MESOPOTAMIA NEWS : ROT CHINA FEIERT ! CORONA IS OURS ! / KEINE ZWEITE WELLE!?
Keine zweite Welle in China : Es darf wieder gefeiert werden
Von Friederike Böge, Peking – Aktualisiert am 20.10.2020-10:40 – Freitagabend in Peking: Auf der Bühne steht die Rockband 2econd, davor drängen sich die Besucher – mit Genehmigung der Behörden. In China ist die zweite Welle der Pandemie ausgeblieben. Die Clubs sind voll. Und es sieht danach aus, als wenn das auch so bleiben würde. Vielen Chinesen gibt das neues Selbstbewusstsein.
Freitag Abend in Peking. Der Musikclub „Omni Space“ ist schon um 21 Uhr ausgebucht. Auf der Bühne steht die Rockband 2econd. Unten drängelt sich dicht an dicht das Partyvolk. Manche tragen Masken, andere nicht. Am Eingang mussten sie ihre Corona-App zeigen und beim Ticketkauf ihre Daten hinterlassen. Abstand halten müssen sie nicht. Die Zahl der Eintrittskarten ist zwar auf 75 Prozent der regulären Maximalauslastung limitiert. In Kinos und Konzerthäusern, für die das ebenfalls gilt, mag das sinnvoll sein. In Musikclubs, wo es alle in Richtung Bühne drängt, fällt das Social Distancing aus. Die Pekinger Behörden erlauben das Konzert dennoch: Sie sind sich ihrer Sache sicher. Ganz China ist bisher von einer zweiten Welle der Corona-Pandemie verschont worden. Und es sieht danach aus, als wenn das auch so bleiben würde.
Der Stresstest fand Anfang Oktober statt. In der Woche nach dem Gründungsfeiertag der Volksrepublik war das ganze Land unterwegs. Acht Tage lang wurden an Bahnhöfen, Flughäfen und auf den Autobahnen täglich im Durchschnitt mehr als 60 Millionen Reisende gezählt. In zahlreichen Städten gab es Musikfestivals, so wie das dreitägige „Strawberry Festival“ in Peking mit 30.000 Besuchern. Dennoch kam es anschließend nicht zu größeren neuen Ausbrüchen. Nur aus der Küstenstadt Qingdao wurden 13 Neuinfektionen gemeldet. Wie in solchen Fällen in China üblich, wurde anschließend die ganze Stadt auf Sars-CoV-2 getestet. Mehr als zehn Millionen Menschen innerhalb weniger Tage. Auch die Urlauber aus anderen Teilen des Landes, die während der „Goldenen Woche“ in Qingdao waren, mussten sich testen lassen. Ihre Corona-App zeigte noch zwei Wochen nach der Abreise an, dass sie dort gewesen waren. „Das ist der Grund, warum die Leute sich sicher fühlen, auszugehen und den Auftritt der Band zu genießen“, sagt Zuo Ye, der Betreiber des Musikclubs „Omni Space“.
Zuo geht davon aus, dass er bald wieder 100 Prozent seiner Tickets verkaufen darf, wenn genügend Leute gegen Corona geimpft sind. Noch gibt es zwar in China keinen Impfstoff, der für den allgemeinen Gebrauch zugelassen ist. Doch der staatliche Pharmakonzern Sinopharm hat im Rahmen einer „Notfallverwendung“ schon jetzt Hunderttausende Chinesen geimpft. Es scheint niemanden zu stören, dass die klinischen Tests noch gar nicht abgeschlossen sind. In der Stadt Yiwu standen am Samstag Hunderte Schlange, um sich den provisorischen Impfstoff für umgerechnet 50 Euro spritzen zu lassen. Auch das trägt dazu bei, dass sich viele Chinesen inzwischen auf dem Weg in ein Zeitalter nach Corona wähnen, während anderswo das Schlimmste noch bevorzustehen scheint.
Methoden, die in Deutschland zur Revolution geführt hätten
Das „Omni Space“ hat die Pandemie relativ gut überstanden. Weil das Gebäude dem Staat gehört, hat Zuo Ye drei Monate lang Mietnachlässe bekommen und einen Kredit zu günstigen Konditionen. Für jeden seiner Mitarbeiter gab es außerdem einen Zuschuss von gut 300 Euro. Mit Rockmusik kann man in China inzwischen ordentlich Geld verdienen. Talentshows im Fernsehen haben dazu beigetragen. Immer mehr junge Leute entdecken die Livemusik. Statt Klavierspielen lernen viele Kinder Gitarre. Die Regierung fördert das. Die Texte unterliegen allerdings der Zensur, und die Behörden sorgen dafür, dass die Rocker keine Protestkultur entwickeln.
Bis vor kurzem gaben ausländische Rockbands den Ton an. Die Hälfte der Gruppen, die im vergangenen Jahr im „Omni Space“ auftraten, kam aus Amerika, Europa, Australien oder Japan, unter ihnen die Münchner Band Megaherz. Doch wegen der Pandemie können jetzt nur chinesische Musiker Konzerte geben.
„Das hat auch seine guten Seiten“, sagt Lin Wenting, die bei einem Konzertveranstalter und Musiklabel in Peking arbeitet. Lokale Bands, die bisher ignoriert wurden, hätten dadurch eine Chance bekommen. Das hat der chinesischen Musikindustrie insgesamt ein neues Selbstbewusstsein gegeben. „Wir haben gesehen, dass wir das allein hinkriegen. Auch ohne ausländische Künstler“, sagt Lin Wenting.
Überhaupt hat die Pandemie den Blick vieler Chinesen auf ihr Land verändert, auch in der Musikbranche, die besonders weltoffen ist und unverdächtig für nationalistische Auswüchse. Sie kenne viele chinesische Musiker, die in Europa oder Amerika leben. „Sie haben Probleme in den westlichen Systemen festgestellt. Die Epidemie wird dort nicht gut kontrolliert“, sagt Lin. „Im Vergleich dazu kann unser System Sicherheit garantieren, wenn es eine Gefahr gibt.“ Diese Aussage ist bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass noch im Februar Hunderttausende im chinesischen Internet die Meinung vertraten, dass die Intransparenz des chinesischen Systems und der Mangel an Rede- und Pressefreiheit die Verbreitung des Virus befördert hätten. Ab Ende Februar war es gerade die massive Einschränkung von Freiheitsrechten, die das Virus unter Kontrolle brachte – mit Methoden, die in Deutschland zur Revolution geführt hätten. In China dagegen gingen viele Bürger in ihrer Selbstbeschränkung noch darüber hinaus. Die Krise habe die Leute enger zusammenrücken lassen, sagt Lin Wenting.
„Hausaufgaben abschreiben“
Die Bevölkerung rennt der Siegespropaganda der Kommunistischen Partei nicht blind hinterher. Als im September eine Fernsehserie über den Virusausbruch in Wuhan ein allzu rosiges Bild zeichnete, hagelte es scharfe Kritik. Etwa daran, dass die Partei den Erfolg für sich beanspruchte, statt zuzugeben, dass die Stadt auf dem Höhepunkt der Krise von privaten Initiativen am Laufen gehalten wurde, weil staatliche Strukturen versagten.
Im chinesischen Internet wimmelt es von nationalistischen Eiferern, die lautstark verlangen, dass die Welt nun von China lernen müsse. „Hausaufgaben abschreiben“, nennen sie das. Bestärkt fühlen sie sich von den Berichten in den Staatsmedien, in denen die Lage im Rest der Welt als chaotisch und lebensgefährlich darstellt wird. Die Wut darüber, dass Donald Trump regelmäßig vom „China-Virus“ spricht, treibt manche dazu, die Totenzahlen in Amerika mit offener Schadenfreude zu kommentieren.
Lin Wenting hofft hingegen, dass die Corona-Krise eine Chance sein könnte, „der Welt zu erzählen, dass China Stärken hat“. Aber sie ahnt auch, dass es schwer wird, mit dieser Erzählung durchzudringen. „Unsere Lebenserfahrungen sind sehr unterschiedlich“, sagt sie. Während in Berlin die Clubs geschlossen sind, wird in Peking längst wieder getanzt.