umarbeitung der Wirklichkeit bleiben Trumps alternative Wahrheiten zwar eine Farce, weil sie ihn in weiten Teilen der Medien und der Bevölkerung unglaubwürdig, ja lächerlich gemacht haben.
Auf jeden Fall aber scheint die Wirklichkeit auf Orwells Spuren. Und sie hört gar nicht mehr auf, Orwell’sche Konzepte upzudaten. Die identitätspolitische Linke verschiebt die sprachlichen Schmerzgrenzen und arbeitet an einer eigenen Form des „NeuSprech“. Bei der Cancel Culture denkt man an Orwells „GedankenVerbrechen“ und an den „DenkStopp“, den sich der „GutDenker“ selbst verordnet, um seiner „proaktiven, korrekten Einstellung“ Genüge zu tun. Tatsächlich ist es weniger die Handlung des Romans, es sind seine suggestiven Schlagworte, die heute verblüffend wirken. Wer würde beim rituellen „Zwei-Minuten-Hass“ nicht an Twitter-Mobs und Shitstorm-Attacken denken? Und wenn im Roman die Arbeitslager „JoyCamp“ heißen, dann ist die ewige Versuchung der Politik, unerfreulichen Wirklichkeiten euphemistische Etiketten aufzupappen, auf den Punkt gebracht.
Trümmerstaubgeschmack und bohrende Intensität
Die Ruinenlandschaften des Zweiten Weltkriegs verleihen „1984“ den Trümmerstaubgeschmack. Auch die Raketen, die regelmäßig in London einschlagen (und von denen manche vermuten, dass sie von der Partei selbst abgefeuert werden, um den ideologisch notwendigen Kriegszustand zu bekräftigen), fliegen aus der historischen Realität herüber, in der gerade noch Wernher von Brauns Wunderwaffen die Londoner terrorisierten; im Juni 1944 wurde Orwells eigene Londoner Wohnung von einer V1 zerstört. „1984“ ist ein grauer Roman ohne belletristische Schnörkel. Er gibt sich streckenweise wie eine Reportage. Andere Partien nähern sich einem fiktiven Sachbuch, das die Mechanismen der totalitären Welt analysiert. Christoph Maria Herbsts kühler, sachlicher, manchmal fast schneidend scharfer Ton vermittelt Orwells Welt auf die angemessenste Weise.
Hört man im Vergleich die parallel erschienene Lesung mit Axel Wostry, erscheint diese fast zu schöngeistig; die feinsinnige Melancholie passt nicht recht. Herbsts Sachlichkeit ist allerdings nicht mit Temperamentlosigkeit zu verwechseln. Den reflexiven Überhang des Romans gleicht er aus durch die geradezu bohrende Intensität, mit der er ihn als Gedankenarbeit der Hauptfigur Winston Smith erlebbar macht. Smith arbeitet im Wahrheitsministerium und sucht einen Weg in den Widerstand. Dabei begegnet er Julia, die er zunächst für eine Spionin der „GedankenPolizei“ hält, für eine jener parteitreuen jungen Frauen, die sich in der „Junior-Anti-Sex-Liga“ engagieren: Der Große Bruder hat viele kleine Schwestern. Winstons Hass schlägt um in Leidenschaft, als Julia ihm ihre Liebe und ihre Opposition zur Partei zu erkennen gibt. Winston rebelliert allerdings mit dem Kopf, Julia mit dem Unterleib. Sehr schön vermittelt Herbst die disharmonischen Untertöne in dieser Liebesgeschichte, wenn Julia ihren gähnenden Überdruss an Winstons politischen Analysen zeigt.
Nach der Verhaftung spielt das letzte Drittel des Romans in den Folterkellern des fensterlosen „Ministeriums der Liebe“, dem Hauptquartier der „GedankenPolizei“. Wenn man die langen Verhöre eher als schwächeren Teil des Romans in Erinnerung hatte – dieses Hörbuch zeigt ihre ganze Stärke. Herbst vermittelt das schlotternde, winselnde Elend der Gefangenen und Geschundenen. Den finalen Folter-Gesprächen zwischen Winston Smith und dem Funktionär O’Brien, diesem perfiden Philosophen des universalen Schmerzes und der Macht als Selbstzweck, verleiht er eine beklemmende Intimität. Fast könnte man von einem akustischen Stockholm-Syndrom sprechen.
Dass der bereits schwer lungenkranke Orwell in den letzten Jahren seines kurzen Lebens ohne Geldsorgen an „1984“ arbeiten konnte, verdankte er dem durchschlagenden Erfolg des Vorgängerbuchs „Farm der Tiere“, das Christoph Maria Herbst ebenfalls eingelesen hat. Die verratene Revolution ist das große Thema dieser satirischen Parabel auf den Stalinismus, die verdeckt die Geschichte der Sowjetunion seit der Oktoberrevolution erzählt. Deshalb scheuten die Verleger 1944 zunächst vor der Veröffentlichung zurück; Kritik an der Sowjetunion war im Zeichen der alliierten Kriegskoalition nicht opportun. Erscheinen konnte „Farm der Tiere“ im August 1945, als bereits das Schlagwort vom Eisernen Vorhang in Europa umging und „Uncle Joe“ (Stalin) wieder deutlich kritischer gesehen wurde.
Der Mensch ist unser einziger wirklicher Feind
Als „Märchen“ hat Orwell die Geschichte bezeichnet. Märchenhaft aber ist hier wenig außer dem Umstand, dass Tiere die Protagonisten sind. Gut deshalb, dass Herbst jeden schnurrigen Märchenton vermeidet und den Text mit Tempo und Schärfe vorträgt. Bei der akustischen Vergegenwärtigung der Tier-Charaktere bringt der Stromberg-Darsteller allerdings auch sein Talent als Comedian zur Geltung. Mit unerschütterlicher Gutmütigkeit spricht er den Hengst Boxer. Er ist das Denkmal des schuftenden Proletariats. „Ich werde noch härter arbeiten“, lautet sein Mantra. Ohne solche willigen Empfänger ihrer Direktiven kämen die Schweine-Funktionäre nicht weit. Danken tun sie es ihm nicht. Als Boxer am Ende seiner Kräfte ist, wird er von einem Lastwagen abgeholt. Man habe für den Helden der Arbeit eine Krankenhausbehandlung arrangiert, versichern die Schweine. Der kluge Esel Benjamin aber entziffert die Schrift auf dem Lastwagen: „Alfred Simmons. Pferdemetzger und Leimsieder.“ Toll, wie Herbst den entkräfteten Boxer mit fast versagender Stimme und den Esel mit heiserer Aufregung spricht.
Die Strategien der Ermächtigung und das Umkippen von Gemeinwohl-Idealismus in Eigennutz-Realismus, wie Orwell sie beschreibt, sind über die konkreten historischen Bezüge zur Sowjetunion allgemeingültig und für viele Wiedererkennungseffekte gut. Darüber hinaus hat der Aufstand der Tiere gegen die menschlichen Unterdrücker heute noch eine ganz andere, ökologische Dimension hinzugewonnen. „Der Mensch ist unser einziger wirklicher Feind“ – einen solchen Satz versteht man nun wörtlicher als 1945. „Farm der Tiere“ gehört zu jenen Büchern, die man kaum noch beachtet, weil man sie zu kennen meint. Umso größer ist das Staunen bei der Wiederentdeckung.
George Orwell: „1984“. Gelesen von Christoph Maria Herbst. Random House Audio, München 2021. 2 mp3-CDs, 730 Min., 19,45 Euro.
George Orwell: „Farm der Tiere“. Gelesen von Christoph Maria Herbst. Random House Audio, 4 CDs, 230 Min., 15,45 Euro.