THEO VAN GOGH GESELLSCHAFT: DER JUDENRAT DER ANNE FRANK VERRIET!?

Neue Erkenntnisse : Wer verriet Anne Frank?

  • Von Thomas Gutschker FAZ – 17.1.2022 – Lange dachte man, es wäre eine Putzfrau oder ein Kopfgeldjäger gewesen. Jetzt gibt es Hinweise, dass ein niederländischer Notar das Versteck von Anne Frank und ihrer Familie verraten hat.

Am Morgen des 4. August 1944 stand die Gestapo vor dem Haus an der Prinsengracht 263 in Amsterdam. Sie kam, um eine Familie festzunehmen, die sich dort im Hinterhaus versteckte. Der Fall wurde später weltberühmt, als Otto Frank das Tagebuch seiner Tochter Anne veröffentlichte. Er hatte als einziger die Deportation in die Todeslager der Nationalsozialisten überlebt. Über das Leben der Familie in der Enge, über die Ängste und Hoffnungen des heranreifenden Mädchens hat die Welt so erfahren. Eines aber blieb jahrzehntelang ungeklärt: Wer hat die Franks damals verraten? Immer wieder gab es Vermutungen dazu, die niederländische Polizei ermittelte zweimal, 1948 und 1963. Doch die Frage blieb ungelöst.

Fünf Jahre nach dem Verräter gesucht

Jetzt gibt es eine neue Untersuchung darüber, die bisher umfangreichste. Ein Team privater Ermittler, hauptsächlich Niederländer, hat fünf Jahre lang Archive und private Nachlässe durchsucht, Hunderttausende Dokumente ausgewertet und siebzig Zeitzeugen befragt. Kriminologen waren daran beteiligt, forensische Experten, Historiker, an der Spitze stand ein pensionierter FBI-Agent. An diesem Montag legten sie ihre Erkenntnisse in Form eines Buches vor: „Der Verrat an Anne Frank“, geschrieben von Rosemary Sullivan. Das Buch erschien zunächst auf Niederländisch und Englisch, Ende März soll es auch auf Deutsch erhältlich sein.

Dreißig Szenarien sind die Ermittler nachgegangen. Die Spur, die ihnen am Ende als plausibelste erscheint, ist durchaus überraschend: Nicht die Putzfrau und nicht der Juden-Kopfgeldjäger, die schon verdächtigt worden waren, sollen der Gestapo den entscheidenden Hinweis auf das Versteck gegeben haben. Vielmehr soll der Verräter selbst aus der jüdischen Gemeinde Amsterdams stammen: der Notar Arnold van den Bergh, ein angesehenes Mitglied, Mitbegründer des Judenrats. Es sei das „wahrscheinlichste Szenario“, wurde der ehemalige FBI-Agent Vince Pankoke, am Montag von der Zeitung „De Volkskrant“ zitiert, „das einzige Szenario, in dem der Verräter das Motiv, Wissen und die Gelegenheit dazu hatte, die drei Säulen jeder strafrechtlichen Untersuchung“.

Der Beamte bekam eine Kopie

Den wichtigsten Hinweis fand Pankoke im Nachlass eines niederländischen Ermittlers, der Anfang der sechziger Jahre dem Fall nachgegangen war. In einer Handakte steckte die Kopie eines Zettels, den Otto Frank nach dem Krieg in seinem Briefkasten gefunden hatte – eine anonyme Notiz. „Ihr Versteck in Amsterdam wurde damals der Jüdischen Auswanderung in Amsterdam, Euterpestraat, von A. van den Bergh mitgeteilt, der damals in der Nähe des Vondelparks, O. Nassaulaan, lebte. Bei der J.A. gab es eine ganze Liste von Adressen, die er weitergab“, stand darauf in niederländischer Sprache. Die Jüdische Auswanderung, ein Euphemismus, hatte die Deportation der Juden organisiert. Frank hatte den Zettel gegenüber einem Ermittler erwähnt, aber der ging den Spur nicht nach. Das Original hatte er bei einem Notar deponiert, der Beamte bekam eine Kopie, nahm sie aber nicht in die offizielle Akte auf.

Van den Bergh verfügte, wie die heutigen Ermittler rekonstruieren, über Kontakte zu den nationalsozialistischen Besatzern, als Notar und durch seine Mitgliedschaft im Judenrat, der 1941 auf ihren Befehl gegründet worden war. Er versuchte, seine eigene Familie zu schützen. Doch im Sommer 1944 geriet er selbst unter Druck – und soll Adressen von Verstecken verraten haben. Der Rat wusste davon, er leitete auch die Post von Häftlingen weiter, die an ihre untergetauchten Familienmitglieder schrieben. Die besonderen Umstände scheinen die Spur zu erhärten. So ging der Hinweis auf das Versteck bei einem hohen Beamten des Sicherheitsdienstes (SD) der Nationalsozialisten ein, den nur jemand wie Van den Bergh direkt habe anrufen können.

Die Kinder nicht mit dem Namen des Vaters belasten

Warum aber hat Otto Frank, der bis 1980 lebte, den Namen des Mannes nicht selbst öffentlich gemacht? Tatsächlich habe er nach dem Krieg über den Mann recherchiert, so die Ermittler, aber alles getan, um dessen Namen zu verbergen. Er habe die Kinder des Notars nicht mit dem Fehler ihres Vaters belasten wollen, der 1950 starb, vermuten sie. Er habe aber auch gefürchtet, dass eine Enthüllung abermals zu Antisemitismus führen würde – schließlich sei der Verräter aus der eigenen Gemeinde gekommen.

„Der Notar war kein schlechter Mensch, er stand vor einem schrecklichen Dilemma, und Otto Frank muss das erkannt haben“, sagte einer der Ermittler „De Volkskrant“. „Wie hätten wir gehandelt?“ Wer einst die anonyme Notiz schrieb, fanden sie übrigens nicht heraus, hoffen nach der Veröffentlichung des Buches aber auf neue Hinweise.