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Rossana Rossanda tot : Die Kämpferin

  • Von Karen Krüger  –  -Aktualisiert am 21.09.2020- FAZ – Die Journalistin und Mitgründerin der Zeitung „Il Manifesto“ war Kommunistin, eckte aber oft wegen ihrer kompromisslosen Haltungen im eigenen Lager an. Mit 96 Jahren starb Rossana Rossanda am Sonntag in Rom.

Manchmal halte sie jemand auf Straße an und sage: „Sie waren ein Mythos“, schreibt Rossana Rossanda in ihrer 2010 erschienenen Biographie „Die Tochter des 20. Jahrhunderts“. „Aber wer will schon ein Mythos sein? Ich nicht. Mythen sind eine Projektion von anderen. Ich habe nichts damit zu tun. Es ist mir peinlich. Es ehrt mich nicht, an einen Grabstein genagelt zu sein, außerhalb von Raum und Zeit. Ich habe mit beiden zu kämpfen.“

Am Sonntag ist die Tochter des zwanzigsten Jahrhunderts, die Journalistin, kritische Kommunistin und Mitbegründerin der Zeitung „Il Manifesto“ im Alter von 96 Jahren gestorben. Mystifiziert wurde Rossana Rossanda tatsächlich, diese zierliche und zähe Frau, die den Epochenwandel des zwanzigsten Jahrhunderts mit geistiger Größe begleitete. Sie konnte hart und heftig sein in ihren politischen und intellektuellen Ansichten, genauso war sie fähig zu großer Affektivität. Wie für viele ihrer Weggefährten sah sie in der Politik auch eine sentimentale Erziehung; eine Entscheidung zur Nähe zu Schutzlosen.

Die neue Sprache der Roten Brigaden

Rossana Rossanda wurde am 23. April 1924 als Tochter einer gutbürgerlichen Familie im istrischen Pula geboren. Verarmt in Folge der Weltwirtschaftskrise zog sie nach Mailand, wo sie eine Schülerin des Philosophen Antonio Banfi wurde. Sie schloss sich dem Widerstand an und wurde 1946 Mitglied in der Kommunistischen Partei, 1963 in deren Abgeordnetenkammer gewählt und 1969 vom Zentralkomitee wegen Fraktionismus aus der Partei ausgeschlossen, da sie gegen deren Willen die Gründung der linken Monatszeitschrift „Il Manifesto“ vorangetrieben hatte, die später zu einer Zeitung wurde.

Wenn Rossana Rossanda in der Redaktion anrief, seien sie instinktiv während des Telefonats aufgestanden, hat der Journalist und ehemalige Kollege Riccardo Barenghi einmal gesagt, der einige Jahre bei „Il Manifesto“ arbeitete. Mit einem dort am 28. März 1978 veröffentlichten Artikel über die bis heute nicht aufgeklärte Entführung von Aldo Moro provozierte Rossanda eine heftige Kontroverse. Der Politiker befand sich schon seit zwölf Tagen in den Händen der Roten Brigaden, als Rossanda schrieb: „Jeder, der in den fünfziger Jahren Kommunist war, erkennt auf einmal die neue Sprache der Roten Brigaden. Man könnte meinen, ein altes Familienalbum durchzublättern: Da sind alle Zutaten, die uns in den Kursen der glücklichen Erinnerung über Stalin und Zdanov´ gegeben wurden.“ Die Kommunistische Partei sah das Andenken ihre Ideologen beschädigt, konservative Kreise warfen ihr die Verharmlosung des Terrorismus vor.

Über die Ausrichtung kam es zum Streit

Rossanda lehnte die damals weit verbreitete Darstellung des Terrorismus als psychopathologisches Phänomen ab. Sie wollte die „menschlichen, zu menschlichen Gründe“ hinter den Taten ergründen. Es gelang ihr als einzige, den Anführer der Roten Brigaden, Mario Moretti, dazu zu bringen, in einem Interview über die Hintergründe der Entführung und Ermordung von Aldo Moro zu sprechen. Moretti vertrat darin die These von der Alleintäterschaft, die er gleichzeitig jedoch anhand konfuser Details widerlegte und seine Behauptung ad absurdum führte. Das legte die Schlussfolgerung nahe, er äußere sich bewusst widersprüchlich, weil es für ihn nicht möglich war, über die wahren Drahtzieher zu reden.

Eine Zeitlang lebte Rossanda in Paris, wo 2014 ihr Lebensgefährte, der Journalist und Mitbegründer des „Nouvel Observateur“ K.S. Karol starb. Auch aus der Ferne verfolgte und kommentierte sie die Entwicklungen in Italien und schrieb weiterhin für „Il Manifesto“, bis es 2012 wegen Streitigkeiten über dessen Ausrichtungen zum Bruch kam. In ihrem letzten großen Interview über ihr Leben, das sie „La Repubblica“ im Oktober 2018 gab, sagte sie auf die Frage, was ihr größter politischer Irrtum gewesen sei: „Das sage ich Ihnen nicht. Es fällt mir schon schwer, mir das selbst einzugestehen.“.

Am Sonntag ist Rossana Rossandas langes Leben voller Kämpfe in Rom zu Ende gegangen.