THEO VAN GOGH NEUSTES: GRÜNE KHMER DES WESTENS ? ! – Konzern mistet Backlist aus : Disney verbannt einen Comic nach dem anderen
- Von Stefan Pannor FAZ – -Aktualisiert am 01.03.2023-08:57
So munter wird man ihn nie mehr sehen – wenn überhaupt noch einmal: B’rer Rabbit in dem Film „Song of the South“ von 1946, den Disney aus seinem Firmengedächtnis gestrichen sehen möchte.
Heimlich nimmt Walt Disney Comics aus der Backlist. Betroffen sind auch Zeichner wie Carl Barks und Don Rosa. Der Bann soll frühere rassistische Motive unsichtbar machen. Er könnte tausende Geschichten umfassen.
Verschwinden geht leise: Als der amerikanische Comicverlag Fantagraphics kurz vor Weihnachten die zweite Auflage von „Christmas in Duckburg“ auslieferte, fiel nur wenigen auf, dass dort plötzlich eine Geschichte fehlte. Der Band ist Teil einer ambitionierten Gesamtausgabe des Disney-Zeichners Carl Barks, die diverse seiner Geschichten zum ersten Mal seit Jahrzehnten, teils sogar zum ersten Mal überhaupt in der von ihm geplanten Form veröffentlichen will. Fantagraphics ist für seine Sorgfalt als Verlag bekannt.
Die Streichung der Geschichte in der Zweitauflage war kein Versehen. In der vergangenen Woche veröffentlichte der frühere Disney-Zeichner Don Rosa die Mail eines von ihm nicht benannten Verlags, laut der Disney „als Teil ihrer fortdauernden Hingabe zu Diversität und Inklusion“ alle alten Comicgeschichten mit seinen Figuren auf weitere Veröffentlichbarkeit hin durchkämme: „In der Folge werden einige Geschichten, die nicht mit den Werten der Firma übereinstimmen, nicht länger veröffentlicht werden können.“ Das betreffe auch zwei Comics von Don Rosa: „The Richest Duck in the World“ und „The Dream of a Lifetime“.
Diese beiden Geschichten sind Teil des großen, seit zwanzig Jahren weltweit erfolgreichen Zyklus „Onkel Dagobert – Sein Leben, seine Milliarden“, in dem Rosa auf fast vierhundert Seiten die Lebensgeschichte des reichsten Mannes der Welt erzählt. Es handelt sich bei den inkriminierten Episoden um den Epilog zum zehnten und das vollständige elfte Kapitel (von zwölf) der Serie.
Was geht vor im Reiche Disney?
Etwas geht vor im Reich von Disney. Der Bann fügt sich in eine Reihe seltsamer Entscheidungen, die Entenhausen-Fans seit einigen Jahren irritieren, sich aber bislang, soweit sichtbar, auf Textänderungen beschränkt haben.
2021 sorgte der deutsche Lizenzverlag Egmont für Aufsehen, als er einzelne Figuren und Begriffe in einer laufenden Edition der Duck-Comics von Carl Barks änderte. Worte wie „Indianer“, „Bleichgesicht“ oder „Zwerg“ verschwanden. Aus der Nebenfigur „Fridolin Freudenfett“ wurde ein „Fridolin Freundlich“.
Ganz Ähnliches geschah in den USA, wo Fantagraphics den Begriff „Holocaust“ aus einer Barks-Episode tilgte. Während dieser Begriff im Deutschen nahezu exklusiv mit der Schoa verknüpft ist, kann er im Englischen auch „Inferno“ oder „Vernichtung“ bedeuten, ohne speziellen Bezug zum Massenmord der Nationalsozialisten an Juden. Diese Textänderung erinnert an einen Vorfall 2012, als Egmont dasselbe Wort in einer deutschen Disney-Comic-Ausgabe verwendete, es aber mit einer Hauruck-Aktion in der gesamten Auflage von Hand schwärzen ließ.
Andere Änderungen, die Fantagraphics vorgenommen hat, sind subtil, man könnte sagen: banal. Aus dem Stamm der „Mau Maus“ werden die „Duk Duks“, aus „Aufständischen“ werden „Banditen“. Tiefgreifender als solche marginalen Textänderungen sind Eingriffe in die Grafik, wie Fantagraphics sie hier und da vornahm. Insbesondere verschwand krauses Haar von Afrikanern, das durch Stachelfrisuren ersetzt wurde.
Eine Mauer des Schweigens
Wer nachfragt, was da vor sich geht, stößt auf eine Mauer des Schweigens. Egmont hat im Herbst mit der deutschsprachigen Veröffentlichung der Fantagraphics-Edition begonnen und verweist auf die britische Filiale des Disney-Konzerns; ansonsten kein Wort. Die britische Filiale schweigt sich auf Anfrage komplett aus, ebenso wie Fantagraphics.
Der Einzige, der antwortet, ist Don Rosa, will aber nicht zitiert werden. Er ist seit fünfzehn Jahren im Ruhestand, die Rechte an seinen Duck-Comics gehören Disney, in dessen Firmenpolitik er sich nicht einmischen will. Dass er den Vorgang im Rahmen seiner Facebook-Gruppe öffentlich gemacht hat, habe einzig den Grund gehabt, die Fans darauf hinzuweisen, dass sie sich seine Bücher jetzt kaufen sollten, bevor es nicht mehr geht.
Dennoch lassen Rosas wenige Äußerungen im vertraulichen Gespräch mit der F.A.Z. Rückschlüsse zu. Es handelt sich in seinem Fall offensichtlich um einen weltweiten Bann, den Disney allen Lizenznehmern aufzwingt. Anlass dafür ist vermutlich die Figur Bombie, eine tragische Zombiegestalt, die Carl Barks 1949 für die Geschichte „Voodoo Hoodoo“ erfunden hat und die von Rosa aufgegriffen wurde. Sie ist das einzige Bindeglied zwischen den vom Bannstrahl getroffenen Rosa-Comics.
Plötzlich steht eine alte Figur im Mittelpunkt der Selbstzensur
Wenn das der Fall ist, dürfte Barks’ Geschichte ebenfalls von dem Bann betroffen sein. Sie war zuletzt von Fantagraphics, entgegen allen moralischen Entwicklungen, erstmals seit Jahrzehnten wieder unretuschiert veröffentlicht worden. Seit den Achtzigerjahren war die deutlich rassistische Ikonographie der Zombiefigur mit ihren wulstigen Lippen und dem Nasenring entschärft worden.
Was zur Frage führt, warum im Gegenzug eine ganze Geschichte aus einer (Nun-nicht-mehr-)Gesamtausgabe verschwunden ist. Die Antwort führt zu einem anderen Problemkomplex und deutet an, dass im Hintergrund bei Disney wesentlich größere Entwicklungen ablaufen.