THEO VAN GOGH SOCIETY : EVA MENASSE & DIE ANTISEMITISMUS ONTOLOGIE

Eva Men­as­se on Fire: „Die An­ti­se­mi­tis­mus-De­bat­te ist ei­ne fehl­ge­lei­te­te, hys­te­ri­sche Pein: War­um end­lich Schluss sein muss mit ei­ner Sym­bol­po­li­tik, die vom Kampf ge­gen Hass und rea­le Straf­ta­ten ab­lenkt.“

(Ein galliger Kommentar der deutsch-österreichischem Schriftstellerin zum unerträglichen Gratis-Moralismus und der gefährlich kulturfeindlichen Zensur-Wut (jüngster Fall: die documenta) der Politkommissare und Hohepriester des deutschen Feuilletons in der aktuellen ZEIT, von dem man sich fast jeden Satz einrahmen und nicht nur den genannten Antisemitismus-Beauftragten, sondern auch manchem ehemaligen Kollegen über den Schreibtisch hängen möchte) :

 

„Die deut­sche An­ti­se­mi­tis­mus-De­bat­te ist vol­ler Auf­ge­reg­ter, die ein­an­der in Sym­bol­po­li­tik über­bie­ten. Al­le an­de­ren – die durch­aus da­für sen­si­bi­li­sier­te Öf­fent­lich­keit eben­so wie ganz nor­ma­le Ju­den, die kei­ne Funk­ti­ons­trä­ger oder Mei­nungs­füh­rer sind – ha­ben sich längst frus­triert ab­ge­wandt. Viel­leicht hat den ei­nen oder an­de­ren selbst schon die An­ti­se­mi­tis­mus-Keu­le ge­trof­fen, das kann auch Ju­den pas­sie­ren. Die Sym­bol­po­li­ti­ker sind, wäh­rend sie durch die Are­na fe­gen, nicht sehr be­hut­sam.

Gibt es (kru­den, bru­ta­len, le­bens­ge­fähr­li­chen) An­ti­se­mi­tis­mus? Ja, und nicht zu knapp. Er ist, wie al­ler Hass, dank der aso­zia­len Me­di­en ex­po­nen­ti­ell ge­wach­sen. Wä­ren wir nicht so zu­ge­dröhnt von da­ten­klau­en­den Gra­tis-Apps, müss­ten wir uns fra­gen, war­um wir ei­nen Aus­bruch von phy­si­scher und psy­chi­scher Ge­walt hin­neh­men, wie er seit dem Schwarz­pul­ver nicht von ei­ner Er­fin­dung al­lein ver­ur­sacht wor­den ist. Ne­ben Di­gi­tal­kar­tel­len pro­fi­tie­ren vor al­lem Per­so­nen­schüt­zer: Von Lo­kal­po­li­ti­kern über Uni­ver­si­täts­pro­fes­so­ren bis zu Ka­ba­ret­tis­ten und Vi­ro­lo­gen wächst ra­sant die Grup­pe von Men­schen, die sich von Gun­men be­glei­ten las­sen und ih­re Adres­sen ge­heim hal­ten müs­sen.

Aber nicht nur der ver­viel­fäl­tig­te Hass (der di­rekt zu Ver­bre­chen wie in Kas­sel, Ha­nau, Hal­le führt) ex­plo­diert uns un­ter der Hand, son­dern auch ein völ­lig ir­re­ge­gan­ge­ner Mo­ra­lis­mus aus ähn­lich trüb-di­gi­ta­len Quel­len. Klei­ne Grup­pen von ri­go­ro­sen Ein­peit­schern ha­ben den Dis­kurs in wei­ten Tei­len un­ter ih­re Kon­trol­le ge­bracht und ihr Pu­bli­kum in­fi­ziert, das nun selbst im Na­men von heh­ren Be­grif­fen wie »Gleich­be­rech­ti­gung«, »Di­ver­si­tät« oder eben »Kampf ge­gen An­ti­se­mi­tis­mus« ein ma­ß­lo­ses, un­ver­söhn­li­ches und be­droh­li­ches Ver­hal­ten an den Tag legt. Zu ih­nen ge­hört das »Kas­se­ler Bünd­nis ge­gen An­ti­se­mi­tis­mus«, das den an­geb­li­chen Do­cu­men­ta-Skan­dal um ver­meint­lich an­ti­se­mi­ti­sche Hal­tun­gen un­ter zur Do­cu­men­ta ein­ge­la­de­nen Künst­lern los­ge­tre­ten hat. Des­sen »Re­cher­chen« wur­den von Qua­li­täts­me­di­en wie der ZEIT über­nom­men und breit dis­ku­tiert (ZEIT Nr. 3/22). Da es ge­gen An­ti­se­mi­ten geht, wird’s schon un­ge­fähr stim­men, oder?

Über­all, auch bei Me­Too und Black Lives Mat­ter, sind die De­bat­ten in­zwi­schen kom­plett ent­gleist. Vie­le Teil­neh­mer ha­ben sich vom prag­ma­ti­schen An­satz (»Wo ist das Pro­blem, und wie kann man es lö­sen?«) in den re­li­giö­sen Wahn ver­ab­schie­det. Das ist die über­zeu­gen­de The­se des ame­ri­ka­ni­schen Lin­gu­is­ten John McWor­ther, der mit Die Er­wähl­ten – Wie der neue An­ti­ras­sis­mus die Ge­sell­schaft spal­tet das Buch zur Stun­de ge­schrie­ben hat (Hoff­mann und Cam­pe, 23,- Eu­ro). Sei­ne Ana­ly­sen las­sen sich bruch­los auf Deutsch­land über­tra­gen: Er be­schreibt Gläu­bi­ge und Ket­zer, Glau­bens­be­kennt­nis­se, In­qui­si­to­ren und He­xen­ver­bren­nun­gen. Nichts da­von hel­fe, so McWor­ther, das Le­ben schwar­zer Ame­ri­ka­ner zu ver­bes­sern (sie­he auch das In­ter­view mit ihm im ZEIT­ma­ga­zin die­ser Aus­ga­be). Ähn­li­ches gilt für die Ju­den in Deutsch­land.

Schau­en wir uns die Mann­schaft der hie­si­gen Pries­ter ge­gen den An­ti­se­mi­tis­mus an. Sie ist in den letz­ten Jah­ren so an­ge­wach­sen wie die Cha­nuk­ka­leuch­ter im öf­fent­li­chen Raum, und sie ist zu­min­dest po­li­tisch vor­bild­lich di­vers. Die Spie­ler rei­chen von weit rechts, der is­la­mo­pho­ben Sprin­ger-Pres­se mit ih­rer Re­dak­ti­ons­prä­am­bel, die Is­ra­el und »die Ju­den« so un­sau­ber ver­mischt, über das FAZ-Feuil­le­ton, das sich im In­qui­si­to­ren­ton of­fen­bar noch im­mer vom His­to­ri­ker­streit der Acht­zi­ger­jah­re rein­zu­wa­schen ver­sucht, wei­ter über fu­rio­se Lin­ke und Ex-Lin­ke in ZEIT, taz, Spie­gel (die al­le so wohl deut­sche Schuld ab­tra­gen wol­len) bis zu den über vie­le On­line-Re­dak­tio­nen ver­teil­ten so­ge­nann­ten An­ti­deut­schen (et­wa »Per­len­tau­cher« und »Ruhr­ba­ro­ne« – Letz­te­re ma­chen Wit­ze über die Ver­nich­tung von Ga­za). Das sind ehe­mals ra­di­ka­le Lin­ke, die, an­fangs im eh­ren­wer­ten Dis­sens mit lin­kem An­ti­se­mi­tis­mus/An­ti­im­pe­ria­lis­mus, seit der Wie­der­ver­ei­ni­gung »deut­schen Na­tio­na­lis­mus« ab­leh­nen – zu­guns­ten ei­ner blin­den Ver­eh­rung des is­rae­li­schen. Sie al­le gei­ßeln mit schärfs­ten Wor­ten An­ti­se­mi­tis­mus, wo sie ihn ent­de­cken, al­so fast über­all.

Nun hat Deutsch­land auf­grund sei­ner Ge­schich­te zwei­fel­los ei­ne be­son­de­re Ver­pflich­tung. Die­se ver­langt aber wohl auch, die Ver­nunft zu wah­ren und al­le Sei­ten zu hö­ren. Das ist nicht der Fall. Es klingt wie ein Witz, ist aber wahr: Die is­rae­li­sche Pres­se ist viel­fäl­ti­ger, die ame­ri­ka­ni­sche so­wie­so. Jü­di­sche Stim­men, die die is­rae­li­sche Sied­lungs- oder Be­sat­zungs­po­li­tik kri­ti­sie­ren, wer­den in Deutsch­land so­fort dif­fa­miert (»jü­di­scher Selbst­hass«, »be­kann­ter An­ti­zio­nist«, »nicht jü­disch ge­nug«). Eben­so we­nig wird – au­ßer auf sach­li­chen Au­ßen­po­li­tik-Sei­ten – das er­bärm­li­che Leid der Pa­läs­ti­nen­ser the­ma­ti­siert. Als jü­di­sche und is­rae­li­sche Schrift­stel­ler in Köln ei­ne An­tho­lo­gie (un­ter an­de­rem mit Tex­ten von Mi­cha­el Cha­bon, As­saf Gav­ron, Ar­non Grün­berg) über das Le­ben un­ter is­rae­li­scher Be­sat­zung vor­stell­ten, ver­teil­ten em­pör­te deut­sche Ak­ti­vis­ten Flug­blät­ter ge­gen die­se »an­ti­se­mi­ti­sche und an­ti­zio­nis­ti­sche Ver­an­stal­tung«. Da läuft doch ir­gend­et­was schief.

Beim Kampf ge­gen straf­recht­lich re­le­van­ten An­ti­se­mi­tis­mus hin­ge­gen bringt Deutsch­land bis­her kaum den po­li­ti­schen Wil­len auf, den Her­bert Reul, In­nen­mi­nis­ter von NRW, ge­gen Kin­der­por­no­gra­fie so ein­drucks­voll be­wies: or­dent­li­che Po­li­zei­ar­beit, ent­schlos­se­ne Straf­ver­fol­gung, schnel­le Pro­zes­se. Kein an­ti­se­mi­ti­scher Blog­ger, kei­ne ju­den­feind­li­che Grup­pe auf Te­le­gram dürf­te sich si­cher füh­len. Und ei­ne Staats­an­walt­schaft wie in Cott­bus, die trotz An­zei­gen mo­na­te­lang nichts ge­gen ei­nen Het­zer wie At­ti­la Hild­mann un­ter­nimmt, müss­te aus­ge­tauscht wer­den.

Die En­er­gie spart man lie­ber für ei­nen Kul­tur­kampf vol­ler Lei­den­schaft und Pro­vin­zia­li­tät. Als im März 2021 die von Ge­lehr­ten aus ver­schie­de­nen Län­dern er­ar­bei­te­te »Je­ru­sa­le­mer Er­klä­rung« mit ih­rer Neu­de­fi­ni­ti­on von An­ti­se­mi­tis­mus vor­ge­stellt wur­de (sie möch­te ihn prä­zi­ser von le­gi­ti­mer po­li­ti­scher Kri­tik un­ter­schei­den), ver­spot­te­te ein deut­scher Chef-Feuil­le­to­nist die drei­ein­halb hie­si­gen Un­ter­zeich­ner – die il­lus­tre, in­ter­na­tio­nal re­nom­mier­te Rie­ge der Ver­fas­ser schien er gar nicht zu ken­nen. Es gibt hier kei­fen­de Kom­men­ta­to­ren, die noch nie in den be­setz­ten Ge­bie­ten wa­ren und dort auch nicht hin­wol­len (vor Jah­ren ver­such­ten die deutsch-jü­di­sche Men­schen­rechts­ak­ti­vis­tin Ni­rit Som­mer­feld und ich ver­geb­lich, ei­ne Art Bil­dungs­rei­se für die wich­tigs­ten Feuil­le­tons zu or­ga­ni­sie­ren) und die von der Band­brei­te der in­ter­na­tio­na­len Dis­kus­si­on kei­ne Ah­nung ha­ben. Sie hät­ten wohl schlaf­lo­se Näch­te, wenn sie er­füh­ren, dass Trump und sei­ne evan­ge­li­ka­len Chris­ten Fi­nan­ziers der ra­di­ka­len Sied­ler­be­we­gung sind oder dass 25 Pro­zent der US-ame­ri­ka­ni­schen Ju­den Is­ra­el für ei­nen »Apart­heid­staat« hal­ten – die US-Ju­den müs­sen nicht recht ha­ben, es wür­de aber die deut­sche Hys­te­rie rund um den Be­griff »Apart­heid« ein we­nig auf den Bo­den ho­len, nicht wahr? Oder wenn sie wüss­ten, dass die meis­ten mo­de­ra­ten Pa­läs­ti­nen­ser mit der BDS-Be­we­gung (Boy­cott, Di­ve­st­ment, Sanc­tions) sym­pa­thi­sie­ren, denn die we­ni­ger mo­de­ra­ten sind halt für Ha­mas.

Zu un­gu­ter Letzt gibt es die An­ti­se­mi­tis­mus­be­auf­trag­ten, Sym­bol­po­li­ti­ker schlecht­hin. Ei­ner for­dert, Jid­disch als Min­der­hei­ten­spra­che an­zu­er­ken­nen (An­zahl der Spre­cher ten­diert ge­gen null), und be­schimpft auf Twit­ter sei­ne jü­di­schen Geg­ner (tä­te er es zu­min­dest auf Jid­disch!), ein zwei­ter pos­tet Fo­tos von sich in is­rae­li­scher Po­li­zei­uni­form, ein drit­ter er­stellt lan­ge Lis­ten an­geb­lich an­ti­se­mi­tisch kon­ta­mi­nier­ter Stra­ßen­na­men in Ber­lin und hat da­für vom In­ten­dan­ten der Ko­mi­schen Oper, Bar­rie Kos­ky, den ver­dien­ten Spott kas­siert. Aber wird ihn das ab­hal­ten, den Olof-Pal­me-Platz und die Fon­ta­n­e­stra­ße um­zu­be­nen­nen? Ein vier­ter schlie­ß­lich, Bun­des­be­auf­trag­ter der letz­ten Re­gie­rung, hat sich mit ei­nem ty­pisch deut­schen Krampf-Satz un­sterb­lich ge­macht: »Po­li­tisch eher links ste­hen­de Is­rae­lis« mö­gen doch bit­te »ei­ne ge­wis­se Sen­si­bi­li­tät für die his­to­ri­sche deut­sche Ver­ant­wor­tung ha­ben«.

In gu­ten Mo­men­ten kann ich das fast lus­tig fin­den, vor al­lem den du­de in is­rae­li­scher Uni­form. So­gar, dass es die AfD war, die 2019 ei­nen ers­ten An­ti-BDS-Vor­schlag im Bun­des­tag ein­brach­te. Was müs­sen die an­de­ren er­schro­cken ge­we­sen sein, als sie von die­ser mas­si­ven Ge­fähr­dung deut­scher Mo­ral aus­ge­rech­net durch Bea­trix von Storch er­fuh­ren! Ab dann wird die Ge­schich­te lei­der bit­ter. Die Mehr­heit aus CDU/CSU, SPD, FDP und Grü­nen hat nicht be­dacht, was sie dann mit ih­rer An­ti-BDS-Re­so­lu­ti­on an­ge­rich­tet hat. Viel­mehr hiel­ten sich die Ab­ge­ord­ne­ten für Hel­den.

Die­ser Po­panz von Re­so­lu­ti­on hat die letz­ten Res­te von Ver­nunft zer­stört; als AfD­ler wä­re ich mit dem Er­geb­nis zu­frie­den. Sie ist zwar recht­lich nicht bin­dend, hat bei Kul­tur­ver­an­stal­tern aber wie be­ab­sich­tigt Angst und Schre­cken aus­ge­löst. Öf­fent­lich ein An­ti­se­mit ge­nannt zu wer­den, weil ein ein­ge­la­de­ner Künst­ler frü­her mal für BDS war oder dar­über dis­ku­tie­ren will, ist in Deutsch­land gleich­be­deu­tend mit dem Vor­wurf der Kin­der­schän­dung. Nein, ich über­trei­be nicht. Ei­ner ruft BDS, und al­le an­de­ren krei­schen, so ge­ra­de wie­der in Sa­chen Do­cu­men­ta. Zwar ha­ben sich da­mals die grö­ß­ten und wich­tigs­ten Kul­tur- und Wis­sen­schafts­in­sti­tu­tio­nen (Goe­the-In­sti­tut, Haus der Kul­tu­ren der Welt, Mo­ses-Men­dels­sohn-Zen­trum, Wis­sen­schafts­kol­leg, Zen­trum für An­ti­se­mi­tis­mus­for­schung, Bun­des­kul­tur­stif­tung und vie­le mehr) zur »In­itia­ti­ve Welt­of­fen­heit« zu­sam­men­ge­schlos­sen. So woll­ten sie vor den Fol­gen die­ser schäd­li­chen, Mc­Car­thy-haft schnüf­feln­den Re­so­lu­ti­on war­nen, die ih­re Kul­tur­ar­beit enorm ver­kom­pli­ziert, aber kei­ne ein­zi­ge an­ti­se­mi­ti­sche Straf­tat ver­hin­dert. Sie ern­te­ten: Kon­takt­schuld.

Denn das Feuil­le­ton fiel fast ge­schlos­sen über »Welt­of­fen­heit« her und hat – das ist die ka­ta­stro­phals­te Fol­ge – da­mit al­le se­riö­sen Ex­per­ten, die Deutsch­land ja be­sitzt und ge­ra­de so drin­gend brau­chen wür­de (Nah­ost-er­fah­re­ne Kul­tur­ver­mitt­ler, re­nom­mier­te An­ti­se­mi­tis­mus- und Ras­sis­mus­for­scher), mit ei­nem Streich aus dem Spiel ge­nom­men. Wer an »Welt­of­fen­heit« teil­nahm, gilt seit­her als über­führ­ter BDS-An­hän­ger, man le­se es beim »Kas­se­ler Bünd­nis« nach. Auch des­halb dür­fen nun auf mit­tel­al­ter­li­che Plas­tik spe­zia­li­sier­te Kunst­his­to­ri­ker über Din­ge schrei­ben, von de­nen sie nichts ver­ste­hen. Als Nächs­tes wer­den sie in Ar­chi­ven wüh­len. Ich ge­be den sar­do­ni­schen Tipp gern: Man wird dort be­stimmt be­rühm­te Künst­ler mit BDS-Sym­pa­thi­en fin­den, die schon bei der Do­cu­men­ta aus­ge­stellt ha­ben. Wem ist da­mit ge­hol­fen?

Die BDS-Be­we­gung, ge­wiss in Tei­len an­ti­se­mi­tisch (Zi­tat Eva Ill­ouz: »Das ist die bri­ti­sche La­bour Par­ty auch«), ist für die deut­sche De­bat­te voll­kom­men ir­rele­vant. Sie fun­giert als Ho­kus­po­kus, dem man öf­fent­lich ab­schwö­ren muss, wor­über man se­lig ver­ges­sen kann, dass nach al­len Kri­mi­nal­sta­tis­ti­ken min­des­tens 90 Pro­zent al­ler an­ti­se­mi­ti­schen Straf­ta­ten von rechts­ra­di­ka­len deut­schen Na­zis ver­übt wer­den. Straf­ta­ten, folks, An­grif­fe und Kör­per­ver­let­zung, kein Li­te­ra­tur­haus- oder Ver­nis­sa­ge-Ge­plau­der! Aber weil de­ren Ver­fol­gung so viel schmut­zi­ger und kom­pli­zier­ter ist, bleibt es beim tu­gend­be­sof­fe­nen Rau­nen. In Ber­lin wur­den ge­ra­de neue Pla­ka­te vor­ge­stellt, ein Hör­saal ist zu se­hen, der Text lau­tet: »Das ist An­ti­se­mi­tis­mus – und kei­ne The­se!« Ja, wir ha­ben si­cher noch zu we­nig De­nun­zia­ti­on und Spal­tung an den iden­ti­täts­po­li­tisch ge­schüt­tel­ten Unis, vie­len Dank auch.

In der halb­wegs nor­ma­len Welt, von der ich manch­mal noch träu­me, dis­ku­tie­ren wie frü­her Wis­sen­schaft­ler und Künst­ler in ge­schütz­ten Räu­men über Kunst und Po­li­tik, mei­net­we­gen so­gar über BDS, aber dann au­to­ma­tisch auch über die pa­läs­ti­nen­si­sche Zi­vil­be­völ­ke­rung, die täg­lich von ge­walt­tä­ti­gen Sied­lern ter­ro­ri­siert wird, mit de­nen sich nicht mal An­ti­deut­sche ver­brü­dern wür­den. Jour­na­lis­ten re­cher­chie­ren und wä­gen ab, un­ge­hetzt vom In­ter­net. All das schö­ne Geld der An­ti­se­mi­tis­mus-Be­auf­trag­ten be­kommt Her­bert Reul als neu­er Bun­des­be­auf­trag­ter für di­gi­ta­le und ana­lo­ge Hass­ver­bre­chen. Dann wür­de end­lich das Wich­ti­ge vom Un­wich­ti­gen ge­trennt, der Be­griff »An­ti­se­mi­tis­mus« könn­te wie­der klei­ner und prä­zi­ser, der vom Ju­den­tum grö­ßer und kul­tu­rel­ler ge­macht wer­den. Aber klar, dream on – statt­des­sen der BDS-Ab­wehr­zau­ber.“

 

Eva Men­as­se, ge­bo­ren 1970 in Wien, ist ei­ne der be­deu­tends­ten deutsch­spra­chi­gen Schrift­stel­le­rin­nen. Für ih­ren ak­tu­el­len Ro­man »Dun­kel­blum« er­hielt sie 2021 den Bru­no-Krei­sky-Preis. Sie lebt in Ber­lin