THEO VA GOGH SOCIETY: DER VATER ALLER NEUDEUTSCHEN POLITISCHEN QUERDENKER / EIN NACHRUF

Günter Maschke 1943 | 2022 R.I.P.  /   EPILOG AUF GÜNTER MASCHKE-

GANZ EIN MANN DIESER ZEIT – DEZISIONISTISCH  MAL LINKS / MAL RECHTS – Gewürdigt von Lorenz Jäger (FAZ), auch dieser Würdiger mal bei ANTAIOS in Schnellroda Ziegenmilch schlürfend – mal dann KUBITSCHEK auch wieder verratend + da capo al fine.

 

Der Verfassungsfeind als Intellektueller

  • Von Lorenz Jäger  9.02.2022 – Vom tropischen Stalinismus und der Kritik der bundesrepublikanischen Intelligenz: Zum Tod des Publizisten Günter Maschke

Was war er nicht alles: Deserteur und Kriegstheoretiker, erst ganz links und dann ganz rechts, alles mit ziemlich heftigen Ausschlägen; athletisch (er hatte Fußball gespielt) und zugleich intellektuell von höchster Subtilität. Für einen Rechten waren seine Schimpftiraden gegen die lieben Deutschen schwer erträglich, für einen Linken sein Sarkasmus gegenüber allen Utopien. Vielleicht war das, was zuerst an ihm auffiel, die Statur. In einem doppelten Sinn: groß gewachsen; wenn er wollte, konnte seine Stimme dröhnen.

Eindrucksvoll auch seine geistige und am Ende die persönliche Statur: die eines literarischen Menschen, der in den Siebzigerjahren Neudrucke von vergessenen Klassikern der nicht kommunistischen Linken auf den Weg brachte, der damals in dieser Zeitung die politische Ideengeschichte auf dem höchsten Niveau ausbreitete und dem man später hervorragende Editionen der reaktionären Denker verdankte: Carl Schmitt und Donoso Cortés.

An seinem Nachruf auf Carl Schmitt, gegen den Dolf Sternberger Einspruch erhoben hatte, zerbrach dann seine Arbeit für diese Zeitung.

Sein „Sinn für Machtverhältnisse“ sei „so ausgeprägt“ gewesen, dass Rudi Dutschke ihn „Maschkiavelli“ genannt habe. In der späteren Phase seines Wirkens sei Maschke zum „Ultra-Reaktionär geworden“, der aber keine These „seiner Hausgötter“ ungeprüft übernommen habe. Er sei ein „Rechter, aber kein Rechthaber“ gewesen. Die „fundamentale Distanz zum politischen System seiner Heimat, die ihn als junger Mensch motivierte“, habe ihn bis zuletzt geprägt.[23]

 

Günter Maschke (* 15. Januar 1943 in Erfurt; † 7. Februar 2022 in Frankfurt am Main[1]) war ein deutscher Autor und Herausgeber, der anfangs linker politischer Aktivist war, später Privatgelehrter und Publizist der Neuen Rechten wurde.[2]

Leben

Maschke kam 1949 als Adoptivkind mit seiner Familie von Erfurt nach Trier, wo er nach der mittleren Reife eine Lehre als Versicherungskaufmann absolvierte. 1960 trat er in die Deutsche Friedens-Union, kurz darauf in die seit 1956 illegale KPD ein. An der Technischen Hochschule in Stuttgart hörte er bei Max Bense. Dort lernte er Gudrun Ensslin und deren Schwester Johanna kennen. Maschke und Johanna Ensslin zogen nach Tübingen und heirateten 1965. Dort studierte Maschke Philosophie bei Ernst Bloch und war von 1963 bis 1964 Redakteur der Studentenzeitung Notizen. 1964 fand er Anschluss an die radikal-linke situationistische Subversive Aktion Tübingen. Nach deren Auflösung 1966 engagierte sich Maschke im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS). Weil er den Kriegsdienst ebenso wie den Ersatzdienst aus politischen Gründen verweigerte, entzog er sich einer drohenden Verhaftung durch die Ausreise nach Österreich, wo er der „Kommune Wien“ um Robert Schindel beitrat. Nach einer Demonstration gegen den Vietnamkrieg wurde Maschke am 9. Oktober 1967 dort festgenommen. Mit medienwirksamen Demonstrationen gelang es der „Kommune Wien“, die drohende Auslieferung an die Bundesrepublik zu verzögern, bis Maschke nach Kuba ausreisen konnte, wo er politisches Asyl erhielt.

Die Erfahrungen seines zweijährigen Aufenthalts in Kuba von 1968 bis 1969 bewirkten eine politische Neuorientierung.[3] Maschke übte offene Kritik, verweigerte sich Karriereofferten des Regimes und wurde schließlich aus Kuba ausgewiesen. Er berichtete später, mehrere kubanische Bekannte seien kurz darauf als angeblich an einem Attentatsplan auf Fidel Castro beteiligte Verschwörer hingerichtet und er selbst in Abwesenheit zu zehn Jahren Haft verurteilt worden.[4] Er kehrte in die Bundesrepublik zurück. Hier verbüßte er eine einjährige Haft wegen Fahnenflucht, zunächst in München und dann in Landsberg. Der Amtsrichter, der ihn im Januar 1970 verurteilt hatte, war wenige Wochen später Ziel eines Brandbombenanschlags. Die Aktion wurde der terroristischen Gruppe „Tupamaros München“ zugeschrieben, die zuvor in einem Drohbrief Maschkes Freilassung gefordert hatte.[5]

Auf Vermittlung von Hans Magnus Enzensberger erschien in der edition suhrkamp der von Maschke übersetzte Gedichtband Außerhalb des Spiels von Heberto Padilla.[6] Als Resümee seiner Kuba-Erfahrungen veröffentlichte er eine Darstellung der kubanischen Ökonomie im Kursbuch und in der Reihe Fischer den Essay Kritik des Guerillero (1973). In den folgenden Jahren war er Dozent an der Marineschule von La Punta (Peru), wo er Theorie und Strategie der Partisanenbekämpfung lehrte,[7] sowie als freier Mitarbeiter bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung tätig.[8] Die antirevolutionäre Wende ging einher mit dem Studium des Werkes von Carl Schmitt. Maschke avancierte zu einem Kenner und persönlichen Freund des wegen seines Eintretens für das NS-Regime in der Kritik stehenden Theoretikers. Nach einer publizistischen Kontroverse mit Jürgen Habermas schied Maschke 1985 aus der FAZ-Mitarbeit aus.

Seit seiner Abkehr von der radikalen Linken publizierte Maschke überwiegend in Zeitschriften des rechtskonservativen bis rechtsextremen Umfeldes wie Staatsbriefe, Criticón, Junge Freiheit, Empresas políticas (wo im Jahr 2008 zu seinem 65. Geburtstag eine Sondernummer als Festschrift erschien) oder Etappe, wo er von 1993 an bis zur 20. Ausgabe 2010 als Mitherausgeber fungierte.[9][10] Er veröffentlichte zahlreiche Beiträge, insbesondere zu den Werken von Juan Donoso Cortés und Carl Schmitt. Seine kommentierte Edition von Aufsätzen Carl Schmitts wird zwar als Werk eines „dogmatischen Rechtsauslegers“ bezeichnet,[11] zugleich aber wegen ihres Kenntnisreichtums ernst genommen.[12]

Maschke hatte in seinen letzten Lebensjahren Diabetes-Probleme.[13] Er starb im Februar 2022 im Alter von 79 Jahren in Frankfurt am Main.