THEO VAN GOGH BACKGROUNDER: RÜSTUNGSINDUSTRIE BOOMT & MILLIARDEN PROFITE
- Sven Arnold – Torben Arnold SWP BERLIN
Deutschlands schwache Führungsrolle bei der europäischen Luftverteidigung – Korrekturbedarf auf allen Ebenen der European Sky Shield Initiative
SWP-Aktuell 2023/A 02, 19.01.2023, 8 Pages STIFTUNG WISSENSCHAFT UND POLITIK BERLIN
doi:10.18449/2023A02
Mit der European Sky Shield Initiative hat Deutschland seinen Führungsanspruch bei der europäischen Luftverteidigung angemeldet. Verteidigung gemeinsam zu denken ist begrüßenswert, aber schwierig umzusetzen. Wichtige europäische Partner, allen voran Frankreich und Italien, sind derzeit nicht gewillt, Deutschland zu folgen. Die fehlende politische Einigkeit zeigt, dass der deutsche Vorstoß die europäischen Sicherheitsinteressen nicht genug berücksichtigt, Partner nicht überzeugt und viele Fragen zur strategischen, militärischen, industriellen und ökonomischen Ebene offen lässt.
Soll die ESSI Europas Schutz im Bereich Luftverteidigung spürbar verbessern, muss Berlin Antworten zum strategischen Gleichgewicht, zur Entwicklung der europäischen Rüstungsindustrie und zu militärisch sinnvollen Lösungen geben. Der Aufwuchs einzelner militärischer Fähigkeiten wird keinen europäischen Sky Shield ermöglichen.
Bundeskanzler Olaf Scholz hat in seiner Prager Rede vom 29. August 2022 erklärt, dass Deutschland stark in seine Fähigkeiten bei der Luftverteidigung investieren will. Er sieht Deutschland dabei in einer Führungsrolle. Alle europäischen Partner seien eingeladen, sich ebenfalls zu engagieren. Sechs Wochen später, am Rande des Nato-Treffens in Brüssel, konkretisierte die damalige Verteidigungsministerin Christine Lambrecht diese Führungsrolle und unterzeichnete mit 14 Partnern eine Absichtserklärung mit dem Titel European Sky Shield Initiative (ESSI). Ziel ist es, Europa besser gegen Gefahren aus der Luft zu schützen. Zurzeit besteht in allen europäischen Streitkräften eine Fähigkeitslücke bei der Bekämpfung ballistischer Flugkörper, die in der obersten Abfangschicht fliegen und über 1.000 km Reichweite aufweisen. Deutschlands Versuch, diese Lücke zu schließen, ist zu begrüßen, denn nur gemeinsam lässt sich der Schutz für Europa merklich verbessern. Zwar ist die Idee nicht neu, doch aufgrund der veränderten Bedrohungswahrnehmung gegenüber Russland ist nun auch der Wille zum Handeln da. Momentan sind aber nicht alle Partner an einer Mitarbeit interessiert.
Fähigkeiten und die Lücke
Vor dem russischen Überfall auf die Ukraine kamen die Bemühungen, in Deutschland ein besseres Luftverteidigungssystem aufzubauen, kaum voran. Sie scheiterten an jahrelangen Sparmaßnahmen und am mangelnden Willen, diesem Bereich Vorrang einzuräumen und dort zu investieren. Rüstungskooperationen bei der Entwicklung des Medium Extended Air Defence System (MEADS) und des darauf aufbauenden Taktischen Luftverteidigungssystems (TLVS) wurden ohne Beschaffungsvereinbarungen beendet. Hauptgrund waren die exorbitanten Kosten.
Trotz der genannten Defizite kann die Bundeswehr einiges an Fähigkeiten vorweisen. Die Luftwaffe schützt rund um die Uhr den deutschen und teils den europäischen Luftraum, die Marine besitzt drei Luftverteidigungsfregatten, und zurzeit wird intensiv am Schutz vor kleinen und mittleren Drohnen gearbeitet. Bei der Luftverteidigung werden mehrere Abfangschichten unterschieden: der Nah- und Nächstbereich (bis 6 km) sowie die mittlere und die obere Abfangschicht (bis bzw. über 35 km). Zudem kann zwischen Reichweiten unter und über 100 km differenziert werden.
Für den Nah- und Nächstbereich setzt die Bundeswehr derzeit noch auf das System Ozelot, das bei Bewegung eigener Truppen den Schutz vor unbemannten Flugsystemen und Hubschraubern sicherstellen soll. Doch Ozelot ist veraltet und in viel zu geringer Stückzahl vorhanden, als dass es deutsche Streitkräfte im Kriegsfall bei landbasierten Operationen ausreichend schützen könnte. Nachfolger soll das Luftverteidigungssystem Nah- und Nächstbereichsschutz werden, das gegenwärtig den Beschaffungsprozess der Bundeswehr durchläuft.
Mit dem System Mantis lassen sich militärische und zivile Einrichtungen vor Raketen-, Artillerie- und Mörserbeschuss schützen. Doch der Aufbau benötigt Zeit, und die Verlegung ist aufwendig. Da nur zwei Systeme zur Verfügung stehen, können nur zwei Objekte gleichzeitig geschützt werden. Ein mobiler Schutz beweglich geführter Operationen ist nicht möglich.
Bei großen Reichweiten bis 100 km kommt das US-System Patriot mit seinen rund 70 km Reichweite zum Einsatz. Technisch ist es auf einem modernen Stand, doch die Bundeswehr hat von den ehemals 36 Staffeln nur noch zwölf, von denen eine an die Ukraine geliefert werden soll. 1990 umfassten die Flugabwehrraketenverbände 10.970 Dienstposten, heute sind es nur noch rund 2.300. Damit hat sich der deutsche Beitrag für die gemeinsame Luftverteidigung Europas innerhalb der Nato stark verringert. Die deutschen Fähigkeiten könnten nur eine Fläche schützen, die in etwa so groß ist wie das Stadtgebiet Berlins.
Gegenwärtig verfügt Deutschland über teils veraltete und zu wenige Systeme, um ausreichenden Schutz zu gewährleisten. Darüber hinaus gilt es, rasch die Fähigkeitslücke bei besonders großen Höhen zu schließen. Zu diesem Zweck will Deutschland das in Israel hergestellte System Arrow 3 beschaffen. Es weist vielversprechende Leistungsparameter auf, ist anscheinend zuverlässig und auch bereits einsatzreif.
In Europas Armeen sind zurzeit verschiedene Luftverteidigungssysteme im Einsatz. Kurze bis mittlere Reichweiten deckt das in Deutschland entwickelte und produzierte System IRIS-T SLM ab (Infra Red Imaging System-Tail/Surface Launched Medium Range). Davon hat Deutschland kürzlich einige an die Ukraine geliefert. Für IRIS-T gibt es unterschiedliche Lenkflugkörper (LFK), nämlich die Varianten SLS für kurze und SLM für mittlere Reichweiten. Für hohe Reichweiten soll die Variante SLX entwickelt werden.
Polen hat das britische System Common Anti-air Modular Missile (CAMM) bestellt, an dem Italien auch interessiert wäre. CAMM verfügt über vergleichbare Eigenschaften wie IRIS-T SLS.
Was große Reichweiten über 35 km betrifft, nutzen neben Deutschland sechs weitere europäische Verbündete das System Patriot. In einer europäischen Rüstungskooperation entwickelten Frankreich und Italien das System SAMP/T (Sol-Air Moyenne Portée/Terrestre, also Boden-Luft-Raketensystem mittlerer Reichweite) mit dem Lenkflugkörper Aster. SAMP/T weist ähnliche Parameter auf wie Patriot und wird derzeit zu SAMP/T NG (New Generation) weiterentwickelt. Dieses soll mit modernerer Technologie ausgestattet werden: neuer Aster-Rakete, neuem Multifunktions-AESA-Radar (Active Electronically Scanned Array), neuer Software für das C2-Modul (Führung und Steuerung) und neuer, verbesserter Startvorrichtung für die Lenkflugkörper. Ab 2025 soll es einsatzbereit sein.
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