THEO VAN GOGH EMPFEHLUNG! : – Karl Kraus: Überführung eines Plagiators
Magnus Klaue
Unter den Lesern der Fackel sind viele Esel. Diese Naturanlage zeigt sich in der Beharrlichkeit, mit der sie Leser bleiben und die immer wieder abgelehnte Annäherung an unfaßbare Standpunkte versuchen. Sie bemühen sich auf jede nur mögliche Art ein Verhältnis zu der Sphäre herzustellen, die ihnen unzugänglich bleibt, weil die Sprache, in der hier gedacht wird, bei aller unbestreitbaren Ähnlichkeit der Laute eine wesentlich andere ist als die ihre, und dieses Bestreben wäre rührend, wenn dort, wo die Potenz fehlt, nicht so gern versucht würde, Ersatz in der Präpotenz zu finden.
Ihr durchwaltendes Mißverständnis besteht nicht nur darin, daß sie, weil sie zur Not den Sinn ermitteln können, nun auch glauben, den Zutritt zum geistigen Inhalt zu haben, sondern vor allem in der Vermutung, daß ein geistiger Wert eben dadurch problematisch werde, daß er irgendwo außerhalb ihrer Verstandesebene beruht. Je intelligenter ein solcher Esel ist, umso aussichtsloser verirrt sich dieses Streben und Widerstreben in Gedankengängen, die nun einmal den dort nicht Beschäftigten verschlossen sind. Der so tiefgefühlte Wunsch, keine Briefe von Persönlichkeiten zu erhalten, deren mündliche Ansprache zu den unvorstellbaren Dingen gehört, die ich aus meinem Leben ausgeschaltet habe, muß eben dort vergeblich bleiben, wo eine Fülle von Dummheit leider von einem Mangel an Taktgefühl begleitet ist. Ich habe nicht erwartet, daß ich, je weiter ich mich von dem Niveau, auf dem Meinungen gebildet und übernommen werden, entferne, desto eher Ruhe haben würde.
Ich wußte im Gegenteil, daß die Intelligenz umso mehr gereizt wird, je dürftiger der stoffliche Anhalt ist, der ihr geboten wird, und ich habe mich darum keineswegs über die Reaktion gewundert, die meine Beiträge zur Sprachlehre gefunden haben. Es war durchaus nicht überraschend, daß dieselben Leute, die zum erstenmal erfahren haben, was ein Reim ist, sich auf der Stelle und mit dem mir abgenommenen Rüstzeug der Dialektik an den Versuch machen, mir zu beweisen, daß jene Stelle aus »Faust«, die ich als das Musterbeispiel eines lebensunfähigen Versgedankens und eben darum als das geborene Zitat einer sprachfernen Bildung hinstellte, meinem Begriff vom Reim vollauf entspreche. Denn sie müssen es ja besser wissen. Sie haben mir zwar schließlich bewiesen, daß ich recht habe, es ist ihnen gelungen, mit dem gegenteiligen Bemühen, zu straucheln, und dargetan war die Möglichkeit, daß ein kaum geahntes sprachliches Ungefühl sich auf Verstandeswegen an eben die Probleme heranwagt, zu deren Lösung es auf nichts mehr und nichts weniger ankommt als auf das Fühlen. Aber nichts wird mich vor diesen Monologen schützen, wenn es nicht einmal die von mir inspirierte Erhöhung des Postportos vermag.
Die Unbeirrbarkeit der Versuche also, mich zum Ohrenzeugen einer Opposition zu machen, für die ich nicht die geringste Teilnahme aufbringe, hat nichts Überraschendes. Worüber ich aber noch jedesmal staunen kann, das ist die Unbefangenheit, die an mir satirisch gestimmt wird. Man sollte es nicht für möglich halten, aber es gibt Leute, die Witz haben, wenn sie mir schreiben; einen Witz, zu dessen Vaterschaft ich mich mit Scham bekennen muß und der sich mit echtem Kindesundank gegen seinen Ursprung wendet. Ich weiß ja längst, daß es nichts Abscheulicheres gibt als meinen Stil in fremder Hand, und der Verdruß über solches Unwesen eines angenommenen Wesens beruhigt sich nur bei dem Bewußtsein, daß andere Originale aus dem Grunde keine waren, weil die Nachahmer ihrer Schreibweise diese noch gefälliger ausgestalten konnten, wie ja jede technische Einrichtung es in sich hat, den verwöhnteren Ansprüchen der Neuzeit entgegenzukommen und mit ihnen fortzuschreiten. Wenn Heine die Generation von Talenten, die er in die Welt gesetzt hat, gekannt hätte, so hätte ihn ein Gefühl des Neides erfassen müssen, daß er es nicht so weit gebracht habe, während mich vor meinen Nachbildnern ein Grausen packt, das mich zwar mit voller Beruhigung für mich selbst erfüllt, aber doch auch mit dem Gefühl, Schuld zu tragen an einer geistigen Lebensführung, die den Leuten das Leben erschwert, ohne dazu berechtigt zu sein. Was mich aber gegen diese Erscheinungen, die ohne mich nie erschienen wären, besonders einnimmt, ist, daß sie sich mit der Mission einer Landplage nicht begnügen, sondern auch von dem Ehrgeiz besessen sind, sich vor mir selbst zu produzieren, mir dartun wollen, daß sie sich selbständig gemacht haben, und sich für berechtigt halten, die Quelle zu trüben, der sie entsprungen sind. Echtbürtig an dieser Art Satire ist bloß, daß sie grinst. Denn wenn sie mir alles absehen könnten – die sittliche Position, deren keine andere Lebensäußerung so wenig entraten kann wie die Satire, die Ehrfurcht vor irgendetwas, dem das satirische Opfer dargebracht wird, das sich selbst Verleugnen und sich selbst Bekennen, mangelt denen, die kein heiligerer Geist je als der Zeitgeist inspirieren könnte. Es ist meine ganze Fraglichkeit, daß sich gerade im sumpfigsten Terrain die Spuren meiner Wirkung nachweisen lassen und daß sich die Abhängigkeit der Generation am deutlichsten in der Rache betätigt, die sie dafür an mir nimmt. Sie tun gewiß nicht recht, mir ihre Schlechtigkeit zum Vorwurf zu machen, aber semper aliquid haeret und es wird schon etwas daran sein, daß sie ohne mich anders dagestanden wären, weshalb sie auch genötigt sind, sich mit meiner Hilfe meiner zu erwehren. So werde ich seit Jahr und Tag mit dem mir wohlbekannten Witz, den ich schon daran erkenne, daß sie ihn nicht haben, publizistisch und brieflich verfolgt, und da, gestehe ich, bin ich stets von neuem in Erstaunen zu setzen.
Aus: Karl Kraus: Überführung eines Plagiators (November 1921), in: Ders., Die Sprache, Wien: Verlag ‘Die Fackel’ 1937