THEO VAN GOGH: WEIZEN FÜR DIE WELT – ODER NICHT ? : Ukraine verärgert: Türkei lässt russischen Getreidefrachter frei

Von Andreas Mihm FAZ -7.7.2022  – Der Getreidefrachter Zhibek Zholy ist wieder frei. Am vergangenen Wochenende setzte die Türkei einen russischen Frachter mit Tausenden Tonne Getreide an Bord fest, das laut Kiew aus der Ukraine stammt. Nun lässt die Türkei das Schiff wieder frei – zum Unmut der Ukrainer.

Die Türkei hat den am Wochenende auf Verlangen der Ukraine vor der türkischen Küste festgesetzten russischen Getreidefrachter Zhibek Zholy wieder freigelassen. Das Schiff befand sich nach Daten von Internet-Schifffahrtstrackern am Donnerstag auf der Fahrt nach Russland. Die Regierung in Kiew hatte erklärt, die gut 7000 Tonnen Getreide auf dem Schiff stammten aus den von Russland besetzten Gebieten und seien der Ukraine gestohlen worden.

Türkische Beamte hatten zu Wochenbeginn gesagt, sie würden den Fall untersuchen. Russland wiederum hatte dementiert, dass das vor dem türkischen Hafen Karasu ankernde Schiff Diebesgut transportiere, wie auch, dass es dort festgehalten werde.

In Kiew bestellte das ukrainische Außenministerium den türkischen Botschafter ein. „Wir bedauern, dass das russische Schiff Zhibek Zholy, das voll mit gestohlenem ukrainischem Getreide war, den Hafen von Karasu verlassen durfte, obwohl den türkischen Behörden Beweise für kriminelle Aktivitäten vorgelegt wurden“, twitterte der Sprecher des ukrainischen Außenministeriums. Man sei über diese Informationen „sehr enttäuscht“ und erwarte eine umfassende Erklärung für diese „inakzeptable Situation“.

500.000 Tonnen Getreide beschlagnahmt?

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte Russland kürzlich beschuldigt, gelagerte Lebensmittel gestohlen zu haben. Die Invasoren hätten eine halbe Million Tonnen Getreide beschlagnahmt und versuchen, es zu verkaufen. Derweil sind ukrainische Häfen wegen des Krieges blockiert.

Die Getreideausfuhr macht in normalen Zeiten ein Fünftel des Exportvolumens des Landes aus. Das fällt jetzt weitgehend weg. Die Türkei ist ein wichtiger Importeur von Weizen.

Wegen des Lieferausfalls sind die Preise für Weizen und Mais an den Weltmärkten drastisch gestiegen. Die Vereinten Nationen sind über die Nahrungsmittelversorgung in armen Ländern besorgt.

Die Regierung in Kiew behauptet, sie habe der Türkei strafrechtliche Beweise vorgelegt, dass das russische Schiff gestohlenes Getreide geladen habe. Es sei auch nicht zum ersten Mal vorgekommen. Taras Vysotskiy, der erste Stellvertreter des ukrainischen Landwirtschaftsministers, sagte der Agentur Reuters, Kiew schätze, dass etwa 400.000 Tonnen gestohlenes Getreide exportiert worden seien. Der ukrainische Botschafter in der Türkei, Vasyl Bodnar, hatte gesagt, man habe den türkischen Behörden Beweise für die Beteiligung von 13 Schiffen am Transport übermittelt. Drei unter russischer Flagge fahrende Schiffe hatten ukrainische Behörden namentlich genannt.

Deren russische Reederei unterliege den westlichen Wirtschaftssanktionen, die die Türkei allerdings nicht anwendet. Das Land versucht, trotz des Kriegs gutnachbarschaftliche Beziehung zur Ukraine und zu Russland zu unterhalten. Der Ukraine liefert man Kampfdrohnen, aus Russland bezieht die Türkei Gas und Nahrungsmittel. Umgekehrt belieferter die Türkei allein im ersten Halbjahr Obst und Gemüse im Wert von 460 Millionen Dollar nach Russland, kaum weniger als im Vorjahr, wie der Branchenverband der Obst- und Gemüseexporteure der Ägäis mitteilte.

Ukraine besteht auf Sicherheitsgarantien

Derweil wird weiter über sichere Exportrouten für Getreide aus ukrainischen Häfen verhandelt, wobei die Türkei eine Schlüsselrolle innehat. Kiews Außenminister Dmytro Kuleba sagte der Agentur Bloomberg, die Gespräche konzentrierten sich auf Lieferrouten und Sicherheitsvorkehrungen für Frachtschiffe. „Wir sind nur ein paar Schritte vom Deal entfernt, aber diese Schritte sind die schwierigsten. Ich möchte mich nicht dem Chor derer anschließen, die sagen, dass wir nächste Woche eine Vereinbarung haben“, sagte Kuleba.

Es gebe bisher keine Einigung über die Sicherung von Odessa, den größten Seehafen der Ukraine, vor russischen Angriffen sowie über ausländische Begleitschiffe, die Frachter mit nichtmilitärischen Ladungen bewachen. „Wir brauchen feste Garantien“, sagte der Minister und äußerte sich zugleich skeptisch darüber, ob Moskau zu einer Einigung überhaupt bereit sei.