THEO VAN GOGH: US BANKEN WERDEN ÜBERLEBEN – DEUTSCHE KAUM !

Ein Hauch von Lehman – Inflation, Rezession und der Krieg in Europa sind ein toxisches Gemisch für die Banken. Stehen wir vor einer neuen Finanzkrise?

  • VON  FEHR, M. FRÜHAUF, 11-10.22 FAZ – Wenn man dieser Tage mit Bankern spricht, klingt es, als bereiteten sie sich auf eine Arktisexpedition vor. Die Gemengelage aus dem Krieg in der Ukraine, den rasant gestiegenen Energiepreisen, den schnell steigenden Zinsen und der hohen Inflation bieten jede Menge Gefahren für das Kreditbuch und das sonstige Geschäft der Banken
  • – doch keiner weiß, wo es am Ende wie schlimm wird. „Es könnte ein perfekter Sturm werden, der sich da zusammenbrodelt“, sagt die oberste Risikomanagerin einer großen deutschen Bank. Sehr viel öfter als in normalen Zeiten lasse sie sich derzeit von den unterschiedlichen Abteilungen über die aktuelle Lage unterrichten, lasse verschiedene Szenarien durchrechnen, um möglichst früh zu sehen, wo welche Risiken schlummern.

Der Chef einer anderen Bank – der ebenso wie viele andere nicht namentlich genannt werden will – sagt, er sei seit mehr als 30 Jahren im Bankgeschäft. Aber dass so viele Großereignisse gleichzeitig eintreten, das habe er noch nie erlebt. Wenn ihm derzeit ein Mitarbeiter versichere, „wir haben das alles im Griff“, werde er schon misstrauisch.

Ein führender Firmenkundenbanker sagt, er habe noch nie so ausführlich Zeitung und die Berichte aus der eigenen Research-Abteilung gelesen wie in den vergangenen Monaten – schlicht weil jede Nachricht für das eigene Geschäft relevant werden kann.

Kreditausfälle in Schüben

Angesichts der vielen Krisenherde fällt es den Banken derzeit schwer, die Risiken ihrer Kunden einzuschätzen; das aber ist in der Kreditvergabe höchst relevant. Er führe aktuell reihenweise Einzelgesprächen mit Unternehmern, in denen er und seine Kollegen versuchen, die Verwundbarkeit ihrer Kunden einzuschätzen, berichtet der Firmenkundenbanker. Ganz oben auf der Checkliste stehe, wie energieintensiv die Unternehmen sind. Aber hinzu kommen andere Fragen: Wie gut können sie gestiegene Kosten an ihre Kunden weitergeben? Welche Möglichkeiten haben sie, Produktion in andere Länder zu verlagern, in denen Energie nicht ganz so teuer ist wie in Deutschland?

Unterm Strich begünstigt das große internationale Konzerne gegenüber Mittelständlern und kleinen Betrieben. Das könnte erklären, warum in Großbanken wie der Deutschen Bank und der Commerzbank derzeit mehr Gelassenheit herrscht als in kleineren Instituten, die eben auch kleinere Kreditkunden haben.

In den Banken kommen die Rezessionsgefahren und das Risiko von Kreditausfällen in Schüben an. In den Fokus der Risikokontrolle rücken zunächst Unternehmen, die sich etwa durch Zukäufe kürzlich ungewohnt stark verschuldet haben. Bei bonitätsstarken Unternehmen beobachtet ein Bankvorstand dagegen auch schon, dass Kreditlinien stärker ausgeschöpft werden. Der Höhepunkt der Kreditausfälle für den Bankensektor erwartet etwa Thomas Groß, der Vorstandschef der Landesbank Hessen-Thüringen, dann für die Jahre 2023 und 2024. Darauf bereiten sich die Banken in unterschiedlicher Form vor.

Auslandsbanken, die vor allem bonitätsstarkes Großkundenkreditgeschäft betreiben, erwecken den Eindruck, als ginge ihre Kreditvergabe unverändert weiter – womöglich auch, weil man auf die Verhinderung von Unternehmensinsolvenzen durch Staatsmaßnahmen baut. Zurückhaltend sind Banken allerdings dem Vernehmen nach schon bei der riskanteren Finanzierung von Unternehmenskäufen. Der chinesische Finanzinvestor Fosun, der bekannt ist als Eigentümer des Club Med und des Bankhauses Hauck & Aufhäuser, will nach einer Ratingherabstufung durch Moody’s auf „B1“ seine Schulden verringern.

Fettpolster anlegen

Um sich gegen die Gefahr hoher Kreditausfälle in den Jahren 2023 und 2024 zu wappnen, legen die Banken selbst in sehr unterschiedlicher Form „Fettpolster“ an. Die Bilanzposition „Risikovorsorge“ sei im Branchenvergleich so schwer zu vergleichen wie selten, sagen Fachleute über die Bilanzpolitik der einzelnen Institute. Die Deutsche Bank etwa hielt sich zum ersten Halbjahr noch auffallend zurück. Nachdem sie im Vorjahr noch in der Corona-Pandemie gebildete Vorsorgepositionen aufgelöst hatte, stellte die Deutsche Bank im ersten Halbjahr 2022 wieder 233 Millionen Euro für Kreditausfälle zurück. Analysten hatten mit deutlich mehr, nämlich mit einem Risikovorsorgebedarf von 1,3 Milliarden Euro gerechnet, doch Finanzvorstand James von Moltke sagte, er erwartet in diesem Jahr noch keine großen Belastungen.

Auch Deutschlands zweitgrößte private Bank, die genossenschaftliche DZ Bank, sah zur Jahresmitte noch keine Verschlechterung ihres Kreditbuchs, die sie zu deutlich mehr Risikovorsorge gezwungen hätte. Aber sie nahm vorsorglich 270 Millionen Euro Pauschalwertberichtigungen („Adjustments“) auf Kredite vor. Gleichzeitig habe es sich nicht mehr rechtfertigen lassen, Vorsorgepositionen aus der Corona-Pandemie in etwa gleicher Größenordnung nicht aufzulösen. Einen anderen Weg wählte die Commerzbank. Die für den deutschen Mittelstand wohl wichtigste Bank hielt an ihrem mit 500 Millionen Euro gut gefüllten Topf für bisher nicht eingetretene Corona-Ausfälle fest und legte im ersten Quartal 2022 noch den hohen Betrag von 700 Millionen Euro als Pauschalwertberichtigung für Kredite obendrauf.

Zudem kalkuliert die Commerzbank im Jahr 2022 mit einer konkreten Kreditnehmern zurechenbaren weiteren Risikovorsorge von noch einmal bis zu 700 Millionen Euro. Damit scheint die Commerzbank das deutsche Kreditinstitut zu sein, das sich am frühesten für die vermutlich bevorstehende Rezession wappnet. Die Risikovorsorge geht zulasten des Gewinns.

Baufinanzierungen unter Druck

Doch nicht nur bei Unternehmenskunden drohen Kreditausfälle. Der starke Anstieg, vor allem der Energiekosten, bei gleichzeitig schnell steigenden Zinsen könnte auch in der Baufinanzierung zu erheblichen Problemen führen. Erste Banken und Sparkassen berichten schon, dass das Neugeschäft komplett eingebrochen sei. „Die Kreditnehmer gehen uns insbesondere im Bereich der Immobilienfinanzierung aus. Da sehen wir jeden Tag Träume platzen“, sagt Liane Buchholz, Präsidentin des Sparkassenverbandes Westfalen-Lippe im Gespräch.

Auch bei der ING-Diba , einem der größten Baufinanzierer in Deutschland, verzeichnet man Bremsspuren. „Das Neugeschäft ist deutlich zurückgegangen“, berichtet Nick Jue, der die Direktbank leitet. Von 2 auf 4 Prozent hat die Bank ihre auf zehn Jahre festgeschriebenen Bauzinsen in den vergangenen Monaten erhöht. „Dass die Zinsen so schnell steigen, ist noch nie da gewesen“, sagt Finanzvorstand Norman Tambach zur Zinswende der Notenbanken. „Darauf müssen wir schnell reagieren, sonst machen wir Verluste.“

Risikoaufschläge steigen

Dass die Lage ernst ist, merkt man auch daran, dass Banker wieder viel von „Hedging“ sprechen, also der Absicherung der Geschäfte. Freilich hält jeder Banker sein eigenes Haus für gut „ge­hedget“; aber mancher Konkurrent habe das in den Zeiten niedriger Zinsen und billigen Geldes doch arg vernachlässigt, heißt es nun hinter vorgehaltener Hand. Wie groß die Nervosität an den Märkten ist, erlebt vor allem die Schweizer Großbank Credit Suisse derzeit hautnah. Der Aktienkurs ist nur noch ein Schatten seiner selbst. Die Risikoaufschläge für die Kreditabsicherungen (CDS) sind in den vergangenen zwölf Monaten zudem deutlich gestiegen. Für den Zeitraum von fünf Jahren liegt die Prämie für Credit Suisse derzeit bei 3,67 Prozentpunkten.

Damit kostet die Absicherung einer Forderung von einer Million Euro gegen die Bank eine jährliche Prämie von 36 700 Euro. Vor einem Jahr mussten nur 6100 Euro gezahlt werden. Am Wochenende um den 2. Oktober machten in den sozialen Netzwerken sogar Gerüchte die Runde, die Bank stünde vor dem Kollaps.

Allzu viel Hilfe dürften die Banken insgesamt nicht erwarten. Der oberste Bankenaufseher der Europäischen Zentralbank (EZB), Andrea Enria, hatte vor wenigen Tagen auf die steigenden Kreditrisiken hingewiesen. Sich wieder auf breite staatliche Rettungsprogramme wie in der Corona-Pandemie zu verlassen, davon rät der Chef der EZB-Bankenaufsicht ab.

Erinnerungen an Subprime

Die Zinsen steigen, die Wirtschaft schwächelt, und der jahrelange Immobilienboom kühlt ab. All das weckt düstere Erinnerungen an die Subprime-Krise in den USA, die 2008 in der Pleite der Wall-Street-Bank Lehman Brothers gipfelte und sich zu einer internationalen Finanzmarktkrise ausweitete. Subprime, so heißt eine Nische des Immobilienmarktes für Kunden mit schwacher Bonität: Menschen ohne nennenswerte Ersparnisse und mit schlecht bezahlten, unsicheren Jobs. Dass auch sie sich ein Häuschen oder eine Wohnung leisten konnten, galt seinerzeit als Erfüllung des amerikanischen Traums. Die sprichwörtlichen

Doch wenn Schuldner reihenweise ausfallen, rächt sich die durch billiges Geld und niedrige Zinsen geweckte Spendierfreudigkeit der Banken. Wiederholt sich das nun in Europa und Deutschland?

Auch hier haben Privathaushalte mit wenig Eigenkapital üppige Kredite zu niedrigen Zinsen erhalten und die Haus- und Wohnungspreise in die Höhe getrieben. Befeuert hat den Boom die expansive Geldpolitik des Eurosystems mit rekordniedrigen Leitzinsen, mit der die unter hohen Staatsschulden ächzende Währungsunion zusammengehalten werden musste. Der Kurswechsel der Geldpolitik wird nun für die Immobilieneigner zum Problem, die ihre Hypothekenkredite noch nicht abbezahlt haben.

„Es braut sich etwas zusammen“

Denn nach üblicherweise zehn Jahren legen die Banken die Zinsen für den Rest der Kreditlaufzeit neu fest. Und diese werden nun deutlich höher sein, was sich nicht mehr jeder leisten kann, zumal steigende Heizkosten Hauseigentümer zusätzlich unter Druck setzen. Der Anteil notleidender Immobilienkredite in Bankbilanzen könnte dadurch steigen. Die Bonitätsauskunft Schufa, die Banken und Unternehmen vor kreditunwürdigen Kunden warnen soll, registriert einen Anstieg der Verbraucherkredite mit Zahlungsschwierigkeiten um 20 Prozent. „Da braut sich etwas zusammen“, warnt Schufa-Chefin Tanja Birkholz. Der starke Anstieg liegt allerdings auch daran, dass es im vergangenen Jahr außergewöhnlich wenig Zahlungsprobleme gab. Doch ist laut Schufa zuletzt auch der Anteil der Verbraucher gestiegen, die einen Kredit brauchten, um ihre gewohnten Lebenshaltungskosten zu bezahlen.

Fachleute erwarten mehr Privatinsolvenzen und Zwangsversteigerungen von Wohnimmobilien. So hat auch die historische Subprime-Krise angefangen. Die muss sich nicht zwingend wiederholen, weil seither Brandmauern im internationalen Finanzsystem eingezogen wurden, die eine Ansteckung vermeiden sollen. Die Lehren aus der alten Krise haben allerdings auch dazu geführt, dass in der EU die Möglichkeiten stark beschränkt wurden, Banken mit Steuergeld zu retten, ohne deren Investoren mit bluten zu lassen. Man kann nur hoffen, dass Banker und Investoren deshalb vorsichtiger geworden sind und Risiken reduziert haben.

Risiken für die Stabilität der Banken können auch aus der Straffung der Geldpolitik durch die Notenbanken entstehen. Und zwar nicht nur für den Fall, dass es zu Turbulenzen rund um Staatsanleihen hoch verschuldeter Länder oder am Immobilienmarkt kommen sollte. Sascha Steffen, Finanzprofessor der Frankfurt School of Finance &Management, hat unlängst mit einem Aufsatz für Aufsehen gesorgt, in dem er vor Liquiditätskrisen warnt. Das Zurückfahren der Zentralbankbilanzen sei mit Risiken verbunden, die noch nicht ausreichend gesehen würden.

Mit den Anleihekäufen hätten die Notenbanken Liquidität, also Geld, in das Finanzsystem gepumpt. „Man hätte erwarten können, dass mit dieser Zunahme von Liquidität im Gegenzug die Einlagen bei den Banken steigen, die dann beim Entzug von Liquidität durch die Notenbank einfach wieder verringert werden können“, sagt Steffen. „Unsere Untersuchungen zeigen aber, dass dieser Vorgang nicht so passiert ist, wie man das hätte erwarten können.“ Auffällig zugenommen hätten hingegen die sogenannten Kreditlinien – das sind gleichsam Versprechen von Banken an Unternehmen, dass diese bei Bedarf zu einem vorher vereinbarten Zinssatz ohne weitere Prüfung einen Kredit erhalten. Damit bestätigt Steffen die Aussage eines Bankvorstandes, dass Kreditlinien, von denen er nie erwartet hätte, dass sie gezogen werden, jetzt doch in Anspruch genommen werden.

Mit diesen Kreditlinien seien nun Risiken für die Phasen verbunden, in denen die Zentralbanken den Märkten Liquidität entzögen, folgert Steffen. Die Phase um das Corona-Jahr 2020 habe gezeigt, dass es passieren könne, dass in Krisen viele Unternehmen gleichzeitig die versprochenen Kredite tatsächlich in Anspruch nehmen wollten, sagt Steffen: „Aus unserer Sicht ist es zumindest wichtig, zu berücksichtigen, dass es aus solchen Gründen zu Liquiditätskrisen im Bankensystem kommen kann, wenn die Notenbanken ihre Bilanzen verkürzen.“