MESOP WATCH LIBERTÄR SEIT JOHN HUME & JOHN STUART MILL Was bedeutet intellektuelle Unabhängigkeit? Michel Houellebecq macht es vor

Der französische Schriftsteller lässt sich in keine Schablone pressen. Seine Eigenständigkeit macht ihn zur herausragenden Figur des Geisteslebens in Frankreich. Christian Marty 03.12.2021, NZZ

Wenn intellektuelle Unabhängigkeit darin besteht, auch und besonders gegen das eigene Milieu kritisch zu sein, dann ist Michel Houellebecq die Personifizierung solcher Eigenständigkeit. Hervorragend dokumentiert diese Kritik an der «Intellektuellenkaste» (Michel Onfray) ein Sammelband, welcher unlängst von der namhaften Houellebecq-Expertin Agathe Novak-Lechevalier in der renommierten Schriftenreihe «Les Cahiers de l’Herne» herausgegeben worden ist.

In Aufsätzen über den französischen Autor, in Beiträgen von ihm selber und vor allem in mehreren Interviews mit ihm wird sehr deutlich, dass Houellebecq von den Intellektuellen seines Landes herzlich wenig hält. Er selber sei, so sagt er einmal, um sich deutlich von den rechten, linken und liberalen Vertretern des französischen Intellektuellenmilieus zu distanzieren, «kein Intellektueller». Kein Intellektueller? Was ist er dann?

Auf Distanz zu allen

Sicherlich ist Michel Houellebecq ein «freier Geist» (so auch die Selbstdeutung) mit Hang zur Exzentrik. Nach dem ersten Roman – «Ausweitung der Kampfzone», einer Abrechnung mit dem Kapitalismus – hielten viele den Autor für links; man glaubte, er erneuere die sozialistische Kritik an Profitmaximierung. Seine Reaktion: Er richtete sich gegen die Linke. Nach dem zweiten Roman – «Elementarteilchen», einem Angriff auf die 68er Bewegung – hielten etliche den Schriftsteller für rechts; man dachte, er aktualisiere die reaktionäre Schelte am Hedonismus. Seine Antwort: Er wendete sich gegen die Rechte.

In späteren Arbeiten – so mit polemischer Verve unter anderem in seinem essayistischen Werk – distanzierte er sich schliesslich von Parteinahmen ganz generell: «Ich ergreife keine Partei.» Rechte (vor allem nationalistisch gesinnte) bezeichnete er als «Dreckschweine», Linke (vor allem sozialistisch eingestellte) titulierte er als «Dummköpfe»; auch Liberale (vor allem fortschrittsoptimistische mit Sympathien für die soziale Marktwirtschaft) bekamen ihr Fett weg.

Diese kategorischen (und zuweilen etwas kruden) Abgrenzungen gegenüber politischer Positionierung im Allgemeinen und politischem Gestaltungswillen im Speziellen erwachsen primär, so ist in mehreren Abhandlungen über «das unberechenbare Werk» (Bruno Viard) zu sehen, aus einer skeptischen Haltung gegenüber dem modernen Glauben an die Möglichkeit der Veränderung der Welt. Weil Houellebecq die geschichtsphilosophische Prämisse teilt, dass der Lauf der Geschichte mehr oder minder unabänderlich ist, lehnt er sowohl eine progressive, das Heil in der Zukunft wähnende Politik als auch eine konservative, das Glück in der Vergangenheit suchende Politik ab.

Vielmehr ist er der pessimistischen Ansicht, dass jede Politik, einerlei, ob von linker, rechter oder liberaler Seite, unvermeidlich im Desaster ende. Er geht von der «Unumkehrbarkeit von Verfallsprozessen» aus: «Ja, ich glaube, alles geht zu Ende.» Von Bedeutung ist dieser Standpunkt nicht so sehr, weil er sich stets als richtig erweist. Aber Michel Houellebecq kann sich damit anders positionieren als die grosse Mehrheit der französischen Intelligenz.

Insbesondere dies wird in Anbetracht des lesenswerten Bandes von Novak-Lechevalier ersichtlich: Eine derartige Skepsis gegenüber Phantasien der Machbarkeit – da ähnelt er Autoren wie dem von ihm sehr geschätzten Charles Péguy – gibt diesem Denker die Möglichkeit, Abstand zu wahren zu der Vielzahl von politisch engagierten Intellektuellen aus seinem Umfeld.

Vorzüge der Exzentrik

So kommt es, dass Houellebecq sich nicht einreiht in jene lange Tradition von Émile Zola über Jean-Paul Sartre bis zu Simone de Beauvoir und Bernard-Henri Lévy. Houellebecq hält sich draussen und bleibt «Idiot» im klassischen Sinn des Wortes, also nicht nur eigen, sondern auch unabhängig.

Just diese Kombination aus Individualität und Souveränität ist es, die den Schriftsteller zu einem möglichen Vorbild macht: Houellebecq ist «kein Intellektueller» wie viele andere – seine Fähigkeit zur Distanz ist aussergewöhnlich. Das mag zwar kein letztes Ziel sein, ist jedoch erste Voraussetzung für die Möglichkeit von wenigstens annähernd objektiver Diagnostik gesellschaftlicher Realität. Insofern wäre es nicht das Falsche, sich mit Houellebecqs Exzentrik abzusetzen von den auch hierzulande zahlreichen Intellektuellen, die im Chor mit Gleichgesinnten von der Verbesserung der Welt phantasieren.

Michel Houellebecq. Hrsg. von Agathe Novak-Lechevalier. Aus dem Französischen von zahlreichen Übersetzern. Du-Mont-Verlag, Köln 2021. 592 S., Fr. 59.90.