THEO VAN GOGH : finis germaniae !
Krieg in der Ukraine : Mehrheit der Deutschen fürchtet russischen Atomschlag
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Von Lorenz Hemicker FAZ – 17.10.2022
Eine militärische Führungsrolle in Europa lehnen die meisten Deutschen ab. Die Bundeswehr wollen sie trotzdem modernisiert sehen. Zum eigenen Schutz setzen sie vor allem auf die Amerikaner, hat eine neue Umfrage ergeben.
Trotz des russischen Überfalls auf die Ukraine begrüßt eine Mehrheit der Deutschen nach mehr als einem halben Jahr des Kriegs die Konsequenzen aus der sicherheitspolitischen Zeitenwende offenbar nur begrenzt. Das geht aus der jüngsten Umfrage von Kantar Public hervor, die im Auftrag der Körber-Stiftung durchgeführt und am Montagnachmittag veröffentlicht wurde. Das Institut befragte hierzu im August 1088 Wahlberechtigte in Deutschland im Alter von über 18 Jahren.
Den Ergebnissen zufolge wünschen sich 52 Prozent der befragten Bürger von der Bundesregierung, dass sie international weiterhin zurückhaltend agiert. Das sind zwei Prozentpunkte mehr als vor einem Jahr, also noch vor dem Ausbruch des Kriegs. Von den 41 Prozent, die für ein stärkeres deutsches Engagement plädieren, ziehen knapp zwei Drittel mehr Diplomatie vor. Für einen stärkeren militärischen Fußabdruck oder mehr Geld spricht sich nicht einmal jeder Siebte aus.
Noch skeptischer sind die Befragten bei Bestrebungen, dass Deutschland in militärischen Fragen als Führungsmacht auftritt. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) hatte im September bei einem Treffen der deutschen General- und Admiralität in Berlin geäußert, die Bundeswehr müsse zur bestausgerüsteten Streitkraft des Kontinents werden. Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) hatte Tage zuvor in einer Grundsatzrede gesagt, Deutschland agiere aufgrund seines Gewichts bereits als Führungsmacht, auch in militärischen Fragen, „ob wir es wollen oder nicht“.
Nukleares Säbelrasseln hinterlässt Eindruck
Mehr zwei Drittel der Befragten lehnen eine solche Rolle ab. Das bedeutet allerdings nicht, dass sie sich keine einsatzfähige Bundeswehr wünschen. Im Gegenteil. Auch ohne deutsche Führungsrolle sprechen sich sechs von zehn Befragten dafür aus, dauerhaft mehr Geld für die militärischen Kapazitäten der Bundeswehr auszugeben.
Der Wunsch nach besser ausgestatteten deutschen Streitkräften, die in einem in der Umfrage nicht erwähnten Spannungsverhältnis zu Waffenlieferungen an die Ukraine stehen, wird noch übertroffen von der Sorge, dass der Krieg im Osten Europas weitere Länder erfasst. 80 Prozent der Befragten sorgen sich, dass der Konflikt auf das NATO-Bündnisgebiet übergreifen könnte. 72 Prozent sehen in Russland eine unmittelbare Bedrohung für die Sicherheit Deutschlands. Bei 69 Prozent hinterlässt das nukleare Säbelrasseln des Kremls Eindruck. Sie fürchten sogar, dass Deutschland zum Ziel eines russischen Atomschlags werden könnte. Mit der Sorge vor Russland stehen die Deutschen nicht allein da. In Amerika ist sie gemäß den Ergebnissen einer parallel vom Pew Research Center durchgeführten Studie sogar noch verbreiteter. Demnach sehen dort 92 Prozent der befragten Amerikaner Russland als militärische Bedrohung für die Vereinigten Staaten.
Als wichtigste Versicherung für die Verteidigung Europas gelten hierzulande die Amerikaner. Mittlerweile teilen diesen Standpunkt 81 Prozent, im vergangenen Jahr waren es noch 73 Prozent. Grundsätzlich setzt sich der positive Trend im transatlantischen Verhältnis fort, der schon vor Ausbruch des Ukrainekriegs mit der Amtsübernahme von Präsident Joe Biden zu beobachten war. Sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in Deutschland beurteilen mehr als vier von fünf Befragten die deutsch-amerikanischen Beziehungen als „gut“ oder „sehr gut“. Deutschland gilt den meisten auch als wichtigster Partner (36 Prozent) vor Frankreich (32 Prozent).