THEO VAN GOGH NEUSTES: Rückzug in der Ostukraine – Fiasko an der Front und Feuerwerk in Moskau
- Von Friedrich Schmidt, Moskau FAZ – 11.09.2022- Feuerwerk zum Moskauer Stadtfest am 10. September
Während Russlands Militär sich aus weiten Teilen des Gebiets Charkiw zurückziehen muss, wird in Moskau das Stadtfest gefeiert. Kriegsunterstützer suchen „Verräter“.
Es dauerte bis Samstagnachmittag, bis das russische Verteidigungsministerium eine eigene Version zum Rückzug aus weiten Teilen des nordostukrainischen Charkiwer Gebiets vorlegte. Noch am Freitag hatte Moskaus Militär Bilder veröffentlicht, die zeigen sollten, wie es Verstärkung dorthin schickte.
Jetzt war die Botschaft eine ganz andere: Das Verteidigungsministerium gab faktisch den Verlust des eroberten Gebiets zu, stellte ihn aber als „im Verlauf dreier Tage durchgeführte Operation zur Verringerung und organisierten Verlegung“ der Truppen aus der Gegend um die Städte Balaklija und Isjum dar. Die Truppen würden auf das Gebiet der „Volksrepublik“ von Donezk verlegt.
Dieses 2014 errichtete und im Februar kurz vor dem Überfall von Präsident Wladimir Putin als „Staat“ anerkannte Gebilde ist trotz großer russischer Anstrengungen noch längst nicht vollständig erobert; auch dürfte es Russland jetzt, nach den Gebietsverlusten, schwerer fallen, etwa auf die Stadt Slawjansk vorzustoßen. Die „Umgruppierung“ diene dem Ziel der „Spezialoperation“, den „Donbass zu befreien“ und „die Anstrengungen in der Donezker Richtung zu vergrößern“, hieß es weiter aus dem Verteidigungsministerium.
Das erinnerte an die Formeln, die das Militär für frühere Rückschläge gefunden hatte: Als Ende März der Rückzug aus den Gebieten Kiew und Tschernihiw zu erklären war, galt das als „Verringerung militärischer Aktivität“; im Juni, als die Besatzer die Schlangeninsel im Schwarzen Meer verlassen mussten, als „Schritt des guten Willens“. Nun war das Verteidigungsministeriums zudem bestrebt, aus den frisch verlorenen Gebieten Erfolge zu melden: In drei Tagen habe man „mehr als 2000 ukrainische und ausländische Kämpfer vernichtet“.
Auch der an vielen Fronten erprobte Staatsmedien-Kriegsberichterstatter Jewgenij Poddubnij, dessen Eintreffen im Donbass im Februar ein Vorzeichen auf den bevorstehenden Überfall gewesen war, sagte, der Abzug habe „erfolgreich“ eine Einkreisung der Truppen vermieden, verbreitete über seinen Telegram-Kanal mit mehr als 670.000 Abonnenten sehr hohe Gefallenenzahlen der Ukrainer und beschwor die Kraft der russischen Artillerie: „Arbeitet, Brüder!“
Doch bei anderen Kommentatoren herrschte Empörung über den Rückzug, so große, dass das Verteidigungsministerium die Kommentarfunktion unter seinen Einträgen in allen sozialen Netzen ausschaltete. In etlichen Telegram-Kanälen der Kriegsunterstützer ging es, auch unter wechselseitigen Vorwürfen, um „Verrat“, die Suche nach Schuldigen und historischen Parallelen für die Schlappe. Russlands Verteidigungsministerium habe „unseren Präsidenten auf allen Fronten hereingelegt“, schrieb etwa der Blogger Roman Saponkow; wenn nun nicht „die für den Zusammenbruch der Front Verantwortlichen vor den Augen des ganzen Landes wegen Hochverrats verhaftet“ würden, sehe es nach einem „Plan“ aus, der die Ziele der „Spezialoperation“ gefährde.
Sein Kollege Roman Romanow schrieb, das einzige, was nach dem Verlust des Charkiwer Gebiets noch verhindern könne, dass man die Hälfte der „Volksrepublik“ Luhansk (eines ebenfalls 2014 errichteten und im Februar von Putin als „Staat“ anerkannten Gebildes) verliere, seien massive Angriffe auf Kiew und „taktische Nuklearschläge auf die westlichen Gebiete der Ukraine“; für eine „Kapitulation“ sollten „vier bis fünf“ davon ausreichen. Der an den Eroberungen von 2014 und nach Überzeugung der Anklage im MH17-Prozess in den Niederlanden auch am Abschuss des Passagierflugzeugs beteiligte Igor Girkin, genannt „Strelkow“, sprach von einer „äußerst scharfen operativen Krise an einem breiten Frontabschnitt, die schon zu einer großen Niederlage anwächst“.
Ramsan Kadyrow, der Herrscher der Teilrepublik Tschetschenien, sagte, es seien „Fehler“ gemacht worden, es brauche „Änderungen der Strategie“; die verlorenen Städte würden zurückgeholt, „unsere Leute“ seien schon bereit. Der Politologe Sergej Markow äußerte, Russlands Führung nehme die Kampfhandlungen nicht ernst genug, „man muss härter vorgehen, härter“, brauche „mehr Soldaten an der Front“.
Der ukrainische Durchbruch zeigt, dass trotz Russlands Rekrutierungsbemühungen der vergangenen Monate offenbar nicht genug Kräfte zur Verfügung stehen, um die lange Frontlinie zu halten. Eine Generalmobilmachung, die in Russland unpopulär wäre, hat Putin bisher nicht verkündet. Jetzt gefährden die Rückschläge der vergangenen Tage seine Eroberungspläne.
Hatte Putin in der Ansprache zum Überfall vom 24. Februar noch behauptet, „unsere Pläne umfassen nicht die Besatzung ukrainischer Gebiete“, hat er mittlerweile als Devise ausgegeben, dass es ihm um das „Zurückholen“ von Gebieten geht. Am vergangenen Mittwoch hat Andrej Turtschak, der Generalsekretär der Machtpartei „Einiges Russland“, es als „richtig und symbolisch“ bezeichnet, die – mangels durchschlagender militärischer Erfolge immer wieder verschobenen – „Referenden“ über einen Anschluss der „Volksrepubliken“ von Donezk und Luhansk sowie anderer „befreiter Gebiete“ am 4. November abzuhalten.
Dann feiert Russland den „Tag der Volkseinheit“. Donezk, Luhansk und „viele weitere russische Städte“, so Turtschak weiter, „kehren endlich in den Heimathafen zurück. Und die Russische (sic) Welt, die jetzt von formellen Grenzen getrennt ist, gewinnt ihre Integrität zurück.“ Das exilrussische Newsportal „Medusa“ berichtete, der 4. November sei nun die vom Kreml ausgegebene „einheitliche Deadline“; Putin dränge zwar nicht auf „Referenden“, doch entstehe sonst der Eindruck, dass sie „beständig verschoben werden“, hieß es unter Berufung auf das Kreml-Umfeld. Inwieweit Putin über die Lage im Gebiet Charkiw informiert war, blieb offen.
Putin macht Krieg zur Randnotiz
Für den Präsidenten war der Samstag ein Arbeitstag wie jeder andere. Am Morgen stimmte er nach eigenen Angaben online bei Kommunalwahlen in Moskau ab. Denn dort sowie in anderen Regionen wurden Wahlen abgehalten. Der Kreml verbreitete Aufnahmen Putins an einem Computer samt Wahlaufruf des Präsidenten; die Online-Stimmabgabe gilt spätestens seit den Duma-Wahlen vor einem Jahr als zusätzliche Möglichkeit für die Machthaber, die Ergebnisse in die gewünschten Wege zu lenken.
Außerdem gratulierte Putin dem neuen britischen König Charles III. zur Inthronisierung („Ich wünsche Ihrer Hoheit Erfolge, starke Gesundheit und nur das Beste“), besuchte neu erbaute Trainingszentren für Boxen und den Kampfsport Sambo in Moskau und eröffnete – per Videoverbindung – das größte Riesenrad Europas. Es heißt „Herz Moskaus“ und hat, wie auch Putin hervorhob, 140 Meter Durchmesser, das sind fünf Meter mehr als der bisherige Spitzenreiter, das „London Eye“ in der britischen Hauptstadt.
Zudem gratulierte Putin den Bewohnern der Hauptstadt „und ganz Russland“ zum Moskauer Stadtfeiertag, der unter anderem mit Volkstanzvorführungen und Konzerten in Parks sowie abendlichem Freudenfeuerwerk groß gefeiert wurde. In seiner Rede vor Zuschauern wie Bürgermeister Sergej Sobjanin und Patriarch Kirill in einem schicken Konzertsaal zählte Putin Moskauer Modernisierungserfolge auf („Eine der schönsten und komfortabelsten Megastädte der Welt, die mit jedem Jahr mehr ihre globale Wettbewerbsfähigkeit bestätigt“). Dagegen spielte der Krieg nur am Rande eine Rolle: So seien, sagte Putin, im Saal Soldaten, die für „das friedliche Leben im Donbass“ kämpfen und Hinterbliebene von „unseren Kampfkameraden, die leider gefallen sind, die ihr Leben für Russland gegeben haben“.