MESOPOTAMIA NEWS : PROTESTE UNTER DER PRIDE FLAG / NACH 1968er LINKE FORDERT MÖGLICHST HARTE POLIZEIEINSÄTZE (ESKEN SPD)

Corona-Proteste Kassel: Parallel-Realitäten in den Medien Deeskalierende Polizei, eskalierende Presse

Veröffentlicht am 20. März 2021 BORIS REITSCHUSTER

Friedlich und ohne größere Zwischenfälle, Menschen aus der Mitte der Gesellschaft – das war mein Eindruck heute nach mehr als siebeneinhalb Stunden auf den Kundgebungen gegen die Corona-Maßnahmen in Kassel. Ich habe mehrere Livestreams gemacht (eine Zusammenfassung mit meinen Kommentaren finden Sie hier). Umso erstaunter war ich, als ich die Zusammenstellung der Berichte in den großen Medien las, die mir Ekaterina Quehl erstellt hatte. Die gleichen Blätter, die regelmäßig gewalttätige Mobs in Innenstädten als „Party- oder Eventszene“ schönschreiben, sprechen nun von einem „Randale-Mob“ wie etwa die Bild-Zeitung. Das ist eine bewusste Irreführung der Leser. So kann man auch den Tenor in vielen anderen Medien bezeichnen – die zwar korrekt einzelne Fakten wiedergeben, aber durch deren Gewichtung das Geschehen des Tages, so wie ich es erlebt habe, geradezu pervertiert wird.

Selbstverständlich kann ich an einem solchen Tag als Einzelner nur einen Bruchteil des Gesamtgeschehens erfassen. Nach allem, was ich mitbekam, waren aber die geschilderten Gewaltszenen Einzelmomente. Genau wie es einige brutale Festnahmen durch die Polizei gab. Oder einen Angriff auf mich von Antifa-Gegendemonstranten, die mir mein Telefon aus der Hand schlugen, mit dem ich filmte. Man könnte nun, so wie es viele große Medien machen, einen langen Bericht schreiben, mit dem großen Tenor: Massive Polizeigewalt gegen Demonstranten, Übergriff auf kritischen Journalisten. Und nur die entsprechenden Szenen zeigen bzw. alles an diesen fest machen. Doch das wäre genauso irreführend wie die Berichte vieler großer Medien in den Beispielen unten. Die Polizei hat sich etwa im Vergleich mit Berlin sehr deeskalierend verhalten.

Auf großen Demonstrationen wird es leider immer Einzelne geben, die sich daneben verhalten. Wenn man nur lange genug sucht, wird man auch immer unschöne Szenen finden. Diese zu zeigen, ist legitim. Aber sie zum Leitmotiv zu machen, wenn sie nur leise Nebentöne waren, ist Manipulation. Etwa, wenn die öffentlich-rechtliche „Hessenschau“ ein Extra macht mit dem Titel: Querdenker-Demo –  Gewalt eskaliert“. Viele, viele Tausend friedliche Demonstranten mal eben mit einem Sprach-Trick in der Überschrift als „Randale-Mob“ zu diffamieren, ist unseriös. Begriffe wie „selbsternannte Querdenker“ entlarven Dummheit beim Framing-Versuch: „Querdenker“ ist nichts, wozu man sich ernennen kann.

Mein Fazit, als ich gegen 19.30 Uhr nach insgesamt siebeneinhalb Stunden die Demo verließ: Gott sei Dank gab es diesmal kaum gewaltbereiten Störer, die Interesse an einer Eskalation hatten, Gott sei Dank blieb bis auf wenige Momente alles ruhig, die Polizei hat Augenmaß bewiesen; die Demonstranten haben zwar gegen die Auflagen verstoßen und auch die Hygieneregeln weitgehend ignoriert, aber bis auf einzelne Szenen mit hitzigen Provokationen blieb alles sehr friedlich. Umso erstaunter war ich, als ich dann das Gegenteil las in der Presserundschau. Ich schließe nicht aus, dass ich mich völlig irre, dass ich die wesentlichen Momente der Demonstration verpasst habe, und die Berichte der Augenzeugen irreführend gewesen sein können. Aber ich denke, für ein Gesamtbild für alle, die nicht selbst vor Ort waren, ist es wichtig, neben den Berichten der großen Medien auch alternative zu lesen und anzusehen. Um sich dann selbst eine Meinung zu bilden.