MESOPOTAMIA NEWS : THE TERMS OF TRADE ! – Poststrukturalismus : „Neue Kerker des Denkens“ – mit Nachtrag

  • Von Nico Hoppe FAZ –  17.02.2021-11:54

Postmoderne Theorie will den Geist aus starren Formen befreien. Ihr blinder Radikalismus mündet in intellektuelle Regression. Ein Gastbeitrag.

Seit einigen Jahren werden an den Universitäten der westlichen Welt jene Konzepte erprobt, die später von Medien, Wirtschaft und Politik übernommen werden. Ob es sich um Inklusionsregeln, die Auflösung des körperlichen Geschlechts oder die Ansicht handelt, der Wert einer Aussage sei an der Herkunft des Sprechers zu messen – sie alle wurden zuerst an Hochschulen populär, bevor sie praktischen Einfluss auf Politik und Gesellschaft nahmen. Gemeinsam ist diesen Konzepten auch die Herkunft aus dem französischen Poststrukturalismus und den postmodernen Theorien, die seit den neunziger Jahren an amerikanischen Universitäten Karriere machten. In der Folge errang ein Bündel zunächst randständiger theoretischer Strömungen wie Postkolonialismus, Critical Whiteness und Queer Theory die Deutungshoheit in den akademischen Debatten.

Diese Denkansätze postulieren selbstsicher, kein philosophisches System ausgebildet zu haben und keiner klaren Tradition anzugehören. Das macht es unmöglich, sie durch ihre Gemeinsamkeiten, aber auch ihre inneren Unterschiede, Widersprüche und Paradoxien auf den Begriff zu bringen. Der Poststrukturalismus hat den Nominalismus, also den Glauben an die bloße Konstruiertheit von Allgemeinbegriffen, so sehr auf die Spitze getrieben, dass seine Adepten schon jede Nennung eines Oberbegriffs als totalitäres Unterfangen geißeln.

NACHTRAG ZUM GEKÜRZTEN FAZ TEXT :

Nico Hoppe

Noch ein Nachtrag zum Text, weil in der Endfassung aus Platzgründen nicht mehr erhalten: Mir scheint, dass auch die Deklarierung poststrukturalistischer Theorien als schlicht unwissenschaftlich vollkommen fehl geht. Erstens, weil einige Vertreter dieser Richtung sich gar nicht in Opposition zum Wissenschaftsbetrieb stellen (etwa Foucault bei seiner Verteidigung des Positivismus in der “Archäologie des Wissens” oder auch Butler, wenn sie in “Das Unbehagen der Geschlechter” auf das sog. Mastergen rekurriert). Und zweitens, weil gerade in der Aversion gegen Abstraktionen und Allgemeinbegriffe eine erhebliche Gemeinsamkeit mit den positivistischen Wissenschaften besteht. Ich erwähne das, weil mich der auch unter eigentlich vernünftigen Leuten häufige Bezug auf genau in diese Kerbe schlagende “Postmodernismus-Kritiker” wie James Landsay oder (in Deutschland) Judith Sevinc Basad befremdet, die – gerade weil sie nichts anderes als verblödete und lesefaule Liberale sind – in Hegel, Marx, Adorno und Horkheimer die Ahnen von Political Correctness, Cancel Culture und Critical Race Theory zu erblicken meinen. Die Wahrheit ist natürlich, dass positivistische Antiintellektuellen wie Lindsay und Basad, die nach diesem Schema beinahe jedes nicht streng-wissenschaftliche Denken als gegenaufklärerisch brandmarken könnten, ihren poststrukturalistischen Gegnern, die parallel dazu überall den Logozentrismus am Werk sehen, ziemlich nahe sind.