ANGELA DAVIS UND DIE DDR: Rosen für die Staatsfeindin

MESOPOTAMIA NEWS „DDR BLACK LIVES MATTER IKONE“ : UNSEREINS KENNT SIE NOCH PERSÖNLICH ALS DRUG KONSUMENTIN 1. KLASSE AUS DER ADABERTSTRASSE  10 FRANKFURT-BOCKENHEIM

Als sich Volk und Führung im Osten einig waren: Eine Dresdner Ausstellung zeigt die gemeinsame Geschichte der DDR und der Bürgerrechtlerin Angela Davis.

Liebe Angela Davis! Unsere Kinder sind noch klein,

aber alle haben für Sie eine rote Blume gemalt, so schön sie konnten. Jede Blume soll Ihnen sagen, dass Sie, liebe Angela, viele Freunde in der Welt haben.“ Mit diesen Zeilen beginnt ein Brief, den die Kinder und Erzieherinnen des Betriebskindergartens des VEB Kombinat Robotron in Radeberg bei Dresden am 24. Januar 1972 in die Vereinigten Staaten schickten. Und sie waren damals nicht die Einzigen. Hundertausende Briefe und Postkarten sandten Bürger, Schulklassen und Arbeitskollektive aus der DDR zwischen 1970 und 1972 über den Atlantik, überwiegend in Deutsch, zum Teil auch in Schulenglisch. „Dear Angela!“, schrieb etwa die Klasse A2a der Betriebsberufsschule für Agrarberufe, „We cattle-breeder and agronoms of the professional school in Dresden want to send you best greetings.“

Dutzende solcher Schreiben wählte Kathleen Reinhardt nun als Leitmotiv ihrer Schau aus Beständen der Bibliothek der Stanford-Universität aus, wo die Sammlung des National United Committee to Free Angela Davis and all Political Prisoners aufbewahrt wird, darunter ein ganzer Karton mit Post aus Dresden und Umgebung. Der Titel der Ausstellung „1 Million Rosen für Angela Davis“ im Dresdner Albertinum weckt sofort Erinnerungen bei den meisten heute über fünfzig Jahre alten Ostdeutschen, die seinerzeit die gleichnamige Kampagne für die Freilassung der afroamerikanischen Bürgerrechtlerin erlebt haben. Mit einem Fünf-Punkte-Plan versuchte die SED 1972 den Prozess gegen Davis zu nutzen. Dazu zählten „eine breite Brief- und Postkartenaktion mit der Forderung nach Freilassung“, zu richten an den „State Attorney General, Departement of Justice, Sacramento/California“, sowie der Aufruf mehrerer Zeitungen, ihr Geburtstagsgrüße ins Gefängnis zu schicken. „Eine Million Rosen für Angela Davis“ war die mutmaßlich erfolgreichste Propaganda-Aktion der SED, weil hier Führung und Volk ausnahmsweise einmal übereinstimmten, wenn auch zum Teil aus höchst unterschiedlichen Gründen.

Millionenfache Post als wirklicher Halt in der Haft

„Angela Davis war in der DDR ein Popstar“, sagt Reinhardt. 50.000 Menschen, zwanzigmal mehr als von der Stasi erwartet, kamen im September 1972 zum Flughafen Berlin-Schönefeld, um die soeben freigesprochene Bürgerrechtlerin zu begrüßen. 500 Junge Pioniere, eigentlich in Reih und Glied an der Gangway positioniert, stürmten ihrem Idol entgegen, als sich die Flugzeugtür öffnete. In Magdeburg wurde Davis Ehrenbürgerin, und in Leipzig, wo sie die Ehrendoktorwürde der Universität entgegennahm, sprach sie vor 200. 000 Menschen. Angela Davis, die damals 28 Jahre alte Amerikanerin mit dem markanten Afro-Bob, gab vielen enschen das Gefühl, an etwas Großem teilzuhaben. Zugleich verkörperte sie die Hoffnung auf Liberalisierung im kleinen ummauerten Land, fiel doch der Stabswechsel vom greisen Walter Ulbricht zu Erich Honecker genau in diese Tage. Honecker nutzte das und lud Davis zu den Weltfestspielen im Jahr darauf nach Ost-Berlin ein. Abermals tourte sie umjubelt durch die DDR.

Davis hatte in San Diego bei Herbert Marcuse, an der Sorbonne und in Frankfurt am Main Philosophie und Soziologie studiert, sie engagierte sich in der Black-Power-Bewegung und in der Kommunistischen Partei der Vereinigten Staaten. Im August 1970 wurde sie wegen der Beschaffung von Schusswaffen für eine Geiselnahme mit vier Todesopfern in einem Gerichtssaal vom FBI zur Fahndung ausgeschrieben. Sie wurde im Oktober 1970 festgenommen, im Januar 1971 begann ihr Prozess. Am 4. Juni 1972 wurde sie freigesprochen. Während ihrer Haft avancierte sie weltweit zum Vorbild, zu einer „Heldin des anderen Amerika“. Während die Partei- und Staatsführung der DDR sie als Zeugin einer bevorstehenden Zeitenwende in Amerika benutzte, sahen viele Menschen in ihr eine Rebellin gegen herrschende Verhältnisse überhaupt. Davis zeigte die Möglichkeiten, eine Regierung herauszufordern.

Für die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, die unter westdeutscher Führung das künstlerische Schaffen der Jahre 1949 bis 1989 lange ignoriert hatten, bietet das Thema eine nahezu perfekte Verbindung zwischen Ost- und Westdeutschland, aber auch zwischen Vergangenheit und Heute. Zeitschriften in der Bundesrepublik und der DDR hoben Davis auf den Titel, die Gewerkschaften in West und Ost starteten Kampagnen für ihre Freilassung, und in beiden Teilen Deutschlands ließen sich Künstler von der jungen Bürgerrechtlerin inspirieren. In den Dresdner Kunstsammlungen habe Davis Spuren überall hinterlassen, berichtet Marion Ackermann, die Generaldirektorin. Schon in der VII. DDR-Kunstausstellung 1972 in Dresden war Davis ein prägendes Motiv. So sind auch Gemälde von Willi Sitte, Bernhard Franke und Christoph Wetzel wiederzusehen.

Mit zeitgenössischen Fotografien, Skulpturen und Videos stellen die Ausstellungsmacher Verbindungen zur Gegenwart her. Gabriele Stötzer verarbeitet in der Video-Performance „Zelle 5“ ihre Erfahrungen in Erfurter Stasi-Haft nach ihrer Beteiligung an der Unterschriftensammlung gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns. So wird der zentrale Widerspruch der SED-Politik, politische Gefangene anderswo befreien zu wollen, aber Oppositionelle im eigenen Land zu verfolgen, offensichtlich. Geradezu ikonisch wirkt eine Fotografie, auf der Erika Havemann, Tochter des DDR-Regimekritikers Robert Havemann, Davis in Ost-Berlin mit offenen Armen empfängt. Davis selbst jedoch hat sich auf diese Diskussion nie eingelassen; einen offenen Brief des tschechoslowakischen Kommunisten Jiri Pelikán, der nach der Niederschlagung des Prager Frühlings ins Exil ging und sie aufforderte, sich auch für politische Gefangene in sozialistischen Ländern einzusetzen, hat sie nie beantwortet.

Angela Davis, die 1980 und 1984 für die Kommunistische Partei als Vizepräsidentin der Vereinigten Staaten kandidierte, hat im Engagement für soziale Gerechtigkeit, gegen Rassismus und Sexismus nicht nachgelassen. Ein Foto zeigt die inzwischen 76 Jahre alte Aktivistin im August 2020 auf einer Kundgebung von „Black Lives Matter“ in Oakland. Und in einem Video-Interview erzählt sie von ihrem Kampf für eine gerechte Welt, aber auch über ihr Hadern mit dem Zusammenbruch des Sozialismus und von der Zeit im Gefängnis. Die millionenfache Post habe ihr damals wirklich Halt gegeben, sagt sie, und dass sie es noch heute liebe, all diese Postkarten zu lesen.

1 Million Rosen für Angela Davis. Dresden, Kunsthalle, bis 24. Januar. Der Katalog kostet 27 Euro.