MESOPOTAMIA NEWS : NACH BILDERN & DENKMÄLERN WIRD NUN DIE MUSIK VERBOTEN / PARISER OPER – SCHWANENSEE VERBIETEN ? (Schwäne sind weiss!)
Von Marc Zitzmann, FAZ 11 Feb 2021
Paris: Später als andere Musikbühnen und Ballettensembles befasst sich die Opera national de Paris mit dem Problemkomplex „ethnische Vielfalt”. Spät, aber gründlich: Auf Wunsch seines neuen Intendanten, Alexander Neef, hat das größte Opernhaus der Welt einen „Rapport sur la diversite” in Auftrag gegeben. Der 66 Seiten starke Bericht wurde am Montag den Medien vorgestellt und ist auf der Website der Pariser Nationaloper abrufbar. Seine Autoren, Constance Riviere und Pap Ndiaye,
haben Gespräche mit rund vierzig Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Hauses sowie mit gut fünfzig auswärtigen Sachverständigen geführt. Ausgangspunkt war ein Manifest „über die Rassenfrage an der Pariser Nationaloper”, das elf farbige Mitglieder des Balletts, des Chors sowie des Vereins der Opernfreunde letzten Sommer aufgesetzt hatten.
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So blicken Riviere und Ndiaye zunächst zurück auf die mehr als dreihundertfünfzigjährige Geschichte des Hauses und richten ihr Augenmerk auf Werke mit „exotischen” Protagonisten, die Anlass zu rassistisch grundierten Stereotypisierungen geben können. Das betrifft nicht nur Repertoirepfeiler wie Rameaus opera-ballet „Les Indes galantes”, dessen vier Akte in der Türkei, in Peru, Persien beziehungsweise Nordamerika angesiedelt sind, sondern auch Randständiges wie „Ahne, Reine de Golconde” (1766) von Jean-Michel Sedaine oder „L’Africaine” (1865) von Giacomo Meyerbeer. In den beiden letztgenannten Werken verwendeten Kostümbildner einst dunkle Leibchen, um den Interpreten schwarzer Figuren zur entsprechenden Hautfarbe zu verhelfen. Im Tanzbereich sah das neunzehnte Jahrhundert etliche Variationen auf das Thema „Bajaderen” (indische Tempeltänzerinnen) sowie die Entstehung von ballets blancs wie „Giselle” oder „La Sylphide”. Letztere sind aus anderen Gründen problematisch: Für Puristen verunmöglicht die angestrebte Homogenität des (weißen) Corps de Ballet die Aufnahme andegfarbiger Tänzerinnen. Sind gewisse Werke demnach aus dem Repertoire zu verbannen? Ende letzten Jahrs hatte eine (absichtlich?) verzerrte Aussage von Alexander Neef ein Stürmchen im medialen Wasserglas hervorgerufen. Um sich „kapriziösen Minderheiten” beziehungsweise „Pseudo-Progressisten” anzudienen, wolle der Intendant Nurejews „Nussknacker” und „Schwanensee” verbieten, wetterten rechtsextreme Politiker. Im Gespräch mit der RA.Z. hatte das ganz anders geklungen: Es gehe nicht ums Exkommunizieren, sondern ums Kontextualisieren, sagte Neef da sinngemäß. Riviere und Ndiaye sind ganz mit ihm eins: Sofern man sie nicht buchstäblich, sondern mit kritischer Distanz und heutigem Feingefühl aufführe, hätten auch problematische Werke — etwa „Otello”, „Madama Butterfly” und „Tlirandot” im Opern-, „La Bayadere”, „Raymonda” und „Petruschka” im Ballettbereich — ihren Platz auf dem Spielplan. Black-, Brown- und Yellowfacing seien dabei absolut zu verpönen; die Harmonie von „weißen” Balletten lasse sich auch durch andere Mittel erzielen als durch identische Hautfarben. Leider jedoch sei die Pariser Oper „als Ganzes eine weiße Welt, die weit entfernt ist vom Aussehen der heutigen französischen Gesellschaft”.
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Doch ist das Thema nunmehr auf dem Tisch, versehen mit einem offiziellen Siegel. Die Abgabe des Berichts bildet laut Neef nicht den Abschluss, sondern erst den Beginn des Prozesses.
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