MESOPOTAMIA NEWS : SYMPATHISCHE LEUTE ! HELFT IHNEN !

Areal-Besetzung in Frankfurt : Mit Baumhäusern für Wohnen der anderen Art

  • Von Rainer Schulze FAZ –  31.03.2021-FAZ – „Dieses Areal ist besetzt“: Gegner der geplanten Günthersburghöfe in Frankfurt wollen in den Freizeitgärten im Nordend ein alternatives Wohnprojekt verwirklichen. Mit Baumhäusern fangen sie an.

Am Abend hat Alex einen Igel gesehen. Sie findet es „krass“, wie vielseitig die Natur hier sei. Jetzt sitzt sie – grauer Kapuzenpulli, grünes Wickeltuch vor dem Gesicht – hinter einem Klapptisch in der Gartenanlage zwischen dem Günthersburgpark und der Friedberger Landstraße im Nordend, die zum Teil dem Wohnprojekt Günthersburghöfe weichen soll. Alex, Hummer, Johanna – mehr als Vornamen und Pseudonyme wollen die jungen Leute nicht von sich preisgeben, die in den vergangenen drei Wochen bis zu zehn Plattformen und Baumhäuser in den Bäumen verankert haben.

Etwa zehn Meter über der Erde. Einige Baumhäuser tragen einen Namen: Klabauterklaus, Piratenkatze, Ernie und Henri. Dort wollen sie es sich häuslich einrichten. Einige Hütten sollen isoliert und mit Gas- oder Holzöfen beheizt werden. Solarpanele liefern Strom. Wasser nehmen sie sich aus den Anschlüssen der Gartenparzellen – in Absprache mit deren Pächtern.

Auf einer improvisierten Pressekonferenz unter Fichten erklären die mehrheitlich jungen Leute, warum sie hier sind: „Das Areal ist besetzt. Wir wollen Druck ausüben und gehen nicht freiwillig“, sagt einer, der sich als Hummer vorstellt. Er wohnt nicht in einem der Baumhäuser, sondern südlich von Frankfurt und zählt sich zum Unterstützerkreis der Aktion. Die Besetzer wollen den Bau der Günthersburghöfe verhindern – und der grünen Parteibasis den Rücken stärken. Die hatte nämlich dafür gesorgt, dass das vor Jahren auch von den Grünen mitbeschlossene Bauvorhaben vorerst gestoppt wurde. In Sondierungsgesprächen loten die Parteien nun aus, wie es mit dem Projekt nach der Kommunalwahl weitergehen soll. Die Grünen wollen, dass nur noch die bereits versiegelten Flächen am Rand der Gartenanlage bebaut werden – und das wollen auch die Besetzer. Sie setzen darauf, dass dort nur „bezahlbare“ Wohnungen entstehen und die Gärten erhalten bleiben.

„Der Körper gewöhnt sich dran“

Einige von ihnen haben Erfahrung mit dem Besetzen von Wäldern. Sie waren im Dannenröder Forst oder im Hambacher Wald dabei. Dort haben sie nicht nur gelernt, Bauwerke in Bäumen zu errichten, stabile Knoten zu knüpfen und behende zu klettern. Auch im Winter könne man dort ausharren, sagen sie. Alex und Johanna haben schon bei minus 20 Grad im Wald übernachtet. „Der Körper gewöhnt sich dran“, sagt Alex. Wichtig sei es, in Bewegung zu bleiben. Und nachts könne man sich auch zwei Schlafsäcke übereinanderziehen.

Die Besetzer finanzieren sich über Spenden. Es ist schwer zu sagen, wie viele es sind. Zu erkennen gibt sich nur ein gutes Dutzend, die Besetzer sprechen selbst von einer zweistelligen Zahl. Die größte Plattform wurde mit Hilfe langer Baumstämme errichtet, die mit einem Lastwagen aus dem Odenwald angeliefert wurden. „Ich habe da eine Quelle“, sagt Hummer. Die Plattformen wurden über Parzellen errichtet, deren Pächter damit einverstanden waren. Die Besetzer setzen darauf, dass sich die Freizeitgärtner mit ihnen solidarisieren, denn sie kämpfen für das gleiche Ziel: den Erhalt der von ihnen „Grüne Lunge“ genannten Anlage. Initiativen wie Fridays for Future und die Kampagne „Grüne Lunge bleibt – Instone stoppen!“ unterstützen die Aktion. Deren Sprecher Alexis Passadakis meint, dass in den Sondierungen nun über die Zukunft des Projekts entschieden werde. „Dann könnte es zügig losgehen.“

Doch das ist nicht zu erwarten. Bis es – wenn überhaupt – zu einer Bebauung der Fläche kommt, können noch viele Jahre vergehen. Es gibt noch nicht einmal einen rechtskräftigen Bebauungsplan. Dass es ihnen bis dahin langweilig werden könnte, fürchten die Besetzer nicht. „Die Zeit arbeitet für uns. Wir schaffen Strukturen und realisieren unser Projekt“, meint Hummer. Denn die Besetzer verstehen ihre Aktion auch als eine Art alternatives, selbstverwaltetes Wohnprojekt. „Wir wollen hier dauerhaft wohnen, als alternativer Wohnraum“, sagt einer, der sich als Johanna vorstellt. Und Hummer ergänzt: „Wir schaffen uns den Raum, den wir uns wünschen.“

Auch Areeg Mulhi vom Bündnis Stadtklima unterstützt die Aktion. Jedes noch so kleine Ökosystem übersteige den Wert von Immobilienprojekten, meint sie. Ob dies auch für andere unbebaute Flächen gilt? Die Besetzer sind sich einig, dass sie auch Ackerflächen schützen wollen. Sie sind prinzipiell dagegen, dass Böden neu versiegelt werden. „Wir brauchen eine Netto-Null bei der Versiegelung“, sagt Passadakis. Ob man dann die Stadtentwicklung nicht gleich einstellen kann? „Wohnraum zu schaffen ist nicht das erste Ziel“, meint Alex. Es gebe noch genügend Leerstand und schon versiegelte Flächen, die genutzt werden könnten. „Wir können es uns aus ökologischen Gründen nicht leisten, so weiterzumachen wie bisher“, sagt Philip.

Was sind das für Leute? Die meisten sind jung, zwischen 20 und 30 Jahre alt. Einige studieren noch, andere arbeiten oder sind arbeitslos. Viele kommen aus der Region, andere reisen von einer Besetzung zur anderen. Auch Johanna war früher in „Lohnarbeit“, wie er sagt. Dann habe er einen Burnout bekommen und engagiere sich seither für den Erhalt der Wälder. Er genieße es, wenn ein Eichhörnchen auf seine Plattform springt und Nüsse knackt. Alex geht es ähnlich: „Ich fühle mich immer besser und freier oben.“