MESOPOTAMIA NEWS „DER BEITRAG AUS DEM HAUSE AXEL SPRINGER“ : DER AUSNAHMEZUSTAND CARL SCHMITTS MUSS ZUM DAUERZUSTAND WERDEN – ROT CHINA WIRD SIEGEN!“

„Wir dürfen die Vernunft nicht dem Virus überlassen“

Stand: 06:51 Uhr | Lesedauer: 14 Minuten –

Warum sind asiatische Länder uns in der Virusbekämpfung überlegen? Der Philosoph Byung-Chul Han über Big Data, Konfuzianismus und Souveränität

Corona ist ein Systemtest. Asien bekommt die Epidemie viel besser in den Griff als Europa. In Hongkong, Taiwan und Singapur gibt es nur sehr wenige Infizierte. Taiwan meldet 108, Hongkong 193. In Deutschland sind in wesentlich kürzerem Zeitraum schon 14481 (!) Leute erkrankt (19. März). Südkorea hat inzwischen das Schlimmste hinter sich. Japan ebenfalls. Auch das Ursprungsland der Epidemie China hat die Epidemie weitgehend unter Kontrolle gebracht.

Weder Taiwan noch Korea haben aber eine Ausgangssperre verhängt oder Geschäfte und Restaurants geschlossen. Inzwischen hat ein Exodus der Asiaten aus Europa eingesetzt. Chinesen oder Koreaner wollen zurück in ihre Heimat, weil sie sich dort sicherer fühlen. Der Flugpreis hat sich vervielfacht. Inzwischen ist kaum ein Flugticket nach China oder Korea mehr zu bekommen.

Europa strauchelt. Infektionszahlen steigen exponentiell. Europa scheint die Epidemie nicht in den Griff zu bekommen. In Italien sterben täglich hunderte Menschen. Ältere Patienten werden vom Beatmungsgerät abgetrennt, damit jüngeren geholfen werden kann. Zu beobachten ist auch ein leerer Aktionismus. Grenzschließungen sind verzweifelter Ausdruck der Souveränität. Wir fühlen uns ins Zeitalter der Souveränität zurückversetzt. Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet. Souverän ist, wer Grenzen schließt.

Das ist allerdings eine leere Souveränitätsschau, die nichts bewirkt. Intensive Kooperationen innerhalb der Euro würden viel mehr helfen. Die EU hat ein Einreiseverbot für Ausländer verhängt, ein total sinnloser Akt angesichts der Tatsache, dass niemand nach Europa kommen will. Sinnvoller wäre, wenn überhaupt, ein Ausreiseverbot für Europäer, um die Welt vor Europa zu schützen. Europa ist ja gegenwärtig der Hotspot der Epidemie.

Was für Systemvorteile hat Asien gegenüber Europa, die sich als positiv für die Bekämpfung der Epidemie erweisen? Staaten wie Japan, Korea, China, Hongkong, Taiwan oder Singapur, sind, schon kulturell bedingt (Konfuzianismus), autoritär. Die Menschen sind folg- und gehorsamer als in Europa. Sie haben mehr Vertrauen in den Staat. Und das Alltagsleben ist wesentlich strenger organisiert, nicht nur in China, sondern auch in Korea oder Japan. Vor allem setzen die Asiaten gegen das Virus massiv auf die digitale Überwachung. In Big Data vermuten sie ein riesiges Potential gegen die Epidemie.

Man könnte sagen, in Asien werden Epidemien nicht nur durch Virologen oder Epidemiologen, sondern vor allem durch Informatiker und Big-Data-Spezialisten bekämpft. Ein Paradigmenwechsel, der in Europa noch nicht wahrgenommen wird. Big Data rettet Menschenleben, würden die Apologeten der digitalen Überwachung ausrufen.

In Asien existiert kaum ein kritisches Bewusstsein gegen die digitale Überwachung. Vom Datenschutz redet man kaum noch, selbst in liberalen Staaten wie Japan und Korea. Niemand lehnt sich auf gegen die Datensammelwut der Behörden. China hat inzwischen ein für Europäer unvorstellbares Social-Scoring-System eingeführt, das eine umfassende Bürgerevaluation erlaubt.

Jeder Bürger soll in seinem sozialen Verhalten konsequent bewertet werden. Es gibt in China keinen unbeobachteten Momentim öffentlichen Leben.  Jeder Klick, jeder Kauf, jeder Kontakt, jede Aktivität in den Sozialen Netzwerken wird kontrolliert. Wer die rote Ampel überfährt, wer mit regimekritischen Personen verkehrt oder kritische Kommentare in den Sozialen Medien postet, bekommt Minuspunkte. Das Leben kann dann sehr gefährlich werden.

Wer hingegen übers Internet gesunde Nahrungsmittel kauft oder parteinahe Zeitungen liest, bekommt Pluspunkte. Wer über genügende Pluspunkte verfügt, erhält ein Reisevisum ober günstige Kredite. Wer hingegen unter eine bestimmte Punktzahl fällt, könnte seinen Job verlieren. In China ist diese soziale Überwachung möglich, weil ein uneingeschränkter Datenaustausch zwischen Internet- und Mobilfunkanbietern und Behörden stattfindet. Es existiert praktisch kein Datenschutz. Das Wort „Privatsphäre“ gehört nicht ins Vokabular der Chinesen.

In China gibt es 200 Millionen Überwachungskameras, teilweise mit hocheffizienter Gesichtserkennungstechnik ausgestattet. Sie erfassen sogar Leberflecken. Es ist nicht möglich, der Überwachungskamera zu entkommen. Diese mit künstlicher Intelligenz ausgestatteten Kameras können jeden Bürger in den Geschäften, auf den Straßen, auf Bahnhöfen und Flughafen beobachten und bewerten.

Die Infrastruktur zur digitalen Überwachung erweist sich nun als hochwirksam gegen die Eindämmung der Epidemie. Wenn jemand am Pekinger Bahnhof rauskommt, wird er automatisch von einer Kamera erfasst, die seine Körpertemperatur misst. Bei auffälligen Werten werden automatisch jene Personen per Handy informiert, die im gleichen Waggon saßen.

In den sozialen Medien wird sogar über Drohneneinsatz zur Überwachung der Quarantänen berichtet. Wenn jemand heimlich seine Quarantäne verlässt, kommt eine Drohne angeflogen, die ihn dazu auffordert, in die Wohnung zurückzukehren. Vielleicht druckt sie sogar einen Bußgeldbescheid aus und lässt ihn auf die Person heruntersegeln, wer weiß. Ein für Europäer dystopischer Zustand, der in China offenbar auf keinen Widerstand stößt.

In Asien herrscht Kollektivismus. Es gibt keinen ausgeprägten Individualismus. Der Individualismus ist etwas anderes als der Egoismus, der natürlich auch in Asien grassiert.

Big Data ist zur Virusbekämpfung effizienter als sinnlose Grenzschließungen, die gegenwärtig von Europäern vorgenommen werden. Allerdings ist in Europa aufgrund von Datenschutz eine vergleichbare digitale Bekämpfung des Virus nicht möglich. Chinesische Mobilfunk- und Internetanbieter teilen die sensiblen Daten ihrer Kunden mit den Sicherheitsbehörden und Gesundheitsämtern.

Der Staat weiß, wo ich bin, mit wem ich mich treffe, was ich mache, wonach ich suche, woran ich denke, was ich esse, was ich kaufe, wohin ich mich bewege. In Zukunft werden womöglich auch Körpertemperatur, Gewicht, Blutzuckerwerte etc. kontrolliert. Eine digitale Biopolitik, die mit der digitalen Psychopolitik einhergeht, die die Menschen aktiv steuert.

In Wuhan wurden tausende digitale Ermittlungsteams gebildet, die potentielle Infizierte aufspüren. Allein anhand der Big Data-Analyse finden sie heraus, wer potenzielle Infizierte sind, wer weiterhin beobachtet und eventuell in der Quarantäne isoliert werden muss. Die Zukunft liegt, auch in Bezug auf die Epidemie, in der Digitalisierung. Angesichts der Epidemie sollten wir vielleicht sogar die Souveränität neu definieren. Souverän ist, wer über Daten verfügt. Europa hängt noch an alten Souveränitätsmodellen, wenn es den Ausnahmezustand ausruft oder Grenzen schließt.

Nicht nur in China, sondern auch in anderen asiatischen Ländern wird die digitale Überwachung zur Eindämmung der Epidemie genutzt. In Taiwan schickt der Staat allen Bürgern gleichzeitig eine SMS, um Kontaktpersonen zu ermitteln oder Menschen über Orte und Gebäude zu informieren, wo sich Infizierte aufgehalten haben. Taiwan hat frühzeitig unterschiedliche Daten miteinander verknüpft, um potentielle Infizierte anhand ihrer Reisetätigkeiten zu ermitteln.

Wer sich in Korea einem Gebäude nähert, in dem sich ein Infizierter aufgehalten hat, bekommt per Corona-App einen Warnalarm. Alle Orte, die von Infizierten aufgesucht wurden, sind in der App erfasst. In Korea sind in jedem Gebäude im jedem Stock, über jedem Büro oder Laden Überwachungskameras installiert. Es ist praktisch unmöglich, sich in der Öffentlichkeit zu bewegen, ohne von der Videokamera aufgezeichnet zu werden.

Zusammen mit Handydaten lässt sich mit dem aufgezeichneten Videomaterial das komplette Bewegungsprofil herstellen. Bewegungsabläufe aller Infizierten werden veröffentlicht. Da können schon mal heimliche Liebschaften auffliegen. In koreanischen Gesundheitsämtern gibt es sogenannte „Tracker“, die sich Tag und Nacht das aufgezeichnete Videomaterial anschauen, um das Bewegungsprofil der Infizierten zu vervollständigen und Kontaktpersonen aufzuspüren.

Ein auffälliger Unterschied zwischen Asien und Europa sind Schutzmasken. In Korea gibt es praktisch niemanden, der ohne Atemmasken herumläuft, die Viren herausfiltern können. Es handelt sich nicht um gewöhnliche chirurgische Masken, sondern um spezielle Schutzmasken mit Filtern, die auch Ärzte tragen. In den letzten Wochen war die Versorgung der Bevölkerung mit Masken in Korea das Thema Nr. 1.

Vor Apotheken bildeten sich riesige Schlangen. Politiker wurden daran gemessen, wie effizient sie die Bevölkerung mit Schutzmasken versorgen. Neue Maschinen zur Herstellung von Masken wurden in Eile gebaut. Im Moment scheint die Versorgung gut zu klappen. Es existiert inzwischen eine App, die informiert, in welcher Apotheke in der Nähe noch Masken zu bekommen sind. Ich denke, dass Schutzmasken, mit denen in Asien die ganze Bevölkerung versorgt wird, entscheidend zur Eindämmung der Epidemie beigetragen haben.

Koreaner tragen selbst am Arbeitsplatz Schutzmasken. Politiker treten nur mit Schutzmasken öffentlich auf. Der koreanische Präsident trägt demonstrativ die Maske, selbst in der Pressekonferenz. In Korea wird man regelrecht beschimpft, wenn man keine Maske trägt. In Deutschland hört man hingegen, dass die Masken nicht viel helfen würden, was Schwachsinn ist. Warum tragen dann die Ärzte die Schutzmasken?

Die Masken muss man nur häufig genug wechseln, sie verlieren die Filterfunktion, wenn sie feucht werden. Aber inzwischen haben die Koreaner eine „Corona-Maske“ mit Nano-Filtern entwickelt, die man sogar waschen kann. Sie könnte Menschen vor Viren schützen für einen Monat, eigentlich eine sehr gute Lösung, solange es keine Impfung und auch kein Heilmittel gibt.

In Deutschland hingegen müssten selbst Ärzte nach Russland fliegen, um sich Schutzmasken zu besorgen. Macron hat Masken beschlagnahmen lassen, um sie an die Mediziner zu verteilen. Bekommen haben sie aber gewöhnliche Masken ohne Filter mit dem Hinweis, dass diese für Corona ausreichen würden, was eine komplette Lüge ist. Europa strauchelt. Was bringt es, Läden und Restaurants zu schließen, wenn Menschen weiterhin zur Stoßzeit in die U-Bahn oder in den Bus drängen?

Wie kann man dort voneinander Abstand halten? Auch im Supermarkt ist das kaum möglich. Da würden die Schutzmasken wirklich Menschenleben retten. Es entsteht wohl eine Zweiklassengesellschaft. Wer ein eigenes Auto hat, setzt sich weniger Gefahr aus. Selbst gewöhnliche Masken würden viel helfen, wenn sie von Infizierten getragen werden, da sie dann die Viren nicht hinausschleudern.

In Deutschland trägt kaum jemand eine Maske. Es gibt zwar vereinzelt Maskenträger, aber diese sind Asiaten. Meine Landsleute in Deutschland beklagen sich, dass sie komisch angesehen werden, wenn sie eine Maske tragen. Hier ist wohl wieder ein kultureller Unterschied am Werk. In Deutschland herrscht ein Individualismus, der mit dem unverdeckten Gesicht einhergeht. Masken tragen nur Verbrecher. Wegen der Bilder aus Korea habe ich mich inzwischen so sehr an den Anblick maskierter Menschen gewöhnt, dass mir das unverdeckte Gesicht meiner Berliner Mitbürger fast obszön erscheint. Ich hätte auch so eine Schutzmaske, aber hier bekomme ich keine.

Die Herstellung von Masken wurde in der Vergangenheit nach China verlegt. So kommt Europa nicht zu Schutzmasken. Solange Menschen weiterhin zur Arbeit in die Busse oder U-Bahnen ohne Schutzmasken drängen, bringt die Ausgangssperre nicht viel. Eine Lehre aus der Epidemie sollte sein, die Herstellung bestimmter Produkte wie Schutzmasken oder Medizin- und Pharmaprodukte wieder nach Europa zu holen.

Die Panik angesichts der Corona-Epidemie ist trotz der Gefahr, die man nicht herunterspielen darf, unverhältnismäßig. Selbst die spanische Grippe mit viel höherer Letalität hatte keine so verheerenden Auswirkungen auf die Wirtschaft. Warum reagiert die Welt so maßlos panisch auf ein Virus?

Emmanuel Macron spricht sogar vom Krieg und vom „unsichtbaren Feind“, den wir besiegen müssten. Haben wir mit einer Rückkehr des Feindes zu tun? Die spanische Grippe brach mitten im ersten Weltkrieg aus. Jeder war damals von Feinden umgeben. Niemand hätte die Epidemie mit einem Krieg oder Feind in Verbindung gebracht. Heute leben wir in einer ganz anderen Gesellschaft.

Wir haben sehr lange ohne Feind gelebt. Der Kalte Krieg ist längst vorbei. In der Vergangenheit rückte auch der islamische Terrorismus irgendwie in die Ferne. Genau vor zehn Jahren habe ich in dem Essay „Müdigkeitsgesellschaft“ die These vertreten, dass wir in einer Epoche leben, in der das immunologische Paradigma nicht mehr gilt, das auf der Negativität des Feindes beruht.

Die immunologisch organisierte Gesellschaft ist wie zur Zeit des Kalten Krieges von Grenzen und Zäunen geprägt. Diese verhindern die beschleunigte Zirkulation von Waren und Kapital. Die Globalisierung baut all diese Immunschwellen ab, um dem Kapital freie Bahn zu ebnen. Auch die allgemeine Promiskuität und Permissivität, die heute alle Lebensbereiche erfassen, bauen die Negativität des Fremden oder des Feindes ab.

Gefahren drohen heute nicht von der Negativität des Feindes, sondern vom Übermaß an Positivität, das sich als Überleistung, Überproduktion und Überkommunikation äußert. Die Negativität des Feindes gehört nicht in unsere grenzenlos permissive Gesellschaft. Die Repression weicht der Depression, die Fremdausbeutung der freiwilligen Selbstausbeutung und Selbstoptimierung. Krieg führt man in der Leistungsgesellschaft in erster Linie mit sich selbst.

Das Virus bricht plötzlich mitten in die wegen des globalen Kapitalismus immunologisch stark geschwächte Gesellschaft ein. Aufgeschreckt werden Schwellen wieder aufgerichtet und Grenzen dicht gemacht. Der Feind ist wieder da. Krieg führen wir nicht mehr mit uns selbst, sondern mit dem unsichtbaren Feind von außen. Die maßlose Panik angesichts des Virus ist eine gesellschaftliche, ja globale Immunreaktion. Sie ist deshalb so heftig, weil wir sehr lange in einer Gesellschaft ohne Feind, in einer Gesellschaft der Positivität gelebt haben. Das Virus wird nun als ein permanenter Terror empfunden.

Es gibt noch einen Grund für die massive Panik. Das hat wieder mit der Digitalisierung zu tun. Die Digitalisierung baut die Wirklichkeit ab. Wirklichkeit erfährt man am Widerstand, der auch schmerzen kann. Die Digitalisierung, die ganze Kultur des Gefällt-mir, baut die Negativität des Widerstandes ab. Und im postfaktischen Zeitalter mit Fake News oder Deepfakes entsteht eine Wirklichkeitsapathie. Hier löst das wirkliche Virus, also kein Computervirus, einen Schock aus. Die Wirklichkeit, der Widerstand, meldet sich zurück in Form eines feindlichen Virus. Die heftige, übertriebene Panikreaktion auf das Virus geht auf diesen Wirklichkeitsschock zurück.

Die Angst vor dem Virus spiegelt vor allem unsere Gesellschaft des Überlebens wider, in der alle Kräfte des Lebens dafür verwendet werden, das Leben zu verlängern. Die Sorge ums gute Leben weicht der Hysterie des Überlebens. Die Gesellschaft des Überlebens ist feindlich gegenüber dem Genuss. Die Gesundheit stellt ihren höchsten Wert dar. Die Hysterie des Rauchverbotes ist die Hysterie des Überlebens.

Unsere panische Reaktion legt dieses existentielle Fundament unserer Gesellschaft bloß. Das Virus macht den Tod wieder sichtbar, den wir ins Unsichtbare verbannt zu haben glaubten. Angesichts der drohenden Gefahr des Todes opfern wir bereitwillig alles, was das Leben doch lebenswert macht. Schon vor der Corona-Epidemie befanden wir uns in einem erbitterten Krieg ums Überleben.

Der nun ausgebrochene Krieg mit dem Virus ist seine Fortsetzung. Die Gesellschaft des Überlebens zeigt ihre unmenschlichen Züge. Der andere ist in erster Linie potentieller Virusträger, vom dem man Abstand zu nehmen hat, der mein Überleben gefährdet. Dem Kampf ums Überleben ist die Sorge ums gute Leben entgegenzusetzen. Sonst wird das Leben nach der Epidemie mehr Überleben als vor der Epidemie. Dann gleichen wir selbst dem Virus, diesem untoten Wesen, das sich nur vermehrt, nur überlebt, ohne zu leben.

Die panische Reaktion der Finanzmärkte auf die Epidemie ist auch der Ausdruck jener Panik, die ihnen bereits inhärent ist. Die extremen Verwerfungen in der Weltwirtschaft machen diese sehr verwundbar. Die abenteuerliche Geldpolitik der Notenbanken hat trotz konstant steigender Kurve des Börsenindexes in den letzten Jahren eine unterdrückte Panik erzeugt, die auf den Ausbruch wartete.

Das Virus ist wahrscheinlich nur der kleine Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Die Panik der Finanzmärkte bringt nicht die Angst vor dem Virus, sondern die Angst vor sich selbst zum Ausdruck. Der Crash hätte auch ohne Virus kommen können. Vielleicht ist das Virus nur der Vorbote eines noch größeren Crashs.

Zizek behauptet, das Virus versetze dem Kapitalismus einen tödlichen Schlag und beschwört einen obskuren Kommunismus. Er glaubt, dass das Virus Chinas Regime zu Fall bringen würde. Zizek irrt sich. All das wird nicht stattfinden. China wird seinen digitalen Überwachungsstaat als Erfolgsmodell gegen die Epidemie verkaufen. China wird die Überlegenheit seines Systems mit noch mehr Stolz demonstrieren.

Und nach der Epidemie wird der Kapitalismus mit noch mehr Wucht weitergehen. Touristen werden den Planeten weiterhin tottrampeln. Das Virus kann die Vernunft nicht ersetzen. Darüber hinaus bekommen wir im Westen womöglich auch noch den digitalen Überwachungsstaat à la China.

Der Schock ist ein günstiger Moment, er erlaubt, ein neues Herrschaftssystem zu etablieren. So gingen der Installierung des Neoliberalismus Krisen voraus. So war es in Korea und in Griechenland. Nach diesem Virus-Schock bekommt Europa hoffentlich nicht ein digitales Überwachungsregime à la China. Dann wird der Ausnahmezustand, wie Giorgio Agamben ihn befürchtet, zum Normalzustand. Dann schafft das Virus das, was dem islamischen Terrorismus nicht ganz gelungen ist.

Das Virus besiegt den Kapitalismus nicht. Kein Virus ist fähig zur Revolution. Das Virus vereinzelt uns. Es erzeugt kein starkes Wir-Gefühl. Jeder ist um sein eigenes Überleben besorgt. Die Solidarität, voneinander Abstand zu nehmen, ist keine Solidarität, die von einer anderen, friedlicheren, gerechteren Gesellschaft träumen ließe. Wir können die Revolution nicht dem Virus überlassen. Hoffen wir, dass nach dem Virus eine humane Revolution kommt. Es sind WIR MENSCHEN mit VERNUNFT, die den zerstörerischen Kapitalismus und auch unsere grenzenlose, destruktive Mobilität überdenken und radikal einschränken müssen, um uns, das Klima und unseren schönen Planeten zu retten.

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